Die Offenbarung.
Roman von Robert Schneider (2007, Aufbau).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 17.10.2007:

Lieber den Bach rauf als runter

Seit er 1992 vom Vorarlberg her "Schlafes Bruder" schickte und die gewöhnlichen Erfolgsdimensionen eines literarischen Debütanten sprengte, ist noch jeder neue Roman Robert Schneiders ein ambivalentes Ereignis. Die Leser kaufen es, obwohl die Literaturkritik sich eingeschossen hat auf diesen gnadenlosen Pathetiker. Wie die Landschaft, so die Bücher: verstiegen. Figuren neben der Zeit und meistens auch neben sich. Luftgänger, Kristuswiedergeburten, Musikbesessene, Kinderarbeiter, innere Stimmen und äußere Pein, blutleere Herzmenschen auf Seelenschwingen, magische Geister, die abstürzen bei ihren Flugversuchen. Und ein Autor, der es ihnen gleich tut: ehrgeizig verbohrt, in der Emphase zu Hause und dort Stilblüten häufend. Und stets von allem soviel zuviel, dass es ins unfreiwillig Komische kippt.

Der neue Roman ist freiwillig komisch. Vielleicht sollte man das endlich lesen dürfen als die entkrampfende Farce nach den vielen Tragödien. Klein ist der Ansatz deswegen noch lange nicht. Schneider steigt vom Berg in die ostdeutsche Provinz nach Naumburg, das man einst schon hinter Thomas Manns Kaisersaschern im Doktor Faustus zu erkennen glaubte. Nietzsche-Ort, Bach-Ort, Dom-Ort mit Dunkeldeutschlands Uta drin, Beamtenstädtchen und Wein-Revier. Und heute ein Ort zum Weinen. Schneider liebt die Steilvorlagen, diesmal folgt man ihm gerne beim Hinterherlaufen.

Jakob Kemper sieht Handwerker und keine Menschen in der vieltürmigen Stadt, die irgendwie so ist wie seine erste unerfüllte Liebe Eva: eindrucksvoll geformt und amusisch. Also das komplette Gegenteil von ihm. Er, das Nachkriegskind, hat früh die Werk- gegen die Orgelbank getauscht. Das hat ihn zum verzweifelten Menschen gemacht, denn seine Umwelt ist sehr anders als er. Er ist gescheit und gescheitert. Als Dirigent, Kirchenmusikkomponist und als Liebhaber sowieso. Er ist der verlorene Sohn eines überpotenten Vaters, der ihm die Frau der Träume ausspannt und ihm in Gestalt eines 35 Jahre jüngeren Halbbruders fast so etwas wie einen Sohn schenkt.

Eine Stadt, von der Wende gebeutelt

Er ist der verlorene Sohn einer wendegebeutelten Stadt, die ihn neben sich und allem herlaufen lässt, ihm aber eine halbe Stelle als Musikschullehrer lässt. Und als verlorener Sohn des Autors ist er eine Karikatur und nicht einmal im Ansatz eine ambitionierte Kopfgeburt. Das ist die neue, ziemlich erstaunliche Qualität dieses Buches, das eben deswegen nicht ist wie seine Vorgänger. Es ist, als würde Schneider mit sich selbst spielen und sich dabei ironisieren können. Das Lachen darüber ist ein befreiendes.

Einen witzigen, leichthändigen, gut zu lesenden, satirischen Musik- und Zeitroman hat Robert Schneider geschrieben, bei dem er endlich einmal nur selten übers Ziel hinausschießt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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