Die Radiofamilie von Ingeborg Bachmann, 2011, SuhrkampDie Radiofamilie.
Skripte von Ingeborg Bachmann (2011, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 2.6.2011:

Die Seifenopern der Ingeborg Bachmann
Eher Dokumente als Literatur: Über ein Dutzend Folgen der in Österreich so beliebten „Radiofamilie Floriani“ in einem Band

Es ist ein bisschen so, als würde man in 60 Jahren feststellen, dass Peter Handke an den Drehbüchern für „Marienhof“ mitgeschrieben hat. Deshalb hat Ingeborg Bachmann, die sphärische Dichterin unter den Wortschaffenden der Nachkriegszeit, auch sorgfältig verschwiegen, was nun in einem neuen Bachmann-Band dokumentiert ist: Dass sie zwischen 1951 und 1953 beim amerikanischen Besatzungssender Rot-weiß-rot mehr als ein Dutzend Folgen der höchst beliebten „Radiofamilie Floriani“ geschrieben hat.

Bachmann hatte als Sekretärin in der Nachrichtenabteilung des Senders angefangen. Aber es fiel auf, dass sie nicht nur tippen, sondern schreiben konnte. Sie wechselte schnell ins „Script-Department“, bearbeitete „schlechte Manuskripte“, wie sie an Paul Celan schrieb, verfasste aber auch die wöchentliche Filmkritik und Hörspiel-Folgen der beliebten „Radiofamilie“.

Die ersten sind noch tief vom rustikalen Figuren-Zuschnitt der Serie geprägt, vom fröhlichen Behagen am bürgerlichen Alltag. Immerhin, es gibt da den Onkel Guido, der früher Nazi war, und auch sonst einiges an historischer Realität – aber stets gemildert vom Einverständnis eines idyllischen Humors, mit dem die Amerikaner die Österreicher nicht nur umerziehen, sondern auch der russischen Konkurrenz im Sender Ravag abspenstig machen wollten.

Selbst Bachmanns enormes Talent für Dialoge aber macht aus den Texten nur Gebrauchsprosa für den täglichen Tag von früher. Sie haben mehr dokumentarischen als literarischen Wert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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