Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMont1.) - 5.)

Die Möglichkeit einer Insel.
Roman von Michael Houellebcq (2005, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 25.08.2005:

Erinnerungen der Zukunft
Keiner geht so weit zu weit: Der traurige Clown Michel Houellebecq und sein Klon-Roman "Die Möglichkeit einer Insel".

Rassismus, Pädophilie, Folter und Kannibalismus, alles schon gehabt und selten so gelacht. Daniel ist Humorist und seine Show heißt "Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen". Daniel verdient Millionen, ein Zeitalter geht zu Ende, Gott ist tot und Daniel ein trauriger Clown. So einer wie Michel Houellebecq. Vier Jahre hat der aufregendste Literaturexport Frankreichs geschwiegen und im Süden Spaniens an seinem vierten Roman gebastelt - ein brachialromantisches Ereignis und ein großer Entwurf. Keiner geht so weit zu weit. Houellebecq, Pornograph und Moralist, depressiver Provokateur, der Literat des Menschenparks: Ein tabuloser Schocker, der im Lesefutterstil Unglaubliches sagt und dafür viel gehasst und angeschwärmt wird. In seinem neuen Roman dreht er die Schraube noch weiter und der junge Bücherherbst hat seinen Höhepunkt.

"Ungestraft eine Drecksau"

Alle Frauen wollen Lolitas sein, alle Männer wollen Sex. Wer alt ist, gehört ausgeschlossen, wer Kinder kriegt, katapultiert sich aus der Kampfzone. Leistungsfähigkeit und Egoismus statt Pflicht und Treue. Es gibt keine Gemeinsamkeit mehr, Katholizismus und Kommunismus haben sich verabschiedet. Das Leben des Mannes zerfällt in zwei Phasen: wenn er zu früh kommt und wenn die Erektion ausbleibt.

Daniel verdient Millionen als Sprecher dieser Zeit. Und eine ganze Weile ist er gerne Humorist, weil man dann "ungestraft eine Drecksau" sein kann. Doch Daniel wird mürbe und müde - und gerät aus Neugier zur Sekte der Elohimiten. Die versprechen das ewige Leben und bekommen Zulauf, weil an ihrem Ende die Menschen fast allem zustimmen.

Houellebecqs neuer Roman ist eben deswegen so gut, weil er dort weitermacht, wo die gängigen Zeitgeistschmöker aufhören. Er entwirft eine Utopie, die jenseits von Gut und Böse mit dem Totalitätsanspruch der Wissenschaft spielt. Das gibt auch einen utopischen Roman, vor allem aber ein soghaft gigantisches Thesenpapier unserer Anmaßungen. Weil es im letzten Moment der Geschichte möglich war, ihn zu klonen, hat der Mensch überlebt. Hinterm Elektrozaun hat er Lachen und Weinen verlernt, gibt seine Gene weiter, verkehrt über Server und kommentiert aus dem Abstand von 2000 Jahren die Lebensberichte seiner Vorfahren. Der von Daniel ist mit Abstand der beste und das macht ihn zum Evangelisten der Elohimiten, die als die neue Religion das Überleben gesichert haben.

Wie beiläufig lässt Houellebecq unter geradezu biblischen Kapitelnummerierungen Daniels alte Geschichte und ihre befremdete Interpretation durch den neuen Menschen alternieren. So führt er aus der Draufsicht vor, wie eine Zivilisation scheitert. Wie in der Bibel ist Daniel der Verkünder eines Untergangs, nach dem es unter anderer Herrschaft weitergeht. Houellebecq zitiert auch Balzac, Schopenhauer, Baudelaire, die alten Griechen und natürlich Nietzsche. Und er zitiert das Jahrhunderte alte Motiv der Insel, wo von Platon über Campanella, Morus und Bacon bis zu Robinson und Atlantis diverse Spielarten von Utopien möglich waren.

Bei Houellebecq existieren sie immerhin noch als Möglichkeit, zu der sich Daniels später Wiedergänger als Neo-Mensch auf den Weg macht, diffus erweckt von seinem Lebensbericht aus einer Zeit, in der es immerhin noch Gefühle gab. (NRZ)

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Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMont2.)

Die Möglichkeit einer Insel.
Roman von Michael Houellebcq (2005, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Züricher Zeitung vom 27.08.2005:

Der verbesserte Affe und die leere Zukunft
Michel Houellebecqs Klon-Roman «Die Möglichkeit einer Insel»

Seit dem weltweiten Erfolg seines Romans «Elementarteilchen» gilt der französische Autor Michel Houellebecq als eine Art soziologisches Phänomen. Die Themen, welche er aufgreift, beunruhigen die Gesellschaft. Im neuen, soeben in mehreren Sprachen erschienenen Buch wirft er einen Blick in die Zukunft der geklonten Menschheit.

Vor einigen Wochen konnte man erfahren, dass in Südkorea mit «Snuppy» der erste geklonte Hund zur Welt gekommen ist. An solche Meldungen werden wir uns künftig gewöhnen müssen. Michel Houellebecq, dessen neuer Roman «Die Möglichkeit einer Insel» jetzt ebenso punktgenau wie verlegerisch ungewöhnlich zugleich mit dem französischen Original auf Deutsch – und noch in fünf andere Sprachen übersetzt – erscheint, wusste davon vermutlich nichts. Indessen: Auch in seinem neuen Roman taucht ein geklonter Hund (namens Fox) auf, dessen Urklon dann sogar, genau wie der der erzählenden Figuren, in die Zukunft weitergereicht wird, bevor das Ganze in der 25. Generation – grob gerechnet tausend Jahre später – jäh unterbrochen bzw. sabotiert wird, weil einer der sogenannten «Neo-Menschen» ausschert und nicht mehr mitmachen will.

Phänomenologie der Langeweile

Natürlich geht es hier nicht um das Klonen von Hunden. Wie in seinen bisherigen Romanen nimmt sich Houellebecq gesellschaftliche Entwicklungen vor und verhandelt sie im Kontext des existenziellen Unbehagens und der Obsessionen seiner Protagonisten. Normalerweise sind dies leere, einsame Wichte, kaputte Bukowski-Figuren, die mit Surrogaten hantieren und in Kompensationsmustern denken. Der heute 47-jährige Houellebecq erweist sich dabei als skrupulöser Phänomenologe der Langeweile. Und dennoch hat er auch das Zeug zum Romantiker. Ein leicht melancholisches Tremolo schwingt bereits mit, wenn es heisst: «In der modernen Welt konnte man Swinger, bisexuell, transsexuell, Sodomit oder Sadomaso sein, aber es war verboten, alt zu sein.»

Houellebecqs neuer Roman folgt den diversen Verfallserscheinungen seiner (nunmehr regenerierbaren) Protagonisten und entwickelt sich vor allem zu einem Menetekel in Sachen Klon-Optimismus. Von wegen schöne heile Welt: Houellebecq legt eine visionäre, auch sehr düstere, ja apokalyptische Sicht der menschlichen (Klon-)Zukunft vor, eine, die jedwedem Gerede von den – beispielsweise therapeutischen – Chancen dieser wissenschaftlichen Entgrenzung Hohn spricht. Voltaires «beste aller Welten» («Candide») geht da allenfalls noch als schlechtester Witz aller Zeiten durch. Nein, das hier ist Cioran im Quadrat.

Es stellen sich Daniel1, der genetische Prototyp des «Neo-Menschen», sowie Daniel 24 und 25, die vierundzwanzigste und dann die fünfundzwanzigste Generation dieses Urtyps, vor. Abwechselnd melden sich in erster Linie Daniel 1 und 24 zu Wort. Die beiden letzten Daniels (24 und 25) beziehen sich immer wieder auf jenen Bericht, den Daniel 1 über sich und seine Sicht der Dinge verfasst hat und den wir auch als Leser vorgelegt bekommen. Bald wird deutlich, dass im Laufe der Klonvorgänge mit jedem einzelnen Daniel-Darsteller erhebliche Veränderungen stattgefunden haben. Daniel 2 und 3 konnten beispielsweise noch lachen, zumindest unter Alkohol; Daniel 24 versteht nicht mehr, was mit Lachen gemeint sein könnte. Freudlosigkeit ist überhaupt das herrschende Grundgefühl, und sie nimmt ständig zu.

Doch bereits bei Daniel 1 sind die emotionalen Ab- oder Aufweichungen erheblich, der Sex mit Freundin Isabelle entwickelt sich zum zynischen Konstrukt ohne Sinnlichkeit, es wird überhaupt immer schwieriger, den Reiz am Geschlechtlichen aufrechtzuerhalten, ganz abgesehen von der obsolet gewordenen Frage: Warum sich noch vermehren? Daniel 1 empfindet Ekel angesichts aller Kreatürlichkeit – deutlich ein Houellebecqscher Topos – und beklatscht die Einführung von «child-free zones» für alle, die Babygeschrei, Gesabber und den Anblick schmutziger Windeln satt haben. Stattdessen verschafft er sich via Internet den sexuellen Kommunikationsersatz mit Frauen, die ihm all das zeigen, was er sehen will. Willkommen also in der selbstreferenziellen Single-Masturbationsgesellschaft. Gewiss: Über diese wird heute bereits geklagt; aber hier erscheint alles doch noch einen perversen Kick antisozialer und solipsistischer.

Glücksverheissungen

Daniel 1 bis 25 sind durch die Bank misanthropische, wahlweise misogyne, jederzeit zynisch-abgehalfterte Figuren bzw. Abziehbilder, deren Hauptproblem ihre zunehmende Orientierungslosigkeit ist. Wo ist die alternative Glücksverheissung? Daniel 1 sucht dieses Glück phasenweise noch auf Lanzarote bei der religiösen Sekte der «Elohiten», deren alternder «Prophet» sich ganz der Promiskuität verschrieben hat und jegliche Moralvorstellung verwirft. Diese Sequenz nimmt einen erheblichen Teil des Romans ein (was nebenbei auf den Autor selbst verweist, der kürzlich in einem Interview sagte, mit dem Thema Sexualität zwar «durch» zu sein, mit Fragen der Religion aber noch lange nicht – ein Hinweis auf seinen nächsten Roman?).

Der einzig wahre Freund für Daniel 1 bleibt nach Lage der Dinge sein – später durchgeklonter – Hund Fox. Ihm gegenüber verbucht auffallenderweise auch die ganze Daniel-Klonstaffel noch Rudimente eines längst ausgemerzten Gefühls – Sympathie oder Liebe –, und vor allem der Letzte, Daniel 25, zeigt sich da von einer sentimentalen Seite. Das hat einen nachvollziehbaren Grund, denn er ist quasi allein mit dieser Kreatur. Vieles ist bis dahin passiert. Auf der Erde hat es, von Aids ganz abgesehen, verheerende Epidemien gegeben; durch weltweit gravierende Klimaveränderungen – Eisschmelze, Dürre – und den Einsatz von Thermonuklearbomben sind ganze Kontinente verschwunden.

Das simple Nichts

Dieser letzte Daniel hat aus freien Stücken «die abstrakte, virtuelle Gemeinschaft der Neo-Menschen» verlassen, um den Zyklus von Tod und Wiedergeburt aufzubrechen. Er zieht mit Hund Fox durch ein verwüstetes, verstrahltes, fast menschenleeres Spanien, stösst in einer Burg auf letzte Relikte menschlicher Zivilisation, auf kaputte Handys und Computerkrimskrams. Nur mechanische Dinge wie eine Rolleiflex, so der kleine antimodernistische Seitenhieb, funktionieren noch. Menschen gibt es einzig in Form einiger versprengter Wilder ringsherum; die Kontakte mit ihnen gestalten sich archaisch, ja feindlich. Das Mittelmeer ist eine einzige sumpfige Zone, das Wasser knapp. Daniel 25 wandert, einem Zombie gleich, «dem simplen Nichts entgegen». Als Fox von den Wilden getötet wird, ist klar, dass der Hund nicht regeneriert werden kann; und Daniel selbst, dem Klon Nr. 25, blüht das gleiche Schicksal. Er ist, wie er fast abwinkend festhält, nicht mehr als ein «verbesserter Affe» und konstatiert schliesslich lapidar und emotionslos: «Die Zukunft war leer.»

Der Mensch kann sein Glück nicht finden, so die unverschlüsselte Botschaft. Michel Houellebecq hat in diesen Roman ziemlich alles hineingelegt, was man sich aus kulturpessimistischer Sicht nur denken kann. Seine Vision erscheint komplex, ebenso ambitioniert wie nihilistisch; gleichzeitig, und gerade in den ruhigen Passagen des Buches, gibt es Momente purer Poesie, die nicht nur wie Balsam wirken, sondern gerade in der geschilderten Endzeitatmosphäre einen flüchtigen Moment prekären Glücks vermitteln. Der sterbende Replikant in Ridley Scotts Film «Blade Runner», dem die Zeit verrinnt wie Glasperlen in der Hand, konnte seinem Kontrahenten immerhin noch Folgendes mit auf den Weg geben: «Ich habe Dinge gesehen, wovon ihr Erdenmenschen nur träumen könnt.» Der Mensch bei Houellebecq wird diese Schönheit nicht kennen lernen.

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Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMont3.)

Die Möglichkeit einer Insel.
Roman von Michael Houellebcq (2005, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Joachim Rogge aus der WAZ vom 30.8.2005:

Teufel oder Stubenhocker
Michel Houellebecqs neuer "Skandalroman" sorgt in Frankreich für Schlagzeilen. Kaum einer hat ihn gelesen, aber jeder hat bereits seine Meinung

"Monument der Langeweile" oder "Jahrhundertwerk" - weniger dröhnend geht's nicht. Dabei ist Michel Houellebecqs neues Buch noch gar nicht im Handel.

Lesen durfte es vorab nur eine Handvoll "befreundeter Kritiker". Deren Echo fiel entsprechend wohlwollend aus. Das neue Buch des französischen Skandal-Autors, das ab Mittwoch in fünf europäischen Ländern erscheint, spaltet die französische Literaturszene schon seit Wochen, ist das literarische Ereignis im französischen Bücher-Herbst.

Dass daneben 662 weitere neue Romane, 448 französische und 214 ausländische, auf Leser warten, fällt kaum ins Gewicht. Die Erwartungen sind hoch, "Stellen" zu finden, die wieder einmal alle Regeln des guten Geschmacks und des Anstands verletzen. Nicht nur die Feuilletons, auch Swingerclubs und Moscheen warten auf den neuen "bec", bereit, sich zu ergötzen oder Klageschriften einzureichen.

Die Erwartungen wird Houellebecq wohl kaum enttäuschen. Er selbst hält sein 448 Seiten umfassendes Buch "Die Möglichkeit einer Insel" (auf deutsch bei DuMont; 22,90 Euro) ganz unbescheiden für sein bestes. In andalusische Abgeschiedenheit war Houellebecq abgetaucht, hatte in den letzten Monaten lediglich einem Rockmusik-Magazin überraschend Audienz gewährt, das dieses Ereignis hinterher sogar als DVD verlegte. In dem sechs Seiten langen Interview ging es um alles Mögliche, nur nicht um das neue Buch. Selbst der Interviewer hatte es nicht lesen dürfen.

Die Geheimniskrämerei, eines Harry Potter würdig, hat sich ausgezahlt. Der Buchhandel jauchzt schon vorab über diesen "angekündigten Tsunami", der Frankreich überrollen soll. Die Startauflage beträgt 200 000 Exemplare (Deutschland 40 000). Bis zu 1,3 Millionen Euro, eine aberwitzige Summe für französische Verhältnisse, hat der Fayard-Verlag dem Vernehmen nach an Houellebecq gezahlt, um ihn vom Flammarion-Verlag loszueisen. Die Verkaufsrechte ins Ausland hätten diese Summe fast schon wieder eingespielt, reibt sich Verlagsleiter Claude Durand die Hände.

Und selbst jene, die Houellebecqs "Insel" schon vorab eifersüchtig, weil leer ausgegangen, in Grund und Boden schrieben, kommen nicht umhin, diesem "verlegerischen Phänomen" dafür zu danken, dass es dem dahin siechenden französischen Buchhandel neuen Sauerstoff einhauche.

Schon jetzt wird Houellebecq als Top-Favorit für die wichtigsten französischen Literaturpreise gehandelt. "Kann er dem Prix Goncourt noch entgehen?", fragte spitz der konservative "Figaro", dessen Literaturkritiker ein Hühnchen mit Houellebecq zu rupfen hatte. Weil auch der "Figaro" kein Vorab-Exemplar erhalten hatte, gab Hauskritiker Angelo Rinaldi vor, sein Exemplar zufällig auf einer Pariser Parkbank gefunden zu haben.

"Houellebecq - vom Lastwagen gefallen", überschrieb Rinaldi doppeldeutig seine Kritik, die in ihrer Bissigkeit einem Reich-Ranicki Ehre gemacht hätte. "Es gibt nichts, was gleichzeitig dürrer, armseliger und obskurer wäre." Nichts, rein nichts hatte Rinaldi, Mitglied der Academie Française, Houellebecqs Geschichte um menschliches Klonen, um Jugend- und Sektenwahn, um Sex und Begierden abgewinnen können. Mehr noch: "Sich der Science-Fiction zuzuwenden, ist bereits ein Zeichen von Schwäche bei einem Romanautor."

Da kam Kritik als Guillotine daher. Houellebecq kann das verschmerzen. Die anderen französischen Literaturpäpste liegen ihm längst zu Füßen. François Nourrissier etwa, Mitglied der Concourt-Akademie, will Houellebecq auf den Thron setzen, den ihm die Jury-Kollegen für die "Elementarteilchen" oder "Plattform", Houellebecqs letzten Blockbuster, noch verweigert hatten. Auch der einflussreiche Literaturkritiker Bernard Pivot bescheinigt Houellebecq, ein grandios "verstörendes Buch" in menschlich kalten Zeiten abgeliefert zu haben. Ein wenig bodenständiger im aufgeregten Chor urteilte die Kolumnistin Michèle Stouvenot. "Man wartet auf den Teufel. Und wen trifft man? Einen Stubenhocker." So kann man es vielleicht auch sehen.

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Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMont4.)

Die Möglichkeit einer Insel.
Roman von Michael Houellebcq (2005, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Markus Thiel aus dem Münchner Merkur, 8.9.2005:

Zwischen Sex und Sekte
"Die Möglichkeit einer Insel": Michel Houellebecq posiert als Zivilisationskritiker

In der Musik, ob Klassik oder Pop, wäre so etwas ein Event. Mega-Stars zusammenspannen, auf die Bühne stellen, vor Tausenden ihre Weisen tirillieren lassen - und unten schauen sich die Fans irgendwann verwundert an: Das soll jetzt cool sein? Michel Houellebecq, Frankreichs heftig gehyptem Autor, ist jetzt Ähnliches passiert. Mega-Themen von Sex bis Sekte hat er zwischen die Deckel seines vierten Romans gepresst, hat den in einer Startauflage von 200 000 und in sechs Sprachen auf den Markt geworfen. Aber die medial geschürte Erwartung ist längst einer Ernüchterung gewichen: Ist Houellebecqs Literatur doch nur ein vorübergehendes Phänomen, dessen Wirkung längst verpuffte?

Den Riecher für En-vogue-Themen hat er zumindest. Drei Helden lässt er in "Die Möglichkeit einer Insel" abwechselnd ihre Lebensberichte erzählen. Doch "Daniel 25" bzw. "Daniel 24" haben mit "Daniel 1" viel zu tun: Sie sind Klone ihres Vorfahren, leben in ferner Zukunft, wo nach gewaltigen Klima- und Atomkatastrophen Emotion und Liebe, Mitleid und Gemeinschaftsgefühl nichts mehr gelten. Doch immerhin: Man ist ja - dank ständiger Reproduktionen - irgendwie unsterblich geworden.

Ins Rollen gebracht wurde die Sex-lose Fortpflanzung auf Lanzarote. Dort trifft sich die Sekte der "Elohim", die die außerirdischen Menschheitsschöpfer zurückerwartet, dort bastelt ein wahnwitziger Professor an der Kopierbarkeit des Lebens. Und dorthin ist Daniel 25, Tausende Jahre später, unterwegs, getrieben von einem ihm nicht ganz geheuren Willen, seine ureigenen Anfänge und die Erlebnisse seines Ahns Daniel 1 zu erkunden.

Anfangs schnüffelt und streunt Hund Fox an seiner Seite, ein reinrassiger Corgi, mittlerweile ebenfalls in der x-ten Generation wiederhergestellt. Doch der wird von menschenähnlichen Halbwilden, die außerhalb der Klon-Generationen stehen, dummerweise gemeuchelt.

Dass es eine Zeit vor der künstlichen Erbfolge gab, breitet Houellebecq auf vielen Seiten aus. Daniel 1, Mitglied einer "Generation von endgültigen kids", schätzt an seiner zweiten Flamme Esther vor allem den Sex. Pornografisch, wie (im Herzen voyeuristische?) Sittenwächter aufstöhnten, ist das längst nicht. Und mag Houellebecq auch noch so viele Stellungen erwähnen und dabei böse, schmutzige Worte schreiben: Blutarm, bemüht, oft auch recht pubertär bleiben solche Passagen.

Ohnehin beschleicht einen irgendwann der Gedanke, dass Daniel 1 sehr viel mit seinem Schöpfer Houellebecq zu tun hat. Daniel 1 verdiente Millionen als zynischer Humorist, als derber Satiriker, der sein Publikum mit Sketchen wie "Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen" konfrontiert. Der Mann scheint ein Super-Harald-Schmidt, doch die Provokation bleibt Pose, hinter den inszenierten Tabu-Brüchen wird der wahre Daniel/Michel sichtbar: ein hemmungsloser Moralist, der das Verschwinden des Schönen, Wahren, Guten betrauert, dies aber nur unvollkommen mit ätzender Zivilisationskritik tarnt.

Auch der Vorwurf, Houellebecq verherrliche Sekten-Dogmen, zielt daneben. Gewiss werden die Gebräuche der "Elohim" erschöpfend geschildert, und die Parallelen zur real existierenden Gruppe der "Rahelianer" sind unüberlesbar. Doch verbirgt sich dahinter weniger Faszination, sondern vor allem distanzierte Respektlosigkeit. Richtig amüsant wird es sogar, als der Prophet stirbt und sich seine Kamarilla tödliche Nachfolgekämpfe liefert, auf dass die finanziell einträchtige Konstruktion nicht zusammenbricht.
Sekten und Klonen, Midlife-Ängste und Jugendkult, Umweltproblematik und Antikriegspathos, Einsamkeit und das Verschwinden von Lachen, Weinen und Liebe, alle diese Themen werden von Houellebecq nicht kunstvoll verzwirbelt, sondern - und das ist das Hauptproblem des Buchs - bedient. Unschlüssig pendelt die Geschichte zwischen diesen Problematiken, manche Kapitel entfalten schillernde  Spannung,  doch vieles versackt dann doch in raunender Unverbindlichkeit, als ob aus Szenen und Charakteren sämtliche Farbe gewichen ist.

Kein Skandalbuch

"Skandalbuch", davon ist "Die Möglichkeit einer Insel" also weit entfernt. Aber möglicherweise kann da ja der nächste Event-Schritt nachhelfen. Michel Houellebecq selbst will den Roman verfilmen, womit er sich einen Jugendtraum erfüllt. Seltsam nur, dass er bislang seine Ausbildung an einer Filmschule verschwieg: der Kino-Autodidakt also als nächste Pose?

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Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq, 2005, DuMont5.)

Die Möglichkeit einer Insel.
Roman von Michael Houellebcq (2005, DuMont - Übertragung Uli Wittmann).
Besprechung von Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten vom 24.09.2005:

Entertainer der Endzeit
Michel Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel“

„Warum können wir von niemandem geliebt werden?“ Diese verzweifelte Frage taucht in der Lyrik und Prosa von Michel Houellebecq immer wieder auf. „Die unheilbare Sehnsucht nach der Liebe“ treibt den französischen Skandal- und Bestsellerautor offensichtlich genauso um wie seine Protagonisten. An seinen blitzgescheiten und deprimierenden Büchern scheiden sich die Geister. Auch der neue Houellebecq-Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ spaltet die Kritiker — wie berichtet — in zwei Lager. Für die einen ist der schüchterne Provokateur einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, für die anderen ein überschätzter, geschäftstüchtiger Zyniker. Dazwischen gibt es fast nichts. Gleichgültig lässt Houellebecq jedenfalls niemanden.

Der Medienrummel um das neue Buch, das wie eine Bombe auf dem französischen Bücher-Herbstmarkt einschlug, überlagert allerdings die Diskussion um die literarische Qualität. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate sorgten zum Teil für wütende Proteste. Dem Autor, der sich gerne mit allem anlegt, was politisch korrekt ist, scheint das ganz recht zu sein.

„Die Möglichkeit einer Insel“ ist ein zivilisationskritischer Science-Fiction-Roman, ein schnoddriger Abgesang auf die Menschheit, eine Apokalypse des 21. Jahrhunderts. Houellebecq bezieht sich einerseits auf die Thematik seiner bisherigen Bücher, andererseits auf literarische Utopien und philosophische Motive von der Bibel und Baudelaire bis Bacon, von Huxley bis zu Schopenhauer. Im Wesentlichen dreht sich der Roman um die deprimierende Erkenntnis: „Allein die Tatsache zu leben, ist schon ein Unglück.“ Diese These ist weder neu noch originell, aber Houellebecq, der „Zarathustra der Mittelschicht“, stellt sie in einen neuen Zusammenhang. Und nach dem mäßigen Roman „Plattform“ erreicht der Schriftsteller hier wieder die literarische Qualität seiner brillanten „Elementarteilchen“.

Erzählt wird auf zwei Zeitebenen von den letzten Tagen der Menschheit: Der Lebensbericht des erfolgreichen TV-Satirikers Daniel1 handelt von der Jetztzeit, der ergänzende Kommentar seiner geklonten Nachfahren stammt aus der Zukunft. Houellebecq reduziert die Misere des modernen Menschen im Kern auf dessen verkorkste Sexualität und seine Unfähigkeit zu lieben. Daniel1 ist so etwas wie das Alter Ego des Autors, ein zynischer Entertainer der Endzeit, im Grunde aber ein hoffnungsloser Romantiker. Sex dient ihm in einer gottlosen Welt als Ersatzreligion, die ihn jedoch weder vor existenzieller Einsamkeit noch der Angst vor dem Alter bewahrt.

Jugend- und Konsumwahn

Houellebecq kritisiert die moderne Medien- und Konsumwelt mit ihrem Jugendwahn und ihrem Freizeitverhalten, indem er ihr einen Zerrspiegel vorhält und gnadenlos übertreibt. Das Experiment Mensch ist bei ihm zum Scheitern verurteilt, Erlösung gibt es nicht. Allenfalls die vage Möglichkeit einer Rettungsinsel inmitten all des Leids.

Die Heilsversprechen der Sekte, die der Menschheit Glückseligkeit und Unsterblichkeit durch modernste Gen-Technik verspricht, entpuppen sich als Anleitung zum ewigen Unglücklichsein: Die geklonten Neo-Menschen der Zukunft, die von Schmerzen und Sexualtrieb ebenso befreit sind wie von Gefühlen und Liebesfähigkeit, führen eine freudlose Existenz in einer zerstörten Umwelt, während sich der Rest der Menschheit auf die Stufe von Neandertalern zurückentwickelt.

Schöne neue Welt! Houellebecq sieht schwarz, schwärzer geht’s nicht. Aber er hat Humor. Einen kleinen Trost immerhin hat er für seine deprimierten Leser bereit: Statt Bücher zu lesen oder auf die große Liebe zu warten, sollte man sich vielleicht einen Hund anschaffen. Denn der ist bekanntlich der beste Freund des Menschen und kann bedingungslos lieben. Ja, die Menschheit ist endgültig auf den Hund gekommen.

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