Die Nacht
vor der Scheidung.
Roman über Sándor
Márai (2004, Piper - Übertragung Margot Ban).
Besprechung von Katharina Narbutovic in der Frankfurter Rundschau, 18.8.2004:
Sprung vom Einer
Sándor Márai erzählt von einer Ménage
à trois mit einer Toten
Geht eine Zeit zu Ende, liegt ein Geruch von Gärung
in der Luft - ganz wie im Spätsommer, wenn die Früchte überreif sind und
alles ins Süßlich-Faulige kippt, bevor die frischen Winde des Herbstes
einziehen. So auch in einem Land, das an der Schwelle zu einer neuen Ära steht:
Die alten Kräfte sind noch am Wirken und scheinen stärker denn je, doch das
Neue bahnt sich bereits seinen Weg. Und das ist vielleicht auch das
Interessanteste an Sándor Márais Roman Die Nacht vor der Scheidung, der
ansonsten nicht zu den großen Büchern des Autors gehört: Das genaue Porträt
der ungarischen Gesellschaft in der Übergangsphase der Zwischenkriegszeit, das
Márai anhand der Geschichte zweier ehemaliger Klassenkameraden zeichnet, in
deren Denken und Fühlen sich der Geist der Zeit zwischen k.u.k.-Monarchie und
Moderne manifestiert, und das der Autor von den übergeordneten
gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ins Private holt, indem er
den Zerfall der alten Ordnung im Auseinanderbrechen der Institution Ehe
spiegelt. Das Schicksal der beiden dabei auf überzeugende Weise miteinander zu
verbinden, ist Sándor Márai mit diesem Buch nicht gelungen.
Christoph Kömüves, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, ist Richter
in Budapest und Repräsentant der alten Ordnung. Er ist ein Mensch, der sich von
Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft leiten lässt
und der nach einem geregelten, gottgefälligen Leben strebt. Zweifel an seiner
Weltanschauung kommen ihm selten, nur die wiederkehrenden Schwindelanfälle
deuten an, in was für ein enges Korsett er sein Leben gepresst hat. Nun soll Kömüves
ausgerechnet seinen früheren Klassenkameraden, den Arzt Imre Greiner, von
seiner Frau Anna scheiden, und dann taucht Greiner in der Nacht vor dem
Gerichtstermin auch noch bei Kömüves auf und erklärt ihm, die Verhandlung könne
nicht stattfinden, er habe seine Frau getötet. Man will meinen, angesichts der
erwähnten Schwindelgefühle und der deutlichen Hinweise darauf, dass Kömüves
und Anna einander kannten, werde sich nun ein Abgrund auftun - doch was folgt,
ist ein ziemlich seichter Sprung vom Einmeterbrett. Während eines nächtlichen
Gesprächs stellt sich heraus, dass Kömüves vielleicht einmal in Anna verliebt
war und Anna jahrelang Kömüves vor Augen hatte, wenn sie mit ihrem Mann
zusammen war, weshalb sie am Ende die Scheidung einreichte und eine Überdosis
Gift einnahm.
Die Nacht vor der Scheidung ist ein Roman, der in vielen Punkten an Sándor
Márais berühmtes Buch Die Glut erinnert, die großen Fragen von
Wahrheit und Verdrängung, Traum und Wirklichkeit, Tag und Nacht verhandeln will
und doch nur wie eine Rohfassung wirkt, weil hier alles so überhöht ist, über
das Plakative nicht hinauskommt und letztendlich einen süßlichen Geruch von
Trivialität verströmt.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0804 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau