Die Musik der Ferne.
Roman von Daniel Mason (2008, Blessing - Übertragung Barbara Heller).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 7.04.2008:

Von Brüderchen und Schwesterchen

Es ist gängige Praxis - und eine die Lesenden bevormundende Unsitte: Deutsche Verlage verändern die Titel fremdsprachiger Romane nach Belieben, wobei in der Regel die Werbeabteilungen die Feder führen (auch hier ist die Übersetzerin, die ein eher korrektes Deutsch pflegt, wohl nicht verantwortlich). "A Far Country" lautet der Originaltitel von Daniel Masons zweitem Roman, also "Ein fernes Land". "Die Musik der Ferne" klingt gut, ist aber inhaltlich und atmosphärisch irreführend. Denn Mason lockt weder mit zaubrischen Klängen noch beschwört er ein fernes tönendes Reich.

Hausangestellte, Arbeiterinnen, Prostituierte

Das Gegenteil ist der Fall: Sankt Michael im Zuckerrohr liegt im Innern eines ungenannten südamerikanischen Landes. Die Dürre bedroht das Dorf ebenso regelmäßig wie der Versuch der Landnahme. Armut und Entbehrung kennzeichnen das tägliche Leben. Mason beschreibt es in schlichten Aussagesätzen - jeder freilich voller sinnenhafter Details. Alles ist sicht- und hörbar, riech-, schmeck- und greifbar. Genau so, wie die Dorfbewohner ihre Welt der kargen Dinglichkeit körperlich erfahren. Und wie sie von Isabel erfahren wird, durch deren wir die Welt sehen. Einfühlsam und knapp wird ihre Kindheit skizziert, 14-jährig wird sie zur Handlungsträgerin. Zweierlei hebt sie heraus: zum einen ihre Fähigkeit, die Grenze in eine andere Welt zu überschreiten, die Traurigkeit anderer zu teilen, Verborgenes wieder zu finden, zu wissen, wer stirbt, wer gesundet. Zum andern ihre Nähe zu ihrem sieben Jahre älteren Bruder Isaias, den sie blindlings im dichtesten Zuckerrohrfeld findet. Als dieser sich mit Großvaters Fiedel auf den Weg in die Stadt macht, um als Musiker sein Glück zu machen und verschwindet, folgt ihm Isabel.

Auch das Leben in den Slums, die Armut, Kriminalität, beschreibt Mason sinnenhaft. Isabels Sicht verlässt er nur, um die Tagesabläufe der Hausangestellten, Fabrikarbeiterinnen und Prostituierten typisierend zu beschreiben. Was Isabels persönliche Erfahrung nahe legt, wird hier gesellschaftskritisch gewertet: die Unbarmherzigkeit der Klassengesellschaft, das Elend der Massen.
Diese realistische Sicht dient als Folie für das Ende des Romans: Isabel findet ihren Bruder. Aber nicht als gefeierten Musiker, sondern als Abfallsammler. Die Müllhalde ist Produkt und Symbol der Gesellschaft. Sie birgt dennoch Hoffnung, weil es auf ihr Menschen gibt, die aus scheinbar nutzlosen Dingen "Schönheit schufen". Das kleine, bescheidene Glück der Geschwister, ist in eine Aura der Wunscherfüllung gehüllt. Aber die innige Nähe von Brüderchen und Schwesterchen, die sich trotz aller Widrigkeiten behauptet, hatte schon immer etwas Märchenhaftes. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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