Die Menschenfresserin von Monika Wogrolly, 2000, Deuticke1.) - 3.)

Die Menschenfresserin.
Roman von Monika Wogrolly (2000, Deuticke).
Besprechung von Irmgard Kirchner bei Amazon.at:

Eine junge Grenzgängerin zwischen Wahn und Wirklichkeit erzählt ihre Geschichte, die ein schreckliches Ende nehmen wird. Am Ende der Geschichte blickt die Icherzählerin zurück bis in ihre frühe Kindheit. Detailreich breitet sie ihre Erinnerungen aus: an den distanzierten Vater, die Mutter, die den älteren Bruder stets bevorzugt, an diesen Bruder, der sie unterdrückt, an die Freundinnen in der Klosterschule. Daran schließen nahtlos die Erinnerungen an sexuelle Beziehungen an.
Seltsam gefangen ist die Icherzählerin in ihrer Geschichte, seltsam fremd bleibt sie in ihrer Welt, der sie ambivalent begegnet -- Täterin und Opfer zugleich. Ohne Selbstmitleid und ohne Schonung nimmt sie den Leser mit auf die Reise in die Abgründe ihrer Seele. Ganz unten, am Ende der Geschichte, steht ein sinnloses Verbrechen. Dieses Ende wird schon am Anfang des Romans drohend in den Raum gestellt. Vergangenheit und Zukunft, Ursache und Wirkung liegen eng beieinander. Was im grammatikalischen Präsens erzählt wird, ist zwar noch wirksam, jedoch schon vorbei. Die Icherzählerin hat keine Gegenwart (mehr).
Neben der schizoiden Hauptfigur begegnen dem Leser noch andere nicht alltägliche Charaktere: der sadistisch-dominante Pascha, der verheiratete Intensiv-Chrirurg mit seinen hirntoten Patienten, der eine Frau sein möchte, der Notarzt und Schamane, der die Aura eines Menschen sehen kann und andere mehr.
In ihrem dritten Roman dringt die junge Grazer Autorin Monika Wogrolly in einer akrobatisch anmutenden Sprache, die sich zwischen Gegenwart und Zukunft verrenkt, tief in die menschliche Psyche ein. 

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Die Menschenfresserin von Monika Wogrolly, 2000, Deuticke2.)

Die Menschenfresserin.
Roman von Monika Wogrolly (2000, Deuticke).
Besprechung von Brigitte Schwens-Harrant aus Rezensionen-online *Sz*, Januar 2001:

Der Titel sollte potentielle Leser schon warnen: Dieses Buch ist keine Lektüre für schwache Gemüter. Sprachlich nicht und inhaltlich schon gar nicht. Über Sprünge und Abbrüche hinweg können Leser in intensiven und keineswegs harmlosen Bildern die Selbst- und Fremdvernichtung einer Frau namens Rosa verfolgen. Eine Geschichte, die - wie es heißt - keinen Anfang und kein Ende hat. Und doch sitzen am Ende, das in den Roman in Andeutungen hineinblitzt, Menschen vor dem Fernseher um sich über eine in Texas zum Tod verurteilte Mörderin zu informieren. Ein blutiges Ende eines psychoanalytischen Falls, den der Leser, die Leserin mit zunehmender Beklemmung liest, immer wieder hineingezogen und abgestoßen vom Wiederholungszwang der Hauptperson, die bis zu ihrer letzten Tat scheinbar nichts unternimmt, um nicht mehr unterdrückt, gequält, misshandelt zu werden.

Warum sich Rosa gerade die Männer aussucht, die sie sich aussucht: einen transsexuellen Arzt, einen sie misshandelnden und quälenden Psychiater und diesen ominösen Yogalehrer, wird vielleicht plausibel, indem Kindheit und Jugend als Folie dazugeblendet werden. Aber irgendwie scheint das Szenario doch ein wenig zu konstruiert. Wird hier bewusste Distanz erschrieben, um Parallelen zur Realität von vornherein zu verweigern, auszuschließen? Wenn das so ist, was soll dann aber die Abbildung der Autorin auf dem Cover des Romans? Ist das Unachtsamkeit, Irreführung oder bewusste Anspielung? Ohne der Frage nach autobiographischen Bezügen hier näher nachzugehen, kann aber zumindest noch festgehalten werden, dass die Autorin psychotherapeutisch geschult und auch im Bereich der Hirntod-Forschung tätig ist, also über die Themen Bescheid weiß, die in diesem Roman wichtige Rollen spielen.

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Die Menschenfresserin von Monika Wogrolly, 2000, Deuticke3.)

Die Menschenfresserin.
Roman von Monika Wogrolly (2000, Deuticke).
Besprechung von Evelyne Polt-Heinzl aus Rezensionen-online *LuK*:

Unter Menschenfressern
Monika Wogrollys dritter Roman

Als 1994 Monika Wogrollys erster Roman »Suche meinen Mörder« erschien – vorangegangen war 1987 der kleine Prosaband »Sturzflug ins Schwebende« –, waren die Reaktionen der Kritik ziemlich einhellig. Gelobt wurde die »erstaunliche Begabung« der jungen Autorin, die mit ihrer eigenwilligen, expressiven Sprache aufhorchen ließ und, da sie mit hohem Einsatz spielte, auch viele Abstürze und Entgleisungen riskierte. Bereits der 1995 folgende Roman »ins feuer« hatte sprachlich gewonnen. Es ist die Geschichte von der schicksalhaften Lebensuntüchtigkeit und Todesverfallenheit von vier Schwestern, deren Lebensenergie an einer dominant-herrischen Mutter irreversibel zerbrochen ist. Deutlich weniger häufig verlieren sich hier die Sätze in endlosen, nicht ganz geglückten Verschachtelungen. Am häufigsten noch in jenen Passagen, die stilistisch bei Thomas Bernhard Anleihen nehmen, was Blick und Gefühl für die Meisterschaft schärft, mit der Bernhard den Leser aus seinen Periodenlabyrinthen stets mühelos wieder herausführt.

In ihrem dritten Roman, »Die Menschenfresserin«, scheint die Autorin eine Form gefunden zu haben, die ein reibungsloseres Ineinander der erzählerischen Verschlingungen und vor allem der Verknüpfung der verschiedenen Zeitebenen ermöglicht. Die erzählerische Zauberformel des Romans lautet: »später, viel später wird sie dann…« Auf diese Art wird der Lebensbericht einer jungen Frau erzählbar aus der Startposition des Kindes, das sie einmal war. Das ermöglicht ein – mitunter vielleicht etwas zu – direktes Verknüpfen der Kindheitsprägungen mit den Obsessionen, die das Leben der Ich-Erzählerin Rosa prägen und zerstören werden. Zum Unterschied der vorangegangenen Romane ist diesmal scheinbar eine exit-Strategie vorgesehen: Rosa wird ihrem Schicksal so lange ausgeliefert bleiben, bis sie »aus der Geschichte«, die sie hier erzählt, ausgestiegen sein wird, heißt es immer wieder. Daß dieser Ausstieg kein ganz glücklicher sein kann, war zu ahnen, die Pointe des Schlusses bleibt dennoch überraschend. Rosa ermordet einen der sie quälenden Männer ziemlich grausam. Doch entpuppt sich die traditionelle »Befreiungstat« unterjochter (Frauen-)Figuren als versteckter Selbstmord, denn Rosa mordet in Texas, in der nicht unberechtigten Hoffnung auf die besondere Exekutionsfreudigkeit dieses Bundesstaates.

Das Handlungsgerüst mag auf den ersten Blick etwas kompliziert und zugleich auch etwas platt-psychologisierend wirken. »Alles wird gelüftet, um dahinterzusehen. Aber man kommt nie dahinter, Vorhang für Vorhang wird umsonst gehoben«, läßt die Autorin (als ausgebildete Psychotherapeutin) Rosa über die Psychologensprache ihres Psychiater-Freundes Pascha sagen. Man wird diesen Verdacht auch den ganzen Roman hindurch nicht los.

Der Plot erzeugt ein leises Unbehagen oder doch zumindest Ratlosigkeit. Rosas Lebensdilemma erwächst aus ihrer Erziehung und ihrem familiären Umfeld, in Stichworten zusammengefaßt: bigottes Elternhaus, übermächtig-dominante Mutter-Großmutter-Phalanx, schwache, für Rosa als Mädchen völlig unerreichbare Vaterfigur, systematische Benachteiligung dem älteren Bruder gegenüber, der die kleine Schwester arg tyrannisiert. Daraus ergeben sich für die Autorin Rosas Ich-Schwäche, ihr psychischer wie physischer Masochismus und in der Folge die wahllose Suche nach männlicher Anerkennung in einer langen autodestruktiven Kette sexueller Abenteuer und aussichtsloser Liebesbeziehungen, entweder zu völlig desinteressierten (der Lateinlehrer als Spiegelung der Vaterfigur) oder brutalen (der Psychiater Pascha als Spiegelung der Bruderfigur) Männern.

Da Rosas Erzählung bis in unsere Tage reicht – was wir spätestens bei Erwähnung des Big-Brother-Containers zweifelsfrei erkennen – und Rosa eine noch junge Frau ist, wird man, was ihr Alter betrifft, mit dem Geburtsjahr der Autorin, 1967, nicht ganz falsch liegen. Und da drängt sich die Frage nach der historischen Verankerung der hier geschilderten Eltern/Mutter-Tochter-Problematik auf. Sicherlich, die geschilderte Kleinstadt »Miesen« ist tiefste Provinz, und die Eltern mit ihrer engen familiären Bindung an kirchliche Würdenträger wie den Pfarrer Schwob (bis zu seiner Zwangsversetzung der Geliebte der Mutter) und den Schwestern der Klosterschule, die Rosa besucht, gehören nicht dem aufgeschlossensten sozialen Milieu der siebziger Jahre an. Trotzdem beschleicht einen irgendwie der Verdacht, hier wird nicht gegen eine Wirklichkeit angeschrieben, sondern gegen eine literarische Tradition. Hier relativiert eine Autorin der jüngeren Generation jene positiven literarischen Generationsentwürfe, die den traditionell kinder- und vor allem mädchenfeindlichen Aufzuchtsmodellen patriarchaler Prägung matriarchal dominierte Geschlechterfolgen entgegensetz-ten – als Geste der Hoffnung und des Aufbruchs. Amy Sternwieser (aus Barbara Frischmuths Trilogie) zurück an den Start, gewissermaßen. Rosas Beziehung zum Psychiater Pascha – ein sadomasochistisches Versklavungsprojekt – ist als Neufassung der Bachmannschen Konstellation Dr. Jordan/Franza lesbar, wobei die Szenerie nicht nur um Paschas physische Gewalttätigkeit modifiziert ist, sondern ganz wesentlich durch die Akzentuierung von Rosas Mittäterschaft. (Als Germanistin versäumt es die Autorin auch nicht, eine Bachmann-Reminiszenz direkt in den Roman zu verpacken: sie läßt Rosa nicht nur Thomas Bernhard-Kultstätten in Salzburg und Ohlsdorf, sondern auch das Ungargassenland visitieren.)

Die Grundkonstellation von übermächtiger Mutter/lebensunfähiger Tochter ließ schon bei der Lektüre von »ins feuer« etwas Unbefriedigendes zurück. Denn weder wurde die erdrückende Dimension der Mutterfigur ganz plausibel, noch die manischen Fluchten der Töchter in selbstzerstörerische sexuelle Abenteuer. Sie führen in beiden Romanen zu frühen Schwangerschaften (es werden ihnen Söhne geboren werden, keine Töchter), die für den Reifungsprozeß der jungen Frauen ohne jede Auswirkung bleiben. Überhaupt sind die beiden Romane thematisch eng verwandt, und in einzelnen Momenten wirkt der neue Roman wie eine präziser ausgearbeitete und sprachlich verfeinerte Überarbeitung seines Vorgängers, wo Rosas Charakterstruktur und ihre Erlebnisse auf die vier Schwestern verteilt sind. Eine Reihe von Kindheitserinnerungen (die sechs Stoffelefanten, mit denen der Bruder Rosa bzw. die vier Schwestern tyrannisiert, oder der Kaninchenkäfig, den er in den Garten zu werfen befiehlt), sind ebenso gleich geblieben wie Details der Familiengeschichte (das Drama der geschiedenen Großmutter, der schwache, an den Kindern völlig desinteressierte Vater) oder Ort, Umstände und Folgen der Entjungferung, die Rosa und Lotte, die jüngste der vier Schwestern, völlig ident erleben. Und noch eine große Parallele gibt es zwischen den beiden Romanen: die Verschränkung der erzählten Geschichten mit den von den Figuren der Handlung niedergeschriebenen Notizen und Geschichten, und auch das gelingt im jüngsten Roman besser und hintersinniger.

»ins feuer« war nur ein Jahr nach dem recht positiv aufgenommenen Romanerstling der Autorin erschienen, und es ist eine bloße – vielleicht unlautere – Vermutung, Verkaufs- und Verlagskalküle könnten die junge Autorin nach dem Achtungserfolg bewogen haben, rasch das Folgewerk nachzuliefern, obgleich der Stoff, die Themen und Figuren für sie noch nicht »fertig« waren, noch nicht ihre endgültige Form gefunden hatten.

Zu bestreiten ist jedenfalls nicht, daß sich die Weiterarbeit gelohnt hat. Zu den stärksten und gelungensten Passagen des Romans zählen jene, die sich aus dem unmittelbaren Erleben der Autorin herschreiben dürften. Etwa die ausführlich geschilderte erste kindliche Leseerfahrung (Hatschi Bratschis Luftballon, auch das vielleicht kein ganz generationsspezifischer Lesestoff) oder die beklemmenden Innenansichten des Alltagshorrors in der geschlossenen Psychiatrie und in der Station für Hirntote, in der Rosas transsexueller Geliebter Karl(a) arbeitet. Beide Handlungsorte kennt die Autorin laut Verlagsinformation aus eigener Berufserfahrung. Die Verknüpfung dieser beiden makabren Orte, die Rosa über ihre dort arbeitenden Liebhaber betritt, mit der als Verrat der Mutter erlebten Krankenhauserfahrung im Kleinkindalter mit dem Gestus »Rückkehr zum Ort der Schändung«, ist allerdings wieder weniger einleuchtend und wäre auch entbehrlich gewesen. Aber wer vermag über den Teufelskreis sehr kleiner Alltagserlebnisse in der Kindheit und sehr, sehr großer Folgen für die Psyche des Erwachsenen schon endgültig zu rechten und zu richten.

Monika Wogrollys dritter Roman ist in jedem Fall lesenswert, und gleichgeblieben ist auch die Spannung und Erwartung, mit der man ihren nächsten Arbeiten entgegensehen darf.

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