Die Moselreise von Hanns-Josef Ortheil, 2010, LuchterhandDie Moselreise.
Reiseerzählung von Hanns-Josef Ortheil (2010, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Anja Hirsch aus der Frankfurter Rundschau, 30.9.2010:

Die Farben der Mosel
"Die Moselreise“ ist eine Reise-Collage des elfjährigen Hanns-Josef Ortheil. Sie erzählt von einer Wanderfahrt mit seinem Vater von Koblenz nach Trier, im Sommer 1963. Weit gefehlt, wer nun unbeholfene Sätzchen oder langweilige Routenbeschreibungen erwartet.

Schriftsteller sind, bevor sie ihre Romane gestalten, in erster Linie Sammler. Noch heute steht Hanns-Josef Ortheil jeden Morgen früh auf, um zu notieren, wie der vorige Tag verlaufen ist. Was hat er gedacht, gefühlt, mit wem hat er gesprochen? Was gelesen, das ihn ansprach? Er schreibt, schneidet aus, klebt alles in ein großformatiges Skizzenbuch. Über tausend solcher schwarzer Kladden sind so inzwischen entstanden, teilweise Quelle für die Romane Ortheils, der im Zweitberuf Kreatives Schreiben in Hildesheim unterrichtet. Jetzt öffnet er erstmals eines seiner frühen Tagebücher als eigenständiges Werk: „Die Moselreise“ erzählt von einer Wanderfahrt des Elfjährigen mit seinem Vater von Koblenz nach Trier, im Sommer 1963.

Weit gefehlt, wer nun unbeholfene Sätzchen oder langweilige Routenbeschreibungen erwartet. Diese frühen Notate sind gerade in ihrer Unvermitteltheit charmant. Sie ergänzen das Bild von Ortheil, das er in seinem autobiografischen Roman „Die Erfindung des Lebens“ zeichnet: Als Kind, erzählt er dort, habe er einige Jahre lang nicht gesprochen. Er war mit der Mutter verstummt, die vier Söhne in Kriegs- und Nachkriegszeiten verloren hatte. Der besorgte Vater macht das wohl einzig Richtige: Er geht mit dem Sohn viel spazieren, später sogar auf Reisen. Er hält ihn an, alles aufzuschreiben, und zwar „ganz genau“. Er gibt ihm sogar kleine Aufträge und Themen.

Bald schon verselbstständigt sich die Wahrnehmungsübung, und der Sohn beginnt ohne Aufforderung mit Notaten, etwa im Zug: Was hört er auf dem Bahnsteig? In welchem Buch liest der Vater so interessiert? Er legt sogar Listen an: Warum mag ich den Wald? Was mag Papa und was nicht? Und was Mama? Welche Farben hat die Mosel?

Der junge Beobachter geht mit großer Redlichkeit und Sprachbegeisterung zu Werk

Und er notiert sehr ernsthaft und genau: „Die Mosel ist grünblau und grünbraun, an den Rändern aber eher grün. In der Mitte ist die Mosel wie ein dunkler, stiller Teich, fett und dunkelgrün und unheimlich. Die Ufer spiegeln sich in der Mosel, dort zerfließen die Farben wie Wasserfarben auf meinen Schulbildern. Ich wäre gern einmal von der Fähre aus in die Mosel gehüpft, in der Mitte, wo sie voller Wolkenbilder ist. Ich hätte mich auf dem Rücken ein Stück mit der Mosel treiben lassen und hätte in den Himmel geschaut.“

So kommt in diesen Jahren nach der Sprachlosigkeit nicht nur die Sprache zurück in den Sohn. Mit dem permanenten Aufschreiben gegen die Angst, die Sprache erneut zu verlieren, kommt die Freude am Schreiben. Zum Zeitpunkt der Moselreise hat Ortheil schon einige Jahre der Übung hinter sich. Schön, diese Moment-Skizzen zu lesen. Anfangs noch tritt der kleine Schreiber hinter ihnen zurück. Später beschreibt er aber auch mal eine eigene Träne. Sein „flackerndes Denken und Fühlen“ ist vieles zugleich: Augenblicksbild, Vater-Sohn-Denkmal, vor allem eine intime Erzählung über das innere Wachsen.

Man liest diese frühe Reise-Collage mit zugewandtem Lächeln. Das liegt auch an der entwaffnenden Redlichkeit, mit welcher der junge Beobachter hier zu Werke geht. Er beschreibt seine kleinen Nöte im Schlafraum mit dem schnarchenden Papa, der abends gerne „Cröver Nacktarsch“, „Zeller Schwarze Katz“ oder „Bullayer Brautrock“ genießt: Weine, deren Namen eine der vielen kuriosen Listen füllen, die der Junge führt.

Tagsüber ist der Vater aber ausgeruht, ein Superpädagoge, gar ein wandelndes Lexikon, das überdies spannend erklärt, bevorzugt nach steilen Anstiegen von der Höhe herab – den Namen „Trutzburg“ oder wie man richtig Weintrinken „zelebriert“. Er verrät, wie man Menschen ins Gespräch zieht – nämlich durch Lob. Und der Sohn probiert es gleich erfolgreich aus.

Die Grazie dieser Reise-Erzählung liegt in der Schwellenübertretung, der wir beiwohnen dürfen – lauter kleine Epiphanien: Zum ersten Mal geht der Elfjährige kegeln, zum ersten Mal erfährt er, dass etwas nicht nur „wahr“, sondern auch „ziemlich wahr“ sein kann; und zum ersten Mal hört er das Wort „Schuber“ und beschreibt das Ding. Die Notate leben von dieser Sprachbegeisterung. Und so wird man hier Teilhaber einer äußerst kreativen Weltaneignung.

Als Erwachsener hat Ortheil diese Reise alleine wiederholt. Wieder ließ er Steine über den Fluss flitzen. Wieder sammelte er Details. Diesmal aber wob er sie in ein Gespräch mit dem toten Vater ein. „Dem Weiterleben der Moselreise“, der enormen Rückwirkung des Schreibens auf ihn, den Schreiber, ist das Schlusskapitel gewidmet. Für immer, schreibt Ortheil da, habe er das „Zuhause-Sein in der Fremde“ gelernt. Das vorliegende Buch reflektiert diesen Prozess und ist zugleich gut kommentierter Baustein einer Autorenbiografie.

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