Die Optimisten von Andrew Miller, 2007, Zsolnay

Die Optimisten.
Roman von Andrew Miller (2007, Zsolnay -
Übertragung Nikolaus Stingl)
Besprechung von Jürgen Brôcan in Neue Züricher Zeitung vom 12.7.2007:

Die gekenterte Hoffnung

Auf einem notdürftig gezimmerten Floss aus vertäuten Balken sind ein Dutzend Leiber zusammengedrängt. Sie liegen übereinander, halten sich gegenseitig fest, einige sind tot, andere vielleicht nur bewusstlos, wieder andere weisen auf einen Punkt am fernen Horizont oder winken ihm mit letzter Kraft zu. Ein Menschenknäuel, im Leben wie im Tod miteinander schicksalhaft verflochten, vereint unter einem sich bedrohlich in die falsche Richtung blähenden Segel: So stellte...

Auf einem notdürftig gezimmerten Floss aus vertäuten Balken sind ein Dutzend Leiber zusammengedrängt. Sie liegen übereinander, halten sich gegenseitig fest, einige sind tot, andere vielleicht nur bewusstlos, wieder andere weisen auf einen Punkt am fernen Horizont oder winken ihm mit letzter Kraft zu. Ein Menschenknäuel, im Leben wie im Tod miteinander schicksalhaft verflochten, vereint unter einem sich bedrohlich in die falsche Richtung blähenden Segel: So stellte sich Théodore Géricault die Überlebenden der gesunkenen Fregatte «Medusa» vor. Die ganze pyramidenförmig gestaffelte Dynamik des Bildes ist dabei auf das rettende Schiff gerichtet, das kaum sichtbar über der Kimmung auftaucht.

Ruhe nach dem Sturm

Der Fotograf Clem Glass in Andrew Millers Roman «Die Optimisten» deutet dieses ohnehin in dunklen Farben gehaltene Bild noch schwärzer: Ist der Strich über den Wellenkämmen überhaupt ein Schiff? Und wenn es tatsächlich eines ist, würde es das Floss bemerken? Und fände man die Überlebenden, dann «wären sie und ihr widerwärtiges Fahrzeug ein Infektionsherd, eine geistige Cholera, die Vereitelung jeder Hoffnung» – also wäre es besser, eine zweite Sturmwoge machte all dem ein Ende. Welches Ereignis hat Glass' Gemüt derart verdüstert?

«Nach dem Massaker bei der Kirche von N. flog Clem Glass heim nach London.» Lakonischer kann ein Roman über das Grauen nicht beginnen. In diesem Anfangssatz ist bereits der ganze Text enthalten: Es geht nicht um den Genozid in Rwanda, sondern darum, was allein schon die Zeugenschaft eines solchen Massakers aus einem Menschen macht. Die Zurückhaltung, der mehr andeutende als beschreibende Gestus dieses Satzes ist typisch für den weiteren Verlauf des Romans. Das Entscheidende wird nie direkt benannt, sondern nur in seinen Auswirkungen sichtbar.

Doch was bedeutet «heimkehren»? Vollkommen verstört, aus jeder bürgerlichen Routine geworfen, unkontrolliert aggressiv, unfähig der simpelsten Hilfe für seine Mitmenschen: So gebärdet sich Clem Glass, «der sich einmal auf der Seite der Anständigen und der Mutigen gewähnt hatte». Manchmal weisen bloss Nuancen auf die Verschiebung normaler Sicht und die Umkehrung gewohnter Bilder hin, etwa wenn es beiläufig heisst, dass Schmetterlinge «wie Abfallpapier über den Gleisen taumelten». In der spannungsarmen Alltäglichkeit, die der Roman streckenweise geradezu zelebriert, liegt die gefährlich angespannte Ruhe nach dem Sturm.

Dass sich Clem Glass auch anders hätte entwickeln können, wird bei der Begegnung mit zwei als Gegenfiguren angelegten Fotografen deutlich: Der eine hat sich nach sozialkritischen Themen einer künstlerischen Ästhetisierung zugewandt und strahlt nun als umworbener Partylöwe, der andere wurde durch seine Arbeit zum Gefahrenjunkie, zum «wahren Adepten des Extremen», stets auf der Suche nach «frischem Chaos». Echte geistige Verwandtschaft dagegen empfindet Clem Glass einzig für den Kollegen, der gemeinsam mit ihm Zeuge jenes Massakers war, denn beide sind danach «auf ihre Weise aus dieser Welt ausgestiegen». Glass seinerseits kämpft darum, «bequeme Gewissheiten wiederzugewinnen, von denen er im tiefsten Inneren wusste, dass sie für immer dahin waren». Als scheinbar probates Mittel gegen den «gefährlichen Abwärtssog des Zögerns und der Tatenlosigkeit» erweist sich schliesslich die Betreuung seiner psychisch kranken Schwester.

Anfangs ist Clem Glass der Überzeugung, dass nichts vergeben und nichts vergessen werden sollte, doch im Umgang mit seiner Schwester kommt ihm allmählich der Gedanke, «dass das Vergessen gemäss irgendeinem paradoxen Gesetz in gewisser Weise vielleicht die zuverlässigste Funktion des Gedächtnisses war, ein überaus notwendiges und raffiniertes Mittel, Erfahrung und Wissen langsam zu löschen». Doch was seiner Schwester zeitweise Heilung ihres (nie genau definierten) Problems verschafft, funktioniert bei Clem Glass nicht, denn sobald er den Aufenthaltsort des mutmasslichen Massenmörders von N. erfährt, spürt er das Bedürfnis, ihm gegenüberzustehen und seine Motive zu erfahren.

Wahrheit oder Rache?

Doch welches sind Glass' eigene Beweggründe? Ist er tatsächlich nur an einer Aufklärung interessiert? Oder ist das Verlangen nach Rache grösser als der vorgeschobene Wunsch, die Wahrheit zu erfahren? In souveräner Beiläufigkeit des Erzählens werden solche und weitere Fragen nach dem Umgang mit dem Grauen aufgeworfen, für die es keine eindeutige oder zumindest einfache Antwort gibt. Glass wird nicht nur mit der Banalität des Bösen, sondern auch mit dessen erschreckender Normalität konfrontiert, die bis in seine eigene Familiengeschichte zurückführt. Ihm wird auch verdeutlicht, dass es nicht leicht ist, in jedem Fall zu bestimmen, was Schuld ist und vor allem wer ein Schuldiger ist und wer nicht. An dieser heiklen Stelle enthält sich der Autor Andrew Miller jeden Kommentars, er führt nur den Konflikt und dessen Vielschichtigkeit vor, ohne Sympathien oder Antipathien für die Beteiligten erkennen zu lassen.

Auf einer Metaebene geht der Roman überdies dem Problem nach, ob man das Grauen adäquat einfangen und wiedergeben kann. Ein Gemälde wie Géricaults «Floss der Medusa» ist in vollkommen verschiedene Richtungen interpretierbar; auch eine Foto zeigt niemals die ganze Wahrheit, selbst wenn das Medium scheinbare Objektivität vorgaukelt; und den geschriebenen Worten entziehen sich die eigentlichen, urinnersten Antriebe der Seele ebenfalls. Die grosse Stille des Schnees, die am Ende des Romans alles zudeckt, fällt in die unbeantworteten Leerstellen, die Millers Studie hinterlässt, doch das Buch hinterlässt trotzdem Spuren nach der Lektüre.

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