Die Pflaumenallee von Jens Wonneberger, 2006, Steidl

Die Pflaumenallee.
Roman von Jens Wonneberger (2006, Steidl)
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit, 18.1.2007:

Schiffbruch mit Zuhörer
Jens Wonnebergers traurig-gewitzter Roman

Dass es auch im zweiten Jahrzehnt nach dem Mauerfall noch eine ostdeutsche Literatur gibt, entnimmt man den ständig nachwachsenden DDR-Reminiszenzen – vermutlich werden auch noch die achtziger Jahrgänge mit ihren Kindergartenerfahrungen zu literarischen Chronisten des abgewickelten Landes. Interessanter wird die Differenz dort, wo die Ostperspektive nicht thematisch auftrumpft, sondern als neue Sicht auf die verallgemeinerte West-Gegenwart erscheint. Der Sachse Jens Wonneberger befasste sich 1999 in dem Roman Wiesinger noch mit einem ehemals dissidenten Späthippie. Fünf Jahre später war er mit Infarkt bei der tragikomischen Existenz jener Subnormalos angekommen, die heute wieder als Unterschicht klassifiziert werden. Ihre gesammelte Lebensangst führte er am Schnapsregal eines Discounters zum Kollaps – ohne Häme oder Klamauk. Scharf und mitfühlend erzählte der Schriftsteller aus dem Land der Kollektive vom Zustand kollektiver Vereinzelung.

Die empfindsame Phänomenologie der Spezies, deren bloße Anwesenheit vorm Pennymarkt den bürgerlichen Noch-Gewinnern die eigenen Abstiegs-Albträume ins Gedächtnis ruft, bleibt Wonnebergers Spezialität. In seinem neuen Roman ist das Personal auf zwei Exemplare geschrumpft, deren eines, der Ich-Erzähler, zu diesen Noch-Gewinnern gehört. Befremdet verfolgt er die Monologe des Arbeitslosen mit der gelben Windjacke und der Beinprothese, mit dem er die Schulbank und die Bank an einer Pflaumenallee teilte – denn beide sind im selben Dorf aufgewachsen. Jetzt wohnt Bergheimer in den »Arbeiterschließfächern« am Stadtrand und erklärt, auch dort »gleiche alles eher einem aufgelassenen Steinbruch als einer bewohnten Stadt. Weit habe er es also nicht gebracht, er habe das einsame Klirren der heruntergelassenen Schranke nur gegen jenes Klirren eingetauscht, mit dem die Stahlseile gegen die Masten der Fahnenstangen des Einkaufszentrums schlügen.«

So »klirrend« präzise wird ein missglückter Übergang markiert – weniger von Ost nach West als vom Land in die Stadt. Der schwadronierende und räsonierende Bergheimer mag ein Opfer sein, als Wendeopfer beschreibt er sich nicht. Aus seinen sprunghaften, im trüben Fluss indirekter Rede wiedergegebenen Auslassungen spricht eine stumpfe, zugleich radikale und resignierte Zivilisationskritik, wie sie an den wuchernden Rändern dieser Zivilisation wächst. Gnadenlos registriert der Krüppel die Hybriden des kapitalistisch verordneten Wohl- und Stillstands: Hundekottütchen, Herdabdeckhauben, Spielplatzpförtner und Laubstaubsauger. Ebenso gnadenlos wechselt seine Wut die Seiten. Mal nervt der verschlossene Spielplatz, mal der säumige Spielplatzwärter; mal wird ein Jobangebot als Zumutung abgetan, mal gönnerhaft ins Auge gefasst. Bergheimer ist ein professioneller Verlierer.

Freudlos, mutlos, ohne Freunde, ohne Freundin

Was die Vergangenheit betrifft, geht es in seinem Sermon vor allem um die tristen Familienverhältnisse. Sie brachten den Jungen dazu, tagelang in dem stinkenden Schuppen im Steinbruch zu sitzen und Fliegen zu quälen, bis er in die »Horde frühreifer Dorfältester« aufstieg, deren »Kultstätte« die Pflaumenalleebank war. Mit dieser Clique ist denn auch die Episode einer halbherzigen Widerstandsaktion verbunden, als der »Junge-Gemeinde-Winter« ein Transparent aufhängen wollte, die Verschwörung aber abblies. »Der Winter sei im Fallenlassen von Ideen ganz groß gewesen, und mit jeder Idee habe er ganz selbstverständlich immer auch Menschen fallengelassen. Der größte Menschenabschreiber vor dem Herrn, das sei der Winter gewesen, sicher habe der es zu etwas gebracht.« In der Tat: Winter ist mittlerweile bei einem evangelischen Bildungswerk mit – was wohl? – der Erforschung osteuropäischer Diktaturen beschäftigt.

Die beiden einander in wechselnden Abständen auf wechselnden Bänken treffenden Männer teilen dagegen eine gesamtdeutsche Depression – in Bergheimers scharfsinnig paradoxer Rhetorik: »Der Mittelmäßigkeit hätten wir damals vollmundig dem Kampf angesagt, aber dann wäre irgendwann die Mäßigung das Mittel zum Zweck unseres Lebens geworden.« Wenn sich jemand von dieser Diagnose getroffen fühlen muss, dann der Ich-Erzähler selbst: Angestellter in einem Ingenieursbüro für Wärmedämmung, freudlos, mutlos, ohne Freunde, ohne Freundin. Birgit hieß die mutigere Gefährtin aus DDR-Zeiten. Zum Thema Widerstand muss auch er sich eingestehen, »wußte ich nicht genau, vor was ich damals mehr Angst gehabt hatte, von der Uni geschmissen zu werden oder aus Birgits Bett«. Letzteres ist längst geschehen. Doch der namenlose Jedermann hütet sich, Bergheimers Bekenntnisdrang nachzueifern. Es reicht, dass er die Verabredungen einhält und den Alkohol sowie die Zwischenfragen beisteuert.

Der Monolog als neue Form sozialer Kommunikation

Wer die Geduld hat, ihm beim stummen Anhören von Bergheimers Tiraden zu sekundieren, wird – und darin liegt die Kunst dieses Buches – zum Komplizen einer Lebenslüge, die weit größer ist als die des lästigen Schwätzers. Rätselt man anfangs noch, was dieser lohnarbeitende Normalmensch davon hat, mit einem halben Penner auf Parkbänken Rotweinflaschen zu leeren, so wächst allmählich der Verdacht, dass es sich um ein Distanzierungsmanöver handelt, eine entlastende Projektion, deren psychischer Gewinn nur so lange anhält, wie der andere die Loser-Rolle auf sich nimmt. Als sich Bergheimer zurückzieht, wird der Erzähler unruhig und kaschiert seine Bedürftigkeit mit Zorn; schließlich hat ihm Bergheimer Zeit und Ruhe geklaut. Er sieht sich als Gläubiger, doch »je mehr er mir schuldete, desto stärker band er mich an sich«. Diese Struktur wird zu einem doppelt überraschenden Ende führen. Für den dabeisitzenden Leser aber wird die Bank zur Anklagebank, sobald er erkennt, dass auch er als schweigender Zuhörer den Profit von Bergheimers hellsichtigem Elend einstreicht.

Im Text aber spielt die anonyme Stadt die dritte Hauptrolle. Dresden, nie beim Namen genannt, bleibt austauschbar; ihre Schauplätze – Parkbrunnen, Straßenbahnhaltestelle, eine als »Platz« geltende Bombenlücke oder »Benno’s Sachsengrill« – erinnern an das gesichtslose Frankfurt von Wilhelm Genazinos einsamen Flaneuren. Bald aber zerstreut sich der erste Eindruck, die »Pflaumenallee« sei eine verspätete Fortsetzung der melancholischen Wahrnehmungsekstase, die Genazino nach dem sperrigen »Abschaffel« kultivierte. Bei Wonneberger sprechen keine narzisstischen Monaden, sondern Menschen, die einander ohne erklärte Beziehung, ohne Reflexion und Psychologie ausgeliefert sind. Seine Einzelgänger sind hilflos sozial. Darin unterscheidet sich dieses traurig-gewitzte Erzählen von der gewichtigen Befindlichkeitsprosa der achtziger Jahre, mit der im Westen die Tragik der Vereinzelung stilisiert wurde. Nicht zufällig entsteht aus dem »Unterschichtsthema« eine Ästhetik auf der Höhe der Zeit – der Monolog als soziale Kommunikation.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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