Die Passantin.
Roman von Andrea Blanqué (2005, Rotpunktverlag - Übertragung Sybille Martin).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Zürcher Zeitung vom 25.04.2006:

Pfeile, in alle Richtungen
Andrea Blanqués «Passantin»

Auf dem Umschlag der spanischen Ausgabe steht eine Frau mit Koffer an einem unnützen Wegweiser. Kein Ziel findet sie, nicht einen Ortsnamen, nur Pfeile, in alle Richtungen. Sie ist die ewig Unstete, «die Reisende», und so, «La pasajera», heisst das Buch im Original. Verblüffung beim Lesen: Wie wenig es braucht für ein gutes Stück Prosa – eine lineare Story, lakonisch erzählt aus einer einzigen Perspektive.

Die Autorin, Andrea Blanqué (Jahrgang 1959), kommt aus Uruguay. In «La pasajera», ihrem zweiten Roman, beweist sie Mut zur Schlichtheit. Doch diese Schlichtheit (man lasse sich nicht täuschen) ist überaus kunstfertig und gewiss Ergebnis strenger Textarbeit.

Eine Ich-Erzählerin – einst Weltenbummlerin, jetzt Lehrerin an einer Abendschule in Montevideo – sucht mit siebenunddreissig noch immer das verheissene Land: eine lebenswerte Existenz, ihren Platz. Die Frau zieht allein zwei Teenager gross; der Ex-Mann, Israeli, wohnt in Tel Aviv. Wenn sie an ihn denkt (und an ihr jugendliches Ich, dort, mit ihm), sieht sie Schreckliches – Bomben, brennende Busse, blutende Leiber.

Die Frau lebt wie angekettet in ihrer ruhigen, etwas langweiligen Stadt am Río de la Plata. Was ihr an Weite fehlt, versucht sie durch Tiefe zu ersetzen. Sie reist nach innen, führt Tagebuch, schildert Ängste und Begierden, das Grau des Alltags und die seltenen Partys. «Bei solcherart Veranstaltungen treffen geschiedene Frauen auf einen Wolf – sobald es Nacht wird, öffnen sich neue Wege im Stadtdschungel. Alle hoffen, dass ihnen jemand die Eingeweide herausreisst.» Die Frau berichtet von Schüben der Verzweiflung, von Tränen unter der Dusche. Und von einer Liebe, die plötzlich über sie kommt wie eine Naturkatastrophe, schrecklich und schön. (Der Mann, noch jung, ist querschnittgelähmt – und er ist einer ihrer Schüler.) Das grosse Abenteuer in einem insgesamt unauffälligen Leben aber bleibt das Mysterium des Schreibens: die stete Erschaffung der Welt durch Wörter, die Schöpfung, unschuldig, auf einem leeren Blatt Papier.

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