1.) - 2.)
Die
Plünderung der Kulturschätze.
Gedichte von Claudia Wädlich (2009,
DLV).
Besprechung von Helen Sibum aus der
NRZ vom
16.01.2010:
Sie war vier Jahre alt, als ihre Tante von einem Besuch in Abu Simbel zurückkehrte und der Familie berückende Geschichten erzählte. „Ich will auch nach Ägypten”, soll Claudia Wädlich damals gesagt haben. Inzwischen hat sie das Land mehrmals bereist und würde stets zurückkehren, auch wenn sie dort schreckliche Dinge erlebt hat. Was ihr 1997 in Luxor passierte, prägt die Gedichte, die sie seitdem schreibt. Nun ist Wädlichs zweiter Lyrikband erschienen.
Durch das Schreiben, sagt die 51-jährige studierte Juristin, „fühlte ich mich aufgefangen. Ich hatte damals einen wahnsinnigen Schock.” Bei dem Anschlag an einer Ausgrabungsstätte, dem mehr als 60 Touristen zum Opfer fielen, war Wädlich in Hörweite. Die Schussgeräusche hätten sie und andere in eine Grabkammer getrieben. Sie erinnere sich, wie der Tempelwächter hinter ihnen vorsorglich die Tür schloss. „Ein entsetzlicher Abgrundsmoment.”
Die etwa 15 Reisenden versteckten sich, bis die „erdrückende Enge” nicht mehr auszuhalten war. Als sie sich wieder ins Freie trauten, war der Alptraum bald vorbei, die meisten Attentäter wurden von der Polizei getötet. „Seitdem habe ich immer wieder ermittelt”, sagt Wädlich, die trotz Bekenntnis einer islamistischen Gruppe an deren Urheberschaft zweifelt und das in ihren Werken anklingen lässt.
„Ich wollte politisch mehr aus den Sträuchern kommen”, so Wädlich über ihr zweites Buch. Mit dem Dichten begonnen hat sie 1998, ein Jahr nach dem Anschlag. Lyrik-liebend sei sie bereits lange zuvor gewesen, schätzte vor allem Else Lasker-Schüler. „Es merkt ja keiner, versuch' dich mal daran”, habe sie irgendwann gedacht und bei Spaziergängen mit ihrem Hund im Kopf die ersten Zeilen geschmiedet.
Die Motivation wuchs, zumal Wädlich sich an manch anderer zeitgenössischer Lyrik stößt: „Zu wenig Inhalt, zu wenig gesellschaftliche Analyse.” Die will sie mit ihren Gedichten leisten und gerade Ägypten ließ Wädlich nicht los. Zehn Monate nach dem Attentat war sie wieder da, auf großer Rundreise. Sie sah kleine Hotels, die pleite gegangen waren, sprach mit Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten.
Zurzeit sitzt Wädlich übrigens an ihrem ersten Roman – über Ägypten.
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Leseprobe I Buchbestellung 0210 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Die
Plünderung der Kulturschätze.
Gedichte von Claudia Wädlich (2009,
DLV).
Besprechung von Harry
Michael Liedtke im Lokalkompass vom
4.11.2011:
Zivilisationskritik mit Niveau
Claudia Wädlich legt nach!
Die wortgewaltige Autorin aus Oberhausen übt auch in ihrem
zweiten Gedichtband Zivilisationskritik mit Niveau. Die studierte Rechtsgelehrte
(mit Spezialisierung in Kriminologie) betreibt in ihren lyrischen Bildern
beherzt Ursachenforschung in Sachen Kulturverfall und benennt genauso furchtlos
die Folgen einer klandestinen politischen Einflussnahme.
Als Überlebende des Aufsehen erregenden Terroranschlags in Luxor (1997) ist sie
für diese brisante Thematik besonders sensibilisiert. Die Erinnerungen an die
Bluttat, bei der mehr als 60 Touristen ums Leben kamen, prägen nachhaltig die
Gedichte, welche die Ägyptenkennerin seither verfasst.
Die Texte muten beinahe analytisch an. Sie beinhalten und wecken Zweifel, sind
hochpolitisch, lassen nicht kalt.
Verstärkt wird die emotionale Wirkung der Verse durch ein ungewöhnliches
optisches Arrangement. Es wurde viel mit unterschiedlichen Schriftauszeichnungen
und -arten gearbeitet, mit Wortabständen und Leerzeilen. Infolgedessen drängt
sich dem Leser unwillkürlich die Warum-Frage auf. Das Überlesen gewichtiger
Aussagen wird so unmöglich gemacht, die Bedeutung auf originelle Weise
unterstrichen.
Ein höchst ungewöhnliches Buch – nicht bloß inhaltlich, sondern auch in Bezug
auf das Layout.
Verlassene Orte
zu betretendes Schweigen
um den ausgefransten Kulturnachlass
der Vergangenheit
gierige Aasgeier
kreisen
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.lokalkompass.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1111 LYRIKwelt © HML