Die Mittagsfrau von Julia Franck, 2007, S. Fischer1.) - 4.)

Die Mittagsfrau.
Roman von Julia Franck
(2007, S. Fischer)
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 18.9.2007:

Das abgestorbene Innenleben
Julia Francks zweiter Roman verfolgt die Biografie einer Frau durch ein halbes Jahrhundert

Der Krieg ist beinahe vorbei, der Schrecken hat ein absehbares Ende. Die Menschen fliehen vor den Russen aus Stettin; eine Mutter nimmt ihren Sohn an die Hand; beide steigen in einen Zug. Am nächsten Umsteigebahnhof sagt sie "Ich bin gleich zurück, wart hier." Der Junge wartet. Die Sonne geht unter, irgendwann fallen dem Jungen die Augen zu. Als er wieder aufwacht, ist die Mutter noch immer nicht wieder da. Sie wird erst viele Jahre später zurückkommen.

Der Prolog ist ein beklemmender und atmosphärisch dichter Einstieg in einen Roman, der den Moment dieses ungeheuerlichen Entschlusses, das eigene Kind am Bahnhof zurückzulassen, aufzuschlüsseln und zu erklären versucht.

"Die Mittagsfrau" erzählt von einem Leben über zwei Weltkriege hinweg, von einer Kindheit in der Lausitz, die durch die Rückkehr des Vaters aus dem ersten Krieg eine völlig neue Wendung bekommt. Von der jüdischen Mutter, die hier nicht hineinpasst und von den Bewohnern Bautzens misstrauisch beäugt wird. Von der Beziehung Helenes zu ihrer älteren Schwester Martha, in der ein fein austariertes Verhältnis von (sexueller) Anziehung und Machtausübung herrscht.

Langer Anlauf

Leider hält "Die Mittagsfrau" nicht, was der aus der Sicht des kleinen Peter geschriebene Prolog verspricht. Es braucht einen langen, zu langen Anlauf, bis das Buch wieder Erzähltempo aufnimmt. Helene entwickelt sich nach dem Tod des Vaters zu einer eigenständigen, klugen und selbstbewussten jungen Frau, die gemeinsam mit der Schwester beschließt, die Mutter in eine psychiatrische Anstalt zu geben und nach Berlin zu gehen.

Dort finden sie Unterkunft bei der Tante, die ein ausschweifendes Bohème-Leben führt, während im Hintergrund bereits der Nationalsozialismus lauert. Spätestens hier wird man misstrauisch - man glaubt, diese Szenen schon mindestens einmal irgendwo gesehen und gelesen zu haben; sie wirken wie Abziehbilder, die Julia Franck in die Kulissen der Zwanzigerjahre hineingeklebt hat.

Es geschieht ziemlich viel, ein knappes halbes Jahrhundert wird durchlebt. Und doch ist "Die Mittagsfrau" ein irritierendes, unsinnliches Leseerlebnis. Den Grund der Irritation stellt man erst nach einiger Zeit fest: "Die Mittagsfrau" liest sich passagenweise wie das Drehbuch zu einer Verfilmung des Romans "Die Mittagsfrau" (die es mit Sicherheit auch irgendwann geben wird), so brav werden die Lebensphasen der Protagonistin hintereinander abgehakt, so blutleer und hölzern bleibt Julia Francks Sprache über weite Passagen, die immerhin von einer Frau erzählt, die sowohl persönliche Demütigungen und Schicksalsschläge zu ertragen hat als auch eine düstere historische Epoche durchläuft.

Allein - das Leidenspotential, das hinter diesen Geschehnissen steckt, erscheint als bloße Behauptung und nicht als literarisch ausgearbeitete Gefühlslage. Kurz - es mangelt diesem Roman an Leidenschaft und an sprachlicher Differenzierung.

So kommt es auch, dass der Auslöser für Helenes spätere emotionale Versteinerung, der Unfalltod ihres Verlobten Carl und dessen Folgen, mit der gleichen Distanz erzählt werden wie das angeblich erst daraufhin abgestorbene Innenleben Helenes. Danach macht sie weiter, arbeitet als Krankenschwester, gliedert ihre Tage in "überschaubare und regelmäßige Einteilungen", um alles aushalten zu können.

Hin und wieder erliegt Julia Franck, die ansonsten stets dicht an ihrer Protagonistin bleibt, der in historischen Romanen nahe liegenden Versuchung einer rückwirkenden Kommentierung: "Helene brachte den Frauen ihre Säuglinge aus dem Säuglingszimmer und legte sie ihnen an die Brüste. Rosa gesunde Kinder saugten süße Milch aus den gefüllten Brüsten ihrer Mütter, während ihre Väter fern im Osten und im Westen, zu Land, See und Luft an der Front kämpften und die Aushungerung Leningrads überwachten." Das ist nicht nur ein höchst banales Bild, es sind zudem Sätze, die aus der Erzählperspektive herausfallen.

Kleine Unebenheiten

Wie mit den nicht wenigen kleinen Unebenheiten in diesem Roman, so ist es auch im Großen und Ganzen: Es wäre ungerecht zu behaupten, dass "Die Mittagsfrau" ein komplett misslungenes Buch wäre, und doch ruft es an vielen Stellen Missfallen hervor, weil es in jeder Hinsicht nahe am Klischee angesiedelt ist.

Das ist vor allem an den Männern festzumachen. Die kann Julia Franck, um es salopp zu sagen, überhaupt nicht. Während die Frauenfiguren zumindest teilweise psychologisch ausdifferenziert sind, so beispielsweise die der tyrannischen Mutter, die später in den Wahnsinn kippt, sind die Männer bloße Pappkameraden: Entweder sind sie, wie der Vater, vom Krieg gezeichnete Wracks, oder es sind gierige und brutale Grapscher oder stramme Nazis oder ein wenig weltfremde, vertrottelte Idealisten.

Unter anderem dies lässt auch wiederum Helenes Beziehung zu Carl mit all ihren Folgen so unglaubwürdig wirken: Wie, so fragt man sich, soll ein solcher Mann eine so nachhaltige Wirkung gehabt haben können?

Helene lernt Wilhelm kennen, einen Ingenieur, der vom Aufbruchgedanken des Nationalsozialismus begeistert ist. Diese Begeisterung, die Helene vollkommen fehlt, und die schlichte Überlegung, einfach weitermachen zu müssen, auf welche Weise auch immer, bewegt sie dazu, nach drei Jahren des Werbens Wilhelms Heiratsantrag anzunehmen. Wilhelm besorgt Helene einen arischen Stammbaum und verbietet ihr, künftig in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Diese letzten rund 100 Seiten des Romans sind seine stärksten. Wie Julia Franck die Intimhölle der Ehe mit einem so selbstsüchtigen, tyrannischen und zugleich weinerlichen Mann schildert; die Teilnahmslosigkeit Helenes, die nun Alice heißt, die sich steigernde Wut Wilhelms, die kleinen und großen Drangsalierungen und Demütigungen; die gleichgültigen bis brutalen Geschlechtsakte - das ist höchst gekonnt und berührend. Da spürt man, was aus diesem Buch hätte werden können, nämlich mehr als nur eine gute Geschichte.

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Die Mittagsfrau von Julia Franck, 2007, S. Fischer2.)

Die Mittagsfrau.
Roman von Julia Franck
(2007, S. Fischer)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 22.9.2007:

Andauernde Fluchtbewegung
Ausweglosigkeit und existenzielle Verlassenheit: Julia Francks bewegend dichter Zeitroman

Sommer nach Kriegsende im deutschen Osten, die Sowjetarmee in Stettin, in den Zügen nach Berlin sind keine Plätze zu ergattern, der Vater ist weit weg, er hat an den Reichsautobahnen mitgeplant und sich herrisch von Frau und Kind abgewendet, die Mutter arbeitet als Krankenschwester buchstäblich bis zum Umfallen. Als sie endlich abfahren können, lässt sie den siebenjährigen Peter ohne weitere Erklärung bei einem Bahnhof im Irgendwo allein zurück, auf Nimmerwiedersehen. Was sich wie ein Ende einer oft erzählten Geschichte ausnimmt, ist der Prolog zu einem ungewöhnlichen Roman von besonderer Dichte und großer sprachlicher Meisterschaft.

Die Mittagsfrau von Julia Franck beginnt mit dem Blick eines Kindes auf eine zerbrechenden Welt. Fein spielt der erste Satz – wie dieser ganze Zeit- und Familienroman – vieles verhalten an und bringt eine metaphorische Ebene zum Mitschwingen, einen Blick nach einem unerreichbaren Draußen, eine Hoffnung, eine Einsamkeit und einen in kaputter Umwelt ungehörten Ruf: "Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag." Dieser Rhythmus, die dichte Beschreibung ziehen einen in ein Geschehen, das die Geschichte dieser Mutter schildert und ihre Tat, wenn auch vielleicht nicht verständlich, so doch begreiflich macht.

Eine Kindheit in Bautzen, vor dem Beginn des ersten Weltkriegs, der Vater besitzt ein Druckhaus, die Mutter sei "von zweifelhafter Herkunft", raunt man im christlichen Bürgertum über die jüdische Zugeheiratete, und sie zieht sich in ihr dunkles Zimmer und in die Verwirrung zurück. Das Ambiente dieser Familie in der Provinzstadt, den Antisemitismus, den Einfluss der inneren und äußeren Umgebung auf Helene und ihre Schwester Martha beschreibt Julia Franck so plausibel und umsichtig, so ausdrucksvoll und stilsicher, dass es ihr gelingt, einem diese Welt, von der schon oft zu lesen war, neuartig und eindringlich nahe zu bringen. Francks Sprache folgt den Zeiten, ohne die Übergänge und Brüche groß herausstreichen zu müssen – so wie sich eben das Leben einer Person in den Zeitumständen bewegt. Diese Prosa klingt im zu Ende gehenden Wilhelminischen wie eine aktuelle Form der Gesellschaftserzählungen von Heinrich Mann, nimmt die Stimmung im Berlin der Zwanzigerjahre auf, geht in den Duktus einerseits der Aggression, andererseits des Versteckens im Nazistaat über und vermittelt doch das Individuelle der Erfahrungen jener Helene, die sich ab 1933 Alice nennen und sich von ihrem völkisch begeisterten Mann, dem Vater des kleinen Peter, gröbste Demütigungen gefallen lassen muss.

Bedrückend wirken die Familienszenen, mit dieser abweisenden Mutter, mit diesem geduldig liebenden und dann für den Kaiser ausrückenden Vater, verschämt die kindlich erotischen Handreichungen der kleinen Helene für die neun Jahre ältere Martha. Es ist es ein Kindheitsreich, das hier ersteht. Es zerbricht mit dem Krieg. Der Vater kommt elend invalid zurück, ohne je heldenhaft eingegriffen zu haben. Beeindruckende Szenen schildern sein mühsames Sterbelager, Stimmung und Lage nach seinem Tod: "In allen Zimmern des Hauses brannten Kerzen, der Tag wollte nicht beginnen. Die Wolken lagen tief und schwer über den Dächern, sie hingen zwischen den Mauern, die Nacht schaukelte noch in den Wolken."

Die beiden Schwestern ziehen nach Berlin, zu einer lebenslustigen Tante, Martha ist Krankenschwester, Helene möchte Ärztin werden. Man berauscht sich, so oder so, und der tragische Knoten wird immer enger gezogen. Helenes Verlobung mit Carl, der seinen großbildungsbürgerlichen Eltern die Liaison verheimlicht, bringt nach den Byron-Worten der Kindheit zum letzten Mal die Poesie ins Spiel. Ein romantischer Anflug vor dem Sturz, den Mühen des Versteckens unter falscher Identität, des Ausgeliefertseins, der Einsamkeit. Die dauernde Fluchtbewegung, den Nazi-Horror und einen Verweis auf den Prologschluss konzentriert Julia Franck in einer großartigen, rhythmisierten Szene, in der Helene, jetzt Alice, mit ihrem Sohn tief in den Wald gerät. Sie drängt voran, der kleine Peter hält zurück. Hunde bellen, Trillerpfeifen ertönen, auf der Bahnstrecke stinkt es aus Viehwaggons, weiter weg kauert ein Zitternder unter einem Buchenstamm.

Der Prolog kommt aus der Sicht des Siebenjährigen, der einige Signale wahrnimmt, die ihm nichts sagen und in der folgenden Erzählung vom Leben der Mutter vielsagend zum Ausdruck kommen. Aus der Perspektive des siebzehnjährigen Peter ist auch der Epilog geschildert, aus der Ritze eines Verstecks, ein Verlassenbleiben.

Julia Franck erschafft diese Welten und Zeiten, diese Gesellschaften und Personen in großer Intensität, ohne jeden dichterischen Kraftakt, mit tiefen Einblicken in schwierige psychische Verhältnisse und Beziehungen. Effizient baut sie den Spannungsbogen, sicher setzt sie die Motive, stützt sie sich auf Worte, Blicke, Gerüche und Sinne, einfühlsam gestaltet sie Sinnlichkeit, körperliche Nähe und Distanz. Einiges deutet sie an, manches hält sie in Schwebe, auch eine Stimmung, mit der sich deutsche Nüchternheit, die schnell den Pathosverdacht bereithält, etwas schwer tun mag. Dieser Roman hat nichts von falschem Pathos, er erzählt mitreißend von einer ansteigenden Tragik der Ausweglosigkeit und einer existenziellen Verlassenheit.

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Die Mittagsfrau von Julia Franck, 2007, S. Fischer3.)

Die Mittagsfrau.
Roman von Julia Franck
(2007, S. Fischer)
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 9.10.2007:

Deutscher Buchpreis: Im falschen Leben

Der Erste Weltkrieg durchkreuzt Helenes Kindheit und Jugend, der Zweite zerstört ihr Erwachsenenleben. Ein im 20. Jahrhundert nicht seltenes Frauenschicksal steht im Mittelpunkt des epochalen Romans "Die Mittagsfrau", für den die Berlinerin Julia Franck den Deutschen Buchpreis verliehen bekam.

Was hätte aus dieser Frau mit diesen Talenten und dieser Auffassungsgabe nicht alles werden können: eine kreative Mathematikerin, eine einfühlsame Medizinerin, mindestens aber einer der fähigsten Köpfe in ihrem Fach der Krankenpflege. So aber wurde sie die wahrscheinlich schlechteste aller Mütter: Auf der Flucht aus Stettin lässt sie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren kleinen Sohn Peter allein auf einem Bahnhof zurück. Er solle warten, bis sie wiederkomme. Da hat sie längst entschieden, dass sie nicht mehr wiederkommen wird.

Es ist zunächst schwierig, in diesem Roman heimisch zu werden, in einer so kalten, unmenschlichen, qualvollen Atmosphäre. Der Flucht vorausgegangen war die Vergewaltigung der Mutter durch drei Russen, die der kleine Peter mit ansehen muss. Schon zuvor war die Mutter - vom nationalsozialistischen Ehemann verlassen - für Peter kaum mehr erreichbar gewesen, ab jenem Moment der Erniedrigung ist sie für Peter für immer verloren.

Wer ist diese Frau und warum ist sie so, diese Fragen drängen sich auf. Und für ihre Beantwortung lässt sich die Erzählerin viel Zeit. Sie springt weit zurück in die Kindheit Helenes, für die es ein eindringliches Bild gibt: In den Rücken ihrer älteren Schwester gekuschelt erfährt die wissbegierige Helene all die mütterliche Liebe und Wissenvermittlung, zu der eine 15-Jährige fähig ist. Wo aber ist die Mutter?

Die vom Vater, einem Druckereibesitzer, innig geliebte Jüdin wird in Bautzen nicht gemocht. Lieber als mit Menschen, etwa ihren Töchtern, umgibt sich die nervenkranke Frau zwanghaft mit Gegenständen und dämmert die meiste Zeit unansprechbar vor sich hin. Ihre jüngere Tochter hasst sie sowieso, sind die statt ihrer heiß ersehnten Söhne doch alle gestorben.

Fast unbemerkt zieht einen die schöne, klare Sprache tief hinein in eine Zeit, die lange genug vergangen ist, um einem fremd zu sein, und doch durch die Erzählungen der Großelterngeneration vertraut genug ist, um das kollektive Gedächtnis zu aktivieren. Julia Franck beherrscht die Kunst, ihre Figuren quasi neben einem wirklich werden zu lassen. Sie erklärt sie nicht, beschreibt sie beiläufig, und doch sind sie plötzlich greifbar nah. Lassen sich allmählich in ihren Handlungen, ihren Worten und Gesten ergründen.

Detailreich schildert die Erzählerin deren Lebenswelt - die Maschinen der Druckerei, die Nippes der verrückten Mutter, der 20er-Jahre-Glamour in der Berliner Wohnung der freisinnigen Tante Fanny - und gerät dabei doch nie in Schnörkelgefahr oder Nostalgiewut. Es ist gewiss keine gute alte Zeit, die sie beschreibt, es ist die Zeit, wie sie ist: gnadenlos, fordernd, ohne Rücksicht auf Verluste.

Das muss vor allem Helene erfahren: Chancen scheint es in ihrem Leben nur zu geben, um verpasst zu werden. Um eine ihrer Intelligenz adäquate Ausbildung zu genießen, fehlen Helene das Verständnis der Mutter und das Geld des inzwischen kriegsversehrten Vaters.

Trickreich wickelt sie das Ende der Druckerei ab, macht mit dem bei der älteren Schwester aufgeschnappten Fachwissen spielend die Krankenschwesternausbildung, um endlich zur Tante nach Berlin zu entfliehen. Dort findet sich keine passende Stelle für sie, aber immerhin eine erste Liebe, die sie wieder verliert. Etwas ist in Helenes Schicksal immer falsch, mal der Zeitpunkt, mal der Ort, eigentlich das ganze Leben.

"Die Mittagsfrau" ist mit ihrer Unaufgeregtheit und ihrer versierten Erzählweise eine sichere, aber kein schlechte Wahl für den renommierten Buchpreis. Es ist vor allem eine großartige, im Familiären verankerte Vergegenwärtigung deutscher Geschichte.

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Die Mittagsfrau von Julia Franck, 2007, S. Fischer4.)

Die Mittagsfrau.
Roman von Julia Franck
(2007, S. Fischer)
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 2.07.2008:

Die Welt braucht viele Mittagsfrauen
Die Erfolgsschriftstellerin Julia Franck arbeitet im niederrheinischen Straelen mit an den Übersetzungen ihres Buches.

Sie denken immer nur an das eine bei der „Mittagsfrau": Frauen allerdings an eine Frau, die mittags kommt und kocht und bügelt und wäscht, Männer dagegen an ein Mittagspäuschen mit erotischem Dessert. Da lächelt Julia Franck wieder dieses arglose Lachen... Der Verlag, plaudert sie aus dem Mini-Laptop, hatte ihr ganz andere Titel vorgeschlagen: „Scham und Schande" zum Beispiel oder „Menschliches Maß", „Menschen am Mittwoch" und, jungejunge: „Der Hohlraum im Bauch des Fisches".

Goethe und Schiller schauen zu

Ob sich Julia Francks Roman, den die NRZ ja zurzeit in Fortsetzungen druckt, auch mit solchen Titeln über 400 000 Mal verkauft hätte? Den „Deutschen Buchpreis 2007" gewonnen hätte? Und ob er dann auch in 18 Sprachen der Welt übersetzt werden würde? Mit einem „Hohlraum im Bauch des Fisches"? Jedenfalls sitzt Julia Franck jetzt drei Tage lang in Straelen 18 Übersetzern gegenüber und arbeitet daran mit, dass es eine katalanische „Mittagsfrau" gibt, eine finnische, eine kroatische, eine dänische, eine ungarische...

In der Bibliothek des Europäischen Übersetzer-Kollegiums, in dem die Brückenbauer des weltweiten Literaturbetriebs schon seit Jahrzehnten und zu Hunderten gearbeitet haben, schauen Goethe und Schiller von Stahlstichen auf die Arbeitsrunde herab, auf den Tischen Blätter, Bücher, hier und da ein Wasserglas, fünf Laptops, das kleinste gehört Julia Franck. Sie sitzt Rücken an Rücken mit Schnecken, Korallen, Reptilien und Schildkröten - so steht es auf den Regalreitern der Wörterbuch-Bibliothek hinter ihr, die zu den besten der Welt gehört. Aber selbst hier wird man für das Problem des Tages nicht die Lösung finden: Wie um Himmels willen übersetzt man einen Titel wie die „Mittagsfrau"? Noch einmal erzählt die Autorin, dass die weiß gekleidete „Mittagsfrau" neben dem „Wassermann" und „Krabat" die bekannteste sorbische Sagenfigur ist; sie erscheint all jenen, die mittags arbeiten, und verhängt einen Fluch über sie - von dem sie sich nur befreien können, indem sie eine Stunde lang von der Flachsverarbeitung erzählen. Das Ineinander von Arbeiten, Erzählen und Befreien machte den Reiz aus.

Und die Schwierigkeit des Übersetzens. Der englische Verleger hat sich schon entschieden, mit einem gordischen Kraftakt, nachdem der Vorschlag „The Lunchlady" bei seiner Übersetzerin Anthea Bell nur heftiges Glucksen ausgelöst hatte: „The Blind Side of the Heart" wird der englische Titel heißen, „Die blinde Seite des Herzens". Da fällt Julia Franck ein, dass mal über „Blind am Herzen" nachgedacht worden ist, und auch die albanische Übersetzerin hat, ohne von alledem zu wissen, mal „Blindes Herz" abgeschmeckt - aber beide Varianten wurden schnell von der Kitschpolizei weggesperrt.

„Warum denn nicht wörtlich?", fragt Matteo Galli, der Italiener in der Runde, räumt dann aber ein, dass sein Verlag sich für „La Strega die Mezzogiorno" entschieden habe, „Die Hexe des Mittags" (und des Südens), weil Italiener sich wohl genau wie die Franzosen prompt für die erotische Seite der „Mittagsfrau" entschieden hätten. „Wir in Brasilien", sagt hingegen Marcelo Backes, „haben schon eine Mittagsfrau, das ist eine Karnevalsfigur aus dem Norden, auch mit erotischer Aufladung. Aber warum denn auch nicht? Ein leichtes Rätsel bleibt, wie im Deutschen..."

Manche der Übersetzer sind daheim auch Verleger oder Universitätsprofessor oder übersetzen die Untertitel für die TV-Nachrichten. Manche warten auf die Druckfahnen und können nur noch Allerwichtigstes ändern, andere haben den Roman gerade einmal durchgearbeitet. Sie alle aber haben Fragen, Fragen, Fragen. Und fördern die inzwischen branchenübliche Flüchtigkeit eines Lektorats zutage, das auch im Fall der „Mittagsfrau" meinte, am Manuskript sei ja, außer dem Titel, „nicht mehr viel zu tun". Pustekuchen! Auch jetzt nach der 11. Auflage des Buches, fördern die Übersetzer noch Fehler und Stellen zutage, die nicht ganz stimmig sind. Julia Franck, die selbst mal amerikanische Erzählungen ins Deutsche übersetzt hat, weiß das zu schätzen: „Ich bewundere Übersetzer." Die wiederum wissen, was sie Julia Franck schuldig sind: „Ich wollte Ihnen meinen allertiefsten Dank für Ihren Roman aussprechen", schmachtete der Bulgare Ljubomir Iliev schelmisch, „weil ich vorher Musils ,Mann ohne Eigenschaften' übersetzt habe. Nachdem ich in diesem Meer von Gedanken beinahe ertrunken wäre, brauchte ich ein Buch mit menschlichem Antlitz!" (NRZ)

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