Die nennen das Schrei von Thomas Brasch, 2013, SuhrkampDie nennen das Schrei.
Gedichte von Thomas Brasch (
2013, Suhrkamp, hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt, XI. 2013:

Für die Leser/innen Thomas Brasch’ (1945-2001) bedeutet der kürzlich erschienene Band der gesammelten Gedichte „Die nennen das Schrei“ eine ungemeine Bereicherung, versammelt er doch (neben den zu Lebzeiten erschienenen Bänden Brasch’) die Gedichte aus dem Nachlaß und verstreut Veröffentlichtes.

Die sorgfältige Edition der beiden Herausgeberinnen verdient allen Respekt, die Sichtungstätigkeit des vorliegenden Materials dürfte ein Kapitel für sich gebildet haben, war Brasch doch auf verschiedenen Gebieten unterwegs, die sich von vom Gelegenheits- über ’s Widmungsgedicht und die Ballade hin zum Lied oder Begleittext erstreckten.

Beginnend mit sämtlichen zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten (hier zum ersten Mal  vollständig vorgestellt) stellt der Band auf weiteren 357 Seiten bislang weitgehend oder gänzlich Unbekanntes aus dem Nachlaß vor und vermittelt zudem umfangreiche Zusatzinformation zur Entstehung und zum Kontext der veröffentlichten Bücher oder der einzelnen Gedichte. Das Ganze ist chronologisch geordnet und entsprechend kommentiert. Die Zugabe eines Bildteiles gestattet zudem Einblick in die Arbeitsweise Thomas Brasch’.

Waren zu Zeiten der DDR Zeilen wie

„Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. /

Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem anderen, verschwinden.“

(in: „Poesiealbum 89“ von 1975:  S.32 (unpaginiert), in der besprochenen Edition: S. 39) solche, die man einander „verständnisinnig“ weitersagte, so waren es späterhin wohl eher Strophen der Art von

„ Die Rätsel sind gelöst: / ihr Hirn sprang über. / Sie wollte nicht Heimat sagen: / Sie hatte kein Dach darüber.“

(in: „Der schöne 27.September“ von 1980, S. 15, in dieser Edition: S. 243) oder

„Dann ist es in der Straße still / Ich bin ausgedacht / Welches Feuer ich will / Habe ich angefacht“

(ebenda: S.32, hier: S. 257).

Für die Leser/innen und Zeitgenossen Thomas Brasch’ ist das Buch eine Fundgrube an Bezügen einer erlebten Zeit, wozu der exzellent erarbeitete kommentierende Anhang eine Art zeitgeschichtliches Kompendium bietet, in dem die Textgeschichte, soweit eruierbar, das sichtende Moment darstellt.

Es bleibt, den Herausgeberinnen und dem Verlag das entsprechende und verdiente Glück der Wahrnehmung durch das Publikum zu wünschen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

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