Die Nacht, die Lichter von Clemens Meyer, 208, S. FischerDie Nacht, die Lichter.
Stories von Clemens Meyer (2007, S. Fischer).
Besprechung von Stefan Beuse im titel-magazin, März, 2008:

„Ich bin allein, und draußen ist Nacht.“
Mit welcher Souveränität der erst dreißig Jahre alte Autor die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Traum verwischt, verdient höchste Bewunderung.

Etwas gegen Clemens Meyer zu sagen, ist verdammt schwer. Als sein Debütroman Als wir träumten erschien, ging ein Stoßseufzer durchs Feuilleton: Endlich wieder eine authentische, kraftvolle neue Stimme, ein junger Kerl, der wirklich was erlebt hat! Die neue Stimme stammte aus einem schwierigen Milieu (Plattenbau! Osten!), war wie zur Bekräftigung über und über tätowiert und trug die Haare so – ähm: kurz, dass er auf den ersten Blick aussah wie das Urbild aller Problemjugendlichen. „Ein Buch wie eine Faust“, schrieb dann auch die FAZ und hatte Recht. Denn obwohl Meyer am oft als Kunsthandwerkerschmiede verschrienen Leipziger Literaturinstitut studiert hatte, konnte er nicht bloß gut schreiben, sondern hatte auch was zu erzählen. Er ging „dahin, wo es weh tut“, und hätte Deutschland damals den Literatursuperstar gesucht: Dieter Bohlen hätte sich nicht gescheut, ihn „Die Stimme von Hartz IV“ zu nennen.

Jetzt hat Meyer sich die Haare wachsen lassen, eine Brille aufgesetzt und einen Band mit Geschichten veröffentlicht: Kurzgeschichten, die er sehr selbstbewusst „Stories“ nennt und nicht „Storys“, wie Ingo Schulze das seinerzeit getan hat, um seinem Versuch, sozusagen Carver nach Bitterfeld zu holen, Ausdruck zu verleihen.

Stories also, Königsdisziplin der Amerikaner, die sich der bekennende Hemingway-Verehrer Meyer dann auch recht unverhohlen zum Vorbild nimmt. Seine Geschichten heißen: „Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann“. Oder: „Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe“.

Ernest, ick hör dir trapsen. Raymond, ick hör dir stampfen

Es geht um Junkies, Arbeitslose, Knastis, Boxer und Gabelstaplerfahrer, auch mal um einen Maler, der nicht nur entfernt Ähnlichkeit mit Jörg Immendorff aufweist, aber immer sind es in irgendeiner Weise Nachtgestalten, die am Rande stehen, meist am Rande des Abgrunds.
„Ich bin allein, und draußen ist Nacht. (...) Ich weiß nicht, was ich in diesem Zug mache, ich weiß nicht, wohin ich fahre, ich weiß nicht, von wo ich komme, ich kann mich an keinen Bahnhof erinnern.“ Diese Sätze zu Beginn der Geschichte „Wagen 29“ können als programmatisches Credo problemlos über dem gesamten Band stehen, in dem generell ziemlich viel gefahren (meist Zug oder Taxi, natürlich immer nachts) und selten angekommen wird und wenn, dann nie da, wo Zuhause ist.

Zuhause ist woanders. Nicht in Meyers Geschichten

Clemens Meyer beherrscht sein Handwerk; er beherrscht es sogar virtuos. Die meisten Geschichten sind mit maximaler erzählerischer Ökonomie auf den letzten Satz hin geschrieben, und mit welcher Souveränität der erst dreißig Jahre alte Autor die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Traum verwischt, verdient höchste Bewunderung.

Seltsamerweise ist Meyer immer dann am besten, wenn er mal keine „Lanze für die Verlierer der Gesellschaft bricht“, wenn mal keine Schwarzen von Skinheads durch die Straßen gejagt werden, wenn es nicht allzu sehr gutmenschelt in den Erzählungen und in dem gut Gemachten nicht zu viel gut Gemeintes spürbar wird.

„Ich will Geschichten schreiben, die leuchten“, wird Meyer im Klappentext zitiert, und er bedient sich dabei einer Methode, die Autoren wie Ralf Rothmann und besonders Denis Johnson perfekt beherrschen: nämlich so lange im Dreck zu wühlen, den Schlamm immer wieder auszuwaschen und zu sieben, bis sie auf pures Gold stoßen.

Die Nuggets, die Meyer findet, schimmern zumindest. Oft ist es noch Katzengold, aber wenn er aufpasst, nicht zum Karlheinz Böhm der verlorenen Seelen zu werden, könnte Clemens Meyer kurz davor stehen, einen echten Goldschatz zu entdecken.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin