Die
morawische Nacht.
Erzählung von Peter
Handke (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau,
7.01.2008:
Vom Verschwinden der Vorurteile
Es ist Zeit, Frieden zu machen. Keinen Funken Provokation enthält Handkes heute erscheinendes Epos "Die morawische Nacht", obwohl es doch wieder einmal ein Buch über den Balkan ist - den Balkan, der im Geburts- und Sterbeort der Mutter des Erzählers beginnt, ein Dorf, das in Kärnten liegt und von dem es heißt, es sei "balkanisch angehaucht".Fairer und friedfertiger kann ein Schriftsteller nicht sein. Ohne Ironie kommt Handke aus, nicht nur an dieser Stelle, Ironie ist ihm ohnehin eher fremd - er meint, man offenbare mit ihr nur seine Verletztheit -, und, wie stets, ohne Kausalsätze, ohne Weil, Darum und Denn. Handkes Prosa beschwört das Offensichtliche und das, was man sehen kann, wenn es einem denn gegeben ist, zu sehen: die "nie gesehenen Farben", "unerhörten Geräusche".
Wo sonst könnte man heute noch solche Sätze
lesen: "Nicht einmal der Tau, während der Nacht in den sichtlich
frischgepflanzten Straßenrandbäumchen angesammelt und in der Morgensonne wie
ein Segen aus den Blättern sprühend, in einem Strahlenkranz aus allen
Regenbogenfarben, gab ihm Asyl, oder winkte ihn weiter."
Seit jeher ist es Peter Handke um die Unmittelbarkeit der Anschauung gegangen,
um die Dinglichkeit, um das Einzelne und Vereinzelte, und nicht um die
pauschalen wertenden Reflexe. "Verschwinden der Vorurteile: wie kaum etwas
sonst erzählenswert." Es ist einer der Schlüsselsätze seiner Poetik. Wer
aber ist dieser asylsuchende "Er", von dem das Epos handelt? Er hat
keinen Namen, wird als ehemaliger Autor bezeichnet, der, auf dem Weg zu einer
Art "Nationalautor", das Schreiben aufgegeben habe und sich nun mit
dem mündlichen Erzählen begnüge.
Man darf unter dieser Tarnkappe durchaus ein Alter Ego des Schriftstellers Peter
Handke vermuten, wobei der Rahmen der Erzählung ganz und gar fiktiv ist: Der
Erzähler (der im Text als solcher nicht firmiert) hat eine Schar von Freunden
und seine, "hm", Lebensgefährtin auf sein Hausboot gebeten (oder
vielleicht noch eher: befohlen), das am Ufer der Morawa liegt, einem Nebenfluss
der Donau in einer serbischen Enklave, und erzählt eine Nacht lang von einer
europäischen Rundreise, die eine Art Erinnerungstournee ist, ihn unter anderem
nach Dalmatien, nach Spanien, in den Harz, nach Wien, nach Kärnten führt;
Etappenziele, die mit handfesten Überraschungen aufwarten: einer ökumenischen
oder multikulturellen Krypta im Kärntner Geburtshaus, wo sich Einheimische,
Fernfahrer und muslimische Immigranten zum je unterschiedlichen Gebet
versammeln; einem kosmopolitischen Maultrommlertreffen am Stadtrand von Wien;
einer Jugendliebe, die zur Streunerin mutiert ist…
Ganz entschieden ist dieser Tarnkappenmensch, ob er nun zu Fuß, im Zug, auf dem
Traktor oder auch im Flugzeug reist, ein letzter Individualreisender im
Zeitalter des Pauschaltourismus - so individual, dass es auf die dem
Pragmatischen verpflichteten Interjektionen eines notorischen Zwischenfragers
unter seinen Zuhörern meist nur ein Achselzucken anstelle einer Antwort gibt.
Wer diesen großen und großartigen Text wieder nur auf verräterische Spuren
des üblichen politischen Verdächtigen hin befragt, wird nicht nur enttäuscht,
sondern geradezu beschämt werden. Nicht nur, weil dieser Erzähler mit
niemandem schonungsloser verfährt als mit sich selbst.
Das Streitobjekt "Balkan" entpuppt sich in aller Deutlichkeit als
Chiffre, und eben nicht für ein begrenzbares politisches Spannungsfeld.
"Balkan, das war zum Beispiel augenblicksweise die Steppe um das
verschwundene Numancia in Altkastilien gewesen, als dort ein zerrissener blauweißer
Plastiksack an einer Blaudistel hing und im Wind knisterte. Balkan: die
getigerte Falkenfeder neben dem toten Rehbock, der sich bei einem Sturz von
einem Kalkfelsen das Genick gebrochen hatte, im deutschen Harz.
Die Schmetterlingspaare in der Sonne, wie sie einander wo auch immer auf der
Reise durch Europa auf engstem Raum umtanzten: all das war schon im voraus der
Balkan." Mit anderen Worten: Der Balkan ist nicht nur ein Überall, er ist
vor allem der utopische Fleck, an dem sich das Dasein exemplarisch verdichtet,
"Einsprengsel in der Zeit", "Inselchen, Inselmomente".
Spürbar - müßig, hier nach Ursachen zu forschen - ist dieses Buch aus der
Defensive heraus geschrieben, nicht nur politisch - die Serben (sie werden nicht
einmal beim Namen genannt) stehen auf verlorenem Posten, geben ihre letzten
Enklaven auf -, sondern auch literarisch, poetologisch. Einmal tritt unterwegs
ein flinker Schreiber auf, Melchior genannt, der der
"Dichterliteratur" den Marsch bläst. "Weg mit dem Traum vom
Schreiber als Urheber", verkündet er, gibt sich unverhohlen als Parasit zu
erkennen und propagiert ein Schreiben als bloßes "Arrangieren".
Scheußliche Floskeln führt dieser Feindselige im Mund wie
"zweifelsohne" oder "kein Thema" (und, klar, er schreibt in
Zeitungen). Auch in der Totaldefensive ist Handkes Furor beachtlich. Was das
Frauenthema betrifft, ist es ja nichts Neues, dass dieser Bedauernswerte an der
Unvereinbarkeit von Ehe und Schriftstellertum laboriert; wieder muss er sich von
einer Schönen als Muttersöhnchen beschimpfen lassen, daran (auch an den jähen
Gewaltattacken) hat sich seit dem "Kurzen Brief zum langen Abschied",
und das war vor 35 Jahren, nicht das Mindeste geändert.
Aber: Einmal, im Zug in Österreich, und das ist eine wunderbare Episode, trifft
der Autor auf eine junge, blutjunge Leserin, "falscher Brillantknopf an
einer Nasennüster", die ihn erkennt, sich als seine Leserin zu erkennen
gibt. Nicht nur aufmerksam liest sie, sondern ernst und erheitert zugleich:
"Das war dir einmal eine Leserin!" Und dann also rückt sie ihm auf
die Pelle, "Ich kenne Ihre Bücher", ausnahmsweise ist dem
Schriftsteller das nicht einmal lästig, auch nicht, dass sie ihn im Eifer des
Gefechts "auf den Oberarm und gegen die Brust boxte, ihm ein Haar vom
Mantel klaubte, dort an einem der Knöpfe drehte…" Und das im unglückseligen
Austria! Wahrlich, es ist noch Hoffnung.
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