Die Nacht der Könige.
Roman von Stefan Beuse (2002, Piper).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 19.12.2002:

Unerklärlicher Ekel
Fernsehästhetisch: Stefan Beuses "Nacht der Könige"

Jakob Winter arbeitet in einer Werbeagentur. Zusammen mit seiner Kollegin Tatjana soll er den Auftrag für eine aufwendige Marketingkampagne akquirieren. Doch schon während des Präsentationstermins in der Firma C & S Klimatechnik mit dem Leiter des Unternehmens, Herrn Dr. Korff, und seiner Assistentin Lilly Danato überfallen ihn unerklärliche Ekel- und Panikgefühle gegenüber diesem Mann. Am Abend geht Winter mit Tatjana in ein Restaurant, das sich ganz in der Nähe von Korffs Firma befindet. Prompt sitzt dieser an einem der anderen Tisch, in Gesellschaft seiner Assistentin. Als Lilly Danato zur Toilette geht, zeichnet sie blitzschnell unbemerkt mit dem Finger ein großes H auf Winters Rücken: "Die Striche brannten auf seinem Rücken, als wären sie mit einer Rasierklinge gezeichnet worden."

Natürlich folgt er dem geheimnisvollen Aufruf, geht auf die Herrentoilette, wo er vom Papierhandtuchspender bis zur Klobrille alles untersucht: Unten am Deckel ist eine Videokassette angeklebt. Winter steckt sie ein. Als er nach dem Zahlen vom Tisch aufsteht, fällt beim Stuhlzurückschieben ein Streichholzpäckchen von seinem Sitz. Darauf steht die Adresse eines exquisiten Landhotels am See, nicht weit vom Restaurant entfernt. Winter ist es gänzlich unbekannt. Trotzdem fährt er dorthin. Der Angestellte an der Rezeption begrüßt ihn mit der Botschaft, dass er, Winter, gestern selber telefonisch ein Doppelzimmer für eine Nacht bestellt habe.

Der 35-jährige Stefan Beuse erzählt in seinem vierten Buch eine Geschichte, in der er klassische Krimimotive, spleenige Esoterikelemente und schicke New-Age-Versatzstücke zu einem griffig gestylten Alptraumtrip durch zeitgemäße Abgründe von Bewusstsein und Verdrängung mischt. Er versucht vom ersten Satz an, ein Klima des Ausgeliefertseins, des latent Bedrohlichen zu evozieren: Drückende Hitze, in der die Stadt "wie ein überbelichteter Film" wirkt; Tauben, die in der Agentureinfahrt in "halb verfaulten Kadavern" picken; Putz schält sich von Häuserwänden "wie alte Haut". Man kann vermuten, dass Beuse dies bewusst als Zitate von Spannungsmustern einsetzen will, aber es bleibt trotzdem der Eindruck von ärgerlicher Überdeutlichkeit. Es fehlt nur noch der unheilschwangere Soundtrack eines ARD-Tatorts. Dazu inszeniert der Autor seine literarischen Protagonisten wie Abziehbilder von einer B-Picture-Show: Mal macht Winters Kollegin Tatjana ein Gesicht, "das er bisher nur aus amerikanischen Krankenhausserien kannte", mal sieht eine Frau aus "wie ein Spielfilmopfer, bevor es erschossen wurde".

Die vorgefertigten Bilder einer überall präsenten Fernsehästhetik ersetzen die eigene Wahrnehmung von Realität. Diese Zelluloidsurrogate sind vertrauter und wirklicher als das Leben - nicht gerade brandneue kulturkritische Einsichten werden hier bedeutungsvoll vorgeführt. Um die Story des abstrusen Fantasyabenteuers gleichzeitig weiterzutreiben und kunstvoll zu verschleiern, zappt sich der Autor seine dramaturgischen Mittel dafür mit postmoderner Sorglosigkeit herbei, ohne sich viel mit Gedanken an psychologische Glaubwürdigkeit von Handlungen aufzuhalten. Etwa, wieso Winter eine Videokassette mit höchst brisanten Aufnahmen nicht zu Ende anschaut, oder die Zwanghaftigkeit, mit der er in eine Affäre mit der rätselhaften Korff-Assistentin schlittert: Es fehlt trotz aller gestreuten Vermutungen eine erzählerische Überzeugungskraft, die den Leser auch auf dubiosen Pfaden nicht loslässt.

Vor zehn Jahren hatte Winter an einem Fortbildungsseminar teilgenommen, das sich als sinistres Sektenspektakel zur radikalen Selbstfindung entpuppt hatte. Nun treffen die Akteure von damals unter wundersamen Vorzeichen erneut zusammen. Die Inszenierung der absonderlichen Vorfälle legt allzu auffällige Fährten. Suspense à la Patricia Highsmith stellt sich in der Regel nur ein, wenn man die Konstruktion desselben nicht merkt, und für die Verrätselungen einer Geschichte, wie es ein David Lynch in seinen Filmen betreibt, bedarf es eines Höchstmaßes an Subtilität, die nicht sofort die Machart durchscheinen lassen darf. Und Vorsicht bei der Verwendung von Zitaten berühmter Schriftsteller! Es kann leicht passieren, dass so ein fulminanter Satz wie von Allan Ginsberg: "Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle!" die eigene Prosa ziemlich blass aussehen lässt.

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