Die Platzanweiserin von Susanne Fischer, 2006, EichbornDie Platzanweiserin.
Roman von Susanne Fischer (2006, Eichborn).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Züricher Zeitung vom 24.06.2006:

Mit Hopper an der Elbe
Susanne Fischers kunstvoller Roman «Die Platzanweiserin»

Häuser, sagt Christina Genthe, eine in Hamburg lebende Mittdreissigerin, «sollten überhaupt nicht verkauft werden, sondern den Personen gehören, zu denen sie passen», und erntet mit dieser weltfremden Position nur ein müdes Lächeln ihrer zumindest auf den ersten Blick kapitalismusgestählten Freunde. Mit solch einer Einstellung lässt sich – das weiss Susanne Fischers Romanheldin allzu gut – in einer Metropole kaum ein Bein auf den Boden bringen, und so hat Christina beschlossen, sich vom Berufsleben zu verabschieden. Ihre Versuche, sich als Assistentin eines Immobilienmaklers zu verdingen oder im ruhigen Dunkel eines Kinosaals als Platzanweiserin zu wirken, schlugen fehl, und so verbringt sie ihre Tage damit, mit Max, dem Sohn der Nachbarn, Häuser jedweder Art zu besichtigen und deren Geheimnisse zu ergründen.

Susanne Fischer, im Hauptberuf Geschäftsführerin der Arno Schmidt-Stiftung, ist eine Autorin, die mit grosser Stilsicherheit Charaktere am Rande der Gesellschaft entwirft und diese zu Beobachtern eines oft fremd erscheinenden Alltags macht. Christina versucht sich von den Anfeindungen des modernen Lebens abzuschotten und eine «nötige Entfernung zu allen anderen» einzuhalten. Frei nach Wilhelm Buschs Devise «Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut» entsagt sie übergrosser Aktivität, um Abstand zu wahren: «Wer gelebt wurde, brauchte die wichtigen Sachen nur von fern zu sehen.»

«Die Platzanweiserin» ist so einerseits ein Entwicklungsroman im Kleinen, der seiner Heldin am Ende – als sie ein Mann aus der Reserve lockt – einen Weg aus der Abkapselung weist. Bis es dazu kommt, hat Christina eine absonderliche Irrfahrt zu unternehmen. An der Seite von Thomas, dem Bruder ihrer Schulfreundin Rita, besichtigt sie ein dubioses Haus an bester Lage an der Elbe, leistet nächtens den Kängurus im Hannoveraner Zoo Gesellschaft und lässt dabei mit Thomas die Stationen einer Jugend in den siebziger Jahren Revue passieren. Die Jahre des Terrorismus, mit dem Christinas Freundinnen verstohlen sympathisierten, erweisen sich im Rückblick als Zeit des endlosen Palaverns und der bunten Träume, die kaum länger als zwei Sommer währten.

Mit geschickten Schnitten und feinem Gespür für Tempo und Ironie führt Susanne Fischer die gegenwärtigen Leiden ihrer zu stranden drohenden Figuren auf die Verletzungen einer Adoleszenz zurück, die mehr versprach als hielt. Je länger dieses Wechselspiel aus Erinnerungs- und Gegenwartsszenen andauert, desto deutlicher werden die Zusammenhänge: Christina hat sich aus dem aktiven Leben davongestohlen, um sich zu schützen. Während ihre Freundin Tamara, die sich mit ihren nicht wenigen Kindern recht und schlecht durchschlägt, offen ihren Existenzkampf austrägt und Thomas darüber verzweifelt, dass seine Schwester auf Nimmerwiedersehen verschwand, macht sich Christina klein und will das Leben einfrieren. Zum Symbol dieser Haltung werden ihr die Bilder Edward Hoppers, diese modernen, auf ungezählten Postern und Postkarten vervielfältigten Aufnahmen der Einsamkeit und der Melancholie. Hoppers «Office at night» oder «Sun in an empty room» wirken auf Christina, «als seien sie gegen das Reden geschrieben» – ein Effekt, den sie lange Zeit auf ihren Alltag übertragen wollte.

«Die Platzanweiserin» ist ein kleiner, kunstvoller Roman, der mit leichter Hand magische Szenerien aufbaut und Menschen darüber nachdenken lässt, welcher Platz ihnen auf Dauer zugewiesen wird. Und es ist ein Roman über Wunsch- und Idealhäuser, über Orte, die zu einem passen. Wie sie Hopper gemalt hat, etwa in «Cape Cod Sunset», das das Schlussbild des Romans liefert: «Da ist nichts, es ist ein perfektes Haus, es steht in einer Wiese, die wie ein gelber Teppichboden aussieht, alle Rollos hängen im waagrechten Licht auf Halbmast. Und sonst nichts. Kein Mensch, kein Blumentopf, kein Kinderspielzeug, das liegen blieb, kein Gemüsebeet, keine Lampe, kein Verandastuhl, kein Briefkasten, keine Klingel, kein Fussabstreifer. Nichts. Ein Ausserirdischer könnte nicht ahnen, wozu das Ding gut sein soll.» Das allerletzte Wort freilich hat Christinas neuer Begleiter Paul, und dieser schüttelt angesichts dieser «Perfektion» nur den Kopf.

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