1.) - 2.)
Die Nacht
mit Alice, als Julia ums Haus strich.
Roman von Botho
Strauß (2003, Hanser).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner
Merkur, 28.8.2003:
Bothos Bestiarium
Strauß' "Nacht mit Alice, als Julia
ums Haus schlich"
Die Lektüre ist ein Genuss
"Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich" ist der für diesen
Autor typische Titel. Er signalisiert Witz, Distanz, Beziehungskram,
Frauenkennerschaft, Männersache. Das ist die reizvolle Oberfläche. Aber
darunter liegen Dunkelheit, Geheimnis, Depression, Mythos.
Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre ist ein Genuss. Strauß' geschliffene
Sprache, seine hochpoetische, oft auch altmodisch anmutende Formulierkunst, die
Dialektik seiner Gedankengänge - das alles ist voller Ironie: sich selbst
gegenüber wie auch der Gesamtheit. Und wie bei Strauß nicht anders zu
erwarten, ist jede der Geschichten zwar detailgenau auf dem Boden der Realität
angelegt, aber im Irrealen fest verankert.
Die Szenen, die er beschreibt, ähneln den Bildern Magrittes oder Max Ernsts.
Zum Schaudern schön. Denn sie überschreiten die Grenze von der Wirklichkeit
zum Traum, lassen einzelne Körperteile frei und autonom schweben, beschreiben
den Verlust einer gemeinsamen Gegenwart, handeln von dem "Zeitspalter, der
zwischen die Menschen fuhr".
Auch in diesem Buch erweist sich Botho Strauß als der große Konservative unter
den Gegenwartsautoren von Rang, der hinter meisterhaft gehandhabter Leichtigkeit
den moralischen Zustand unserer Zeit als Apokalypse beschreibt. Ein Vorhang, der
dem Ich-Erzähler, dem Mitarbeiter einer Künstler- und Psycho-Schulungsagentur,
plötzlich den Weg versperrt, symbolisiert Fürchterliches: "Sein Tuch war
bebildert mit lauter stürzenden, in dichter Kohorte niedersausenden Menschen .
. . Zu Anfang war es wie der Vorspann zu einem ungeahnten Film. Doch dann
fühlte ich mich gejagt, gefangengehalten, eingekastelt von dem furchtbaren
Vorhang, der mich verfolgte und keinen Weg mehr zu Ende gehen ließ."
Tiefe Lebensdepression. Nie aufgehoben. Aber erträglich gemacht durch allerlei
Absurditäten eines erfundenen Alltags, wie zum Beispiel durch das mit seiner
Nacht-Geliebten Alice Probe liegende Testen der neu erfundenen
"Wärmegräber". Ob Botho Strauß über das "ewige Gestern"
nachdenkt oder von der grünpunkigen Friseurin erzählt, in deren Nacken
"kleine Köpfe mit verschrumpelten Gesichtern" schaukelten; ob er von
der Kunstgeschichtsstudentin schreibt, die das zweite, das wahre Antlitz ihres
Professors und späteren Ehemannes sucht, es aber erst in seiner Totenmaske
findet, oder von den aufmüpfigen Mädchen im Zug, die mit Fliesenleim
aneinander und an den Fußboden gefesselt werden: Stets ist Strauß der
Realität ganz nah, obwohl oder gerade weil er ihr gleichzeitig so fern ist.
Von dieser verzweifelten, auch hochmütigen Warte aus setzt er mitten hinein in
die kleinen, durch die drei Hauptfiguren zusammenhängenden Erzählungen seinen
ätzenden Kulturpessimismus. Jenseits jeder literarischen Mode und
Gefälligkeit. Mit einem kräftigen Schlag gegen die Gemeinschaft der
Schriftsteller und seiner Kritiker, durch die sich "Stipendiat
Müller-Armack" denunziatorisch ausgeschlossen fühlt: "Noch verfügen
sie über irgendwelche Illusionen oder Phantasmagorien. Sie selbst sind die
fleischgewordene Vision der schwachen Überlebenden . . . Sie haben den Exodus
des menschlichen Geistes und seine Übertragung auf eine andere Rasse, die Rasse
der künstlichen Intelligenz, überlebt."
Das lässt einen schon mal stutzen. Ebenso wenn Strauß wenig später die Zeiten
vor der Zeit beschwört mit Sätzen wie: "Die Matrix unserer Rasse waren
die Gestürzten. Blinde, Verstümmelte, Debile, Zornentflammte. Seelen stets in
hoher Stimmung, Spastiker des Entzückens."
Furiose Finsternis
Und auf seine Art die Vertreibung der
"Elementarmenschen" aus dem Paradies, aus dem "Land ohne
Geschichte" beschreibt. Strauß' Fazit: "Nicht mehr als ein
Holzstumpf, der vom Wildwasser mitgerissen wird, der auf- und abtaucht in den
Schnellen und gegen den Fels prallt, nicht mehr ist der Mensch, ein hilfloser
Torso in der Natur."
Seine eigene Hilflosigkeit hat der Schriftsteller Botho Strauß jetzt
selbstbewusst zum Thema gemacht - in einem Buch von furioser Finsternis.
Vielleicht der Beginn einer Göttlichen Komödie des 21. Jahrhunderts.
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Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Münchner Merkur
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2.)
Die Nacht
mit Alice, als Julia ums Haus strich.
Roman von Botho
Strauß (2003, Hanser).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 30.8.2003:
Träume in fremden Betten
Alles da, gut abgehangen: Botho Strauß
erzählt von einer "Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich"
Vielleicht nur eine Affäre, doch mit der Wirkung
einer Splitterbombe. Eine Liebesgeschichte, in vielen kleinen Geschichten erzählt.
Elegant, geschmeidig, zuweilen etwas preziös. (Ein Fremdwörterbuch in der Nähe
kann nicht schaden, hilft bei der "Thymotechnologie" aber auch nicht
weiter.) Es sind oft kuriose und groteske Geschichten, größtenteils auf die
Urszene bezogen, der dieses Buch, das verständlicherweise auf jede
Gattungsbezeichnung verzichtet, den Titel verdankt. Aberwitzig und surreal geht
es zu. Es gibt viele komische Szenen, auch viele kühne Bilder.
Zeitgeist-Analysen, Albträume, Wunschvorstellungen. Gegen Ende lockert sich das
Gefüge, es kommt zum Beispiel Theaterklatsch dazu. So wird von einer
Schauspielerin berichtet, die nach der Premiere von einem Mann "mit kahlem
Schädel und schönen weichen Gesichtszügen" respektvoll angesprochen
wurde: "Ich will Sie nicht aufhalten, aber einmal muss ich es Ihnen doch
sagen. Ich kann Sie auf der Bühne nicht ertragen. Sie sind die einzige
Schauspielerin, von der ich behaupten möchte: Sie hat mir noch nie
gefallen." Der Mann räumt zwar ein: "Anderen mag es anders gehen, ich
kann nur von mir reden." Danach holt er noch einmal kräftig aus.
Botho Strauß erzählt diese Geschichte wie eine Anekdote, erweitert aber den
Rahmen und gibt schließlich - zaghaft - einige Hinweise zur Deutung. Überhaupt
ist der essayistisch-reflektierende Anteil zugunsten des erzählerischen zurückgenommen.
Entsprechend unaufgeregt, manchmal schon putzig kommt sein neues Büchlein
daher. Nur der Titel lässt aufhorchen: Die Nacht mit Alice, als Julia ums
Haus schlich. Er ist wörtlich zu nehmen. Leicht zu deuten, wie viele der Träume,
in denen der Autor seine Ansichten vom Stand der Dinge in Bilder gesetzt hat.
Wieder einmal erweist Strauß sich als glänzender Phänomenologe, der noch die
Speckfalten unserer Kulturträger so genau beschreiben kann, dass sie als Hürden
der intellektuellen Beweglichkeit erkennbar werden. Die bittere Kulturkritik, in
Metamorphosen verkleidet und zuweilen wieder auf die Folie griechischer
Mythologie gezeichnet, hält sich in erträglichen Grenzen. Auch der hohe Ton, für
den dieser Autor einmal berüchtigt war, klingt eher gedämpft.
Nur am Anfang heißt es schrill: "ICH BIN DER, SIE IST DIE. Nie waren wir
mein und dein. Aug in Aug sahen wir uns oft aus großer Ferne an." Es geht
jedoch gleich in gemäßigter Tonlage weiter. Wie so oft bei Botho Strauß,
lohnt es sich auch diesmal wieder einmal mitzulesen, was er nicht
geschrieben hat: die Vorgeschichte.
Vor gut einem Vierteljahrhundert, in dem auch seinerzeit ungewöhnlich heißen
Sommer, klagte ein junger Mann, dem die Freundin entlaufen war und der - nicht
nur deshalb - seinen revolutionären Elan in Trauerarbeit verwandelt hatte, dass
uns "allermeiste" Butter auf dem Kopf sei. Nicht anders als jenem
abessinischen Eingeborenen gehe es uns, "der einen wichtigen Mythos nicht
mehr wusste und sich deshalb nicht erklären konnte, weshalb er zu so
verschiedenartigen Anlässen ein Stück Butter auf dem Kopf trug. ‚Unsere
Vorfahren kannten den Sinn der Dinge, aber wir haben ihn vergessen.'"
Wir, das heißt die aufgeklärten Zeitgenossen der westlichen Kulturen,
kommentiert Strauß, "kennen den Sinn der unzähligen Überbleibsel, in
denen wir uns ausdrücken, noch sehr viel weniger".
Das war 1977. Die Widmung hieß die Erzählung. Es war der erste große
Erfolg des Dramatikers - als Erzähler. Symptomatisch dazu. Denn Strauß ließ
seinen Helden nicht in der revolutionären Betriebsarbeit als starkes Vorbild,
sondern als einen kleinen Stadtneurotiker erscheinen, der mit seinen ganz
privaten Problemen einfach nicht zu Potte kam. Die studentische Linke merkte
verdutzt auf. Marcel
Reich-Ranicki jubilierte (wenn auch, diesen Autor betreffend, zum letzten
Mal). Botho Strauß war spektakulär aus der politischen Einheitsfront
ausgetreten. Und er legte noch nach, 1981, mit Paare, Passanten. Mit
seltsamem Pathos beschwor er das "traurige Trugbild eines alten
Mannes", dem er "niemals begegnet war" und "gleichwohl
verehrte wie keinen zweiten". Venedig, Sommer 1969. Adorno,
der damals in der Schweiz gerade gestorben war, saß allein, "an einem Caféhaustisch",
mitten im Strom der Touristen, er, der "berühmte Philosoph",
"von dem ich soviel in mich hineingedacht hatte".
Schließlich: "Heimat kommt auf (die doch keine Bleibe war), wenn ich in
den ‚Minima Moralia' wieder lese. Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde,
noch zu meiner Zeit! Es ist, als seien seither mehrere Generationen
vergangen." Anschließend, in Klammern, eine Feststellung, die damals zwar
keineswegs übersehen worden, doch in ihren Konsequenzen noch gar nicht übersehbar
war: "(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muss sein:
ohne sie!)"
Von heute aus erkennt man, dass mit dieser Diagnose ein bedeutsames Datum
gesetzt war: der Generationswechsel der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Es
wurde die Abkehr von einer Tradition ratifiziert, für die etwa die Gruppe 47
einstand: die Verbindung von Modernität und Moralität. Dieses mächtige
Bollwerk, als Nebenfolge der Studentenbewegung schon lädiert, begann nun endgültig
zu bröckeln. Hans
Magnus Enzensberger hatte mit seinem Untergang der Titanic, 1978, an
den Grundpfeilern gerüttelt.
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