Dienstmädchen und Direktricen von Fritz Rudolf Fries, 2006, Faber & Faber

Dienstmädchen und Direktricen.
Roman von Fritz Rudolf Fries (2006, Faber&Faber).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 20.02.2007:

Das Politische ist das Private
Fritz Rudolf Fries und die Innenseite des Terrorismus: "Dienstmädchen und Direktricen".

Hätte ihn "das Komitee" nicht nach Deutschland verfrachtet, säße Achmed heute auf den Bänken des Gerichts in Madrid, das derzeit gegen die Zugattentäter des Frühjahrs 2004 verhandelt. Schon deshalb liest man Fritz Rudolf Fries jüngsten Roman "Dienstmädchen und Direktricen" in diesen Tagen mit angehaltenem Atem. Den Marokkaner Achmed hat es also nach Berlin verschlagen, wo er die drei Blondinen von der Straßenseite gegenüber dabei beobachtet, wie sie versuchen, ein Hotel zu eröffnen. Bis dann eines Tages feststeht, dass es "Zum Goldenen Strand" heißen wird, hat sich Achmed als helfende Hand längst unentbehrlich gemacht; mit den drei bulgarischen Damen ist er inzwischen aufs Engste vertraut und weiß also, dass es sich bei Ira, Irina und Laura um Großmutter, Mutter und Tochter handelt. Und die russische Blondine in der Küche des Hotels hat der "Pate" geschickt, der nicht nur im Hintergrund, sondern auch im Dunkeln bleibt.

Ein schlau gemachter Simplizissimus

Und hier liegt die Stärke dieses Romans. Er ist typisch für Fritz Rudolf Fries, der 1935 in Bilbao geborene Sohn eines deutschen Kaufmanns und einer spanischstämmigen Mutter, dessen erster Roman "Der Weg nach Oobliadooh" in der DDR nicht erscheinen durfte, der zu den schillerndsten Figuren der dortigen Literaturszene gehörte und von der Stasi zwischen 1976 und 1985 als IM Pedro Hagen geführt wurde. Denn es ist einmal mehr ein schlau gemachter Simplizissimus, ein deutscher Schweijk, der da als Achmed durch einen Roman stolpert. Deshalb nimmt man ihm auch anfangs nicht so recht den islamistischen Marokkaner ab, aber das, stellen wir mehr und mehr fest, ist er auch gar nicht, jedenfalls nicht so richtig.

Die vielen Terroristen, die einem in den vielen Terroristen-Romanen der letzten Zeit begegnet sind, waren allesamt Überzeugungstäter. Vor lauter bohrenden Fragen, wie ein verbohrter Islamist von innen aussieht und wie einer so wird, vergessen die meisten, dass manche auch aus Versehen so werden. Oder weil sie so zu Macht kommen, die ihnen sonst verwehrt wäre. Oder, hols der Teufel, des lieben Geldes wegen? Wer sagt denn, dass die Unterschiede zwischen Mafia und El Kaida groß sind?

Auch das spielt Fritz Rudolf Fries nur in Gedanken durch, leichthändig und elegant wie einer, der noch stets dichter am magischen als am sozialistischen Realismus entlanggeschrieben hat. Also verheddert sich Achmed genauso in den Fallstricken der Liebe wie in den Intrigen des "Komitees" und des "Paten", und er hat einmal sogar gemordet. Wenn man erst mal erfahren hat, wen denn eigentlich, dann ist auch klar, dass in diesem Roman auch das Politische das Private ist. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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