Die Möwe von Sándor Márai, 2008, Piper

Die Möwe.
Roman von Sándor Márai (2008, Piper -
Übertragung Christina Kunze).
Besprechung von Verena Burkart aus der NRZ vom 13.01.2009:

Die Wiederkehr des Wunderbaren
Neu übersetzt: Sandor Marais Roman "Die Möwe" glüht wie seine Vorläufer.

Mit der Neuübersetzung des 1942 erstmals erschienenen Romans "Die Glut" begann in Deutschland vor zehn Jahren eine wahre Renaissance der Werke von Sándor Márai. Dass er seither als einer der ganz Großen der ungarischen Literatur gilt, erfuhr er selbst nie: Er setzte seinem von Flucht, Exil und Heimatlosigkeit geprägten Leben zehn Jahre zuvor selbst ein Ende. Jetzt ist auch sein 1943 in Ungarn veröffentlichter Roman "Die Möwe" neu übersetzt worden:

Die fremde Frau aus Finnland

Budapest, unmittelbar vor Ungarns Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Ein hoher Regierungsbeamter hat soeben ein Schreiben verfasst, das das Schicksal seines Landes entscheidend verändern wird. Da tritt eine fremde Frau aus Finnland in das Büro des Mannes und in sein Leben. In ihr glaubt er die unerfüllte Liebe seines Lebens wiederzuerkennen. Die mysteriöse Ähnlichkeit entzieht seiner rationalen Welthaltung den Boden und er lädt die geheimnisvolle Fremde in die Oper ein. Auch für sie scheint ihr Gegenüber eine Wiederholung in ihrem Leben zu sein. Sie willigt ein - und so beginnt eine Nacht, die zentral und bedeutungsvoll für den Mann und die Frau, für Ungarn und Europa werden soll.

Im nächtlichen Gespräch kommen sie einander näher, fühlen sich vertraut. Und doch bleibt eine seltsame Kälte. Sie können nicht begreifen, was sie zueinander führt, und sich dieser überirdischen Macht doch nicht widersetzen: "Unsere Persönlichkeit und unsere Lage, was wir waren und was wir sind, haben einen irren Reigen begonnen, und diesen Tanz müssen wir jetzt zu Ende tanzen." Ihre Schicksale verschmelzen mit denen ihrer Völker im Krieg, der "als maskierte Variante der Kraft, die man Verhängnis nennt", unaufhaltsam über Menschen, Völker, Erdteile hinwegschreitet. Zeit und Raum scheinen in dieser Nacht um sich selbst zu kreisen und um alles bewegende Fragen: Was ist der Einzelne in der Geschichte? Was kann er tun, was macht ihn aus? Und wird der Morgen all die großen und kleinen Geheimnisse lüften?

Die Spannung, die das Zimmer des Ministers füllt, entspringt Marais verzaubernder Erzählkunst, seinen rätselhaften Bildern, den fesselnden Sätzen. Über detailgenaue Schilderungen von Stimmen und Geräuschen, Körpern und Bewegungen, Blickwinkeln und Beleuchtungen entstehen bedeutungsgeladene Stimmungen. Und doch bleibt vieles wie hinter einem geheimnisvollen, sepiafarbenen Schleier.

Wie in Márais großem Roman "Die Glut" verdichtet sich wieder alles auf eine Nacht, ein Zimmer, zwei Menschen und den Gedankenaustausch. Wieder kreisen die Gespräche um die großen Rätsel der Menschheit. Und wieder zeichnet Márai dieses handlungsarme, bedeutungsreiche Bild in seiner intensiven Sprache. Wirklich Neues bietet dieser Roman also nicht. Aber sind Wiederholung und Erinnerung manchmal nicht etwas Wunderbares? (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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