Die melodielosen Jahre von Peter Weber, 2007,SuhrkampDie melodielosen Jahre.
Roman von Peter Weber (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 17.4.2007:

Alles fliesst
Peter Webers Roman «Die melodielosen Jahre»

Dass man mit Sprache nicht nur Geschichten erzählen kann: Das wissen wir nicht erst, seit Peter Weber literarisch das Wetter macht, in alten Bädern silbert und salbadert oder als ein Charon die Unterwelt der Bahnhöfe poetisch erkundet. Aber Peter Webers Prosa lässt von dem Erstling «Wettermacher» (1993) bis zu dem in diesen Tagen erscheinenden Roman «Die melodielosen Jahre» anschaulich werden, dass die sprachliche Grenzgängerei stets neue und subtilere Verwandlungen hervorzubringen vermag. Immer schon hatte Peter Weber etwas von einem Rhapsoden, der seine Bücher vielleicht lieber gesungen als vorgelesen hätte, dem jedenfalls die Melodie und der Rhythmus so wichtig waren wie die Geschichten, von denen seine Bücher handelten.

Schrift- und Tonsetzer in einem

Seinem abweisenden Titel zum Trotz aber reisst Peter Webers jüngster Roman rigoroser noch als zuvor die Schranken zwischen Reden und Singen ein. Galoppierten die Geschichten in «Silber und Salbader» (1999) noch etwas unkontrolliert und neigte die «Bahnhofsprosa» (2002) etwas zu sehr auf die Seite einer selbstverliebten Poesie, so finden sich nun die Energieströme im Gleichgewicht. Da wird weder forciert fabuliert noch haltlos gesungen, vielmehr fliesst eins ins andere: Geschichten und Gesänge. Vom Singen erzählt das Buch, und wie sein Held zur Musik fand; es zeigt uns, wie aus der Sprache das Lied kam und wie dieses wieder ins Schreiben mündete. Der Autor ist hier Schrift- und Tonsetzer in einem und der alte Gegensatz vom erzählten Abenteuer und vom Abenteuer des Erzählens aufgehoben: in der Schrift gewordenen Sprachmusik.

Oliver heisst der Held des Romans, in dem wir ein keineswegs verschleiertes Alter Ego des Autors erkennen können. Einmal sehen wir Oliver in seiner Londoner Schreibstube, wo ihn die vor seinem Fenster patrouillierenden Polizeipferde munter begrüssen und dazu anhalten, einem Volkstheaterunfug in seiner engeren Heimat Einhalt zu gebieten. Und wir erinnern uns, dass Peter Weber 1998 aus London tatsächlich gegen eine drohende populistische Vereinnahmung von Ulrich Bräker protestiert hatte. Der spätere Bundesrat Christoph Blocher hatte damals als privater Sponsor den Bau einer kleinen hölzernen Kopie von Shakespeares Globe Theater in Lichtensteig mitfinanziert, wo zu Bräkers 200. Todestag dessen Stück «Die Gerichtsnacht oder Was ihr wollt» aufgeführt wurde. Nun hat Peter Weber die Episode in seinem Roman zur ebenso deftigen wie hochpoetischen Politsatire verdichtet.

Ein anderes Mal sitzt Oliver mit seiner Freundin «am Fenster über den Dächern Istanbuls», wo deren Bruder Goethe ins Türkische übersetzt und zusammen mit der Schwester Lieder aus der Aargauer Kindheit singt. Oder Oliver sucht ebenso verzweifelt wie vergeblich beim Warschauer Kulturpalast den Eingang zu einem Tanzlokal namens «1955» und trifft bei seinen endlosen Irrgängen wiederholt auf die polnische Palastwache, von der er in immer absurdere Gespräche verwickelt wird. Mehrmals taucht dabei aus dem Dunkeln die Katze Chopin auf, die – da sie nicht nur über die Tasten des Klaviers spaziere, sondern auch sprechen könne (nur wisse man nicht, so die Palastwache, in welcher Sprache) – über die Entstehung der klassischen Musik Bescheid weiss: «Zwischen dem lateinischen Logos und dem slawischen Melos», so erläutert sie dem staunenden Eidgenossen auf Durchreise, «entstand ja die klassische Musik, deshalb im Osten Deutschlands, in Österreich und an der Donau.»

«Zwischen dem lateinischen Logos und dem slawischen Melos»: Präziser könnte man vielleicht den Ort nicht benennen, an dem Peter Weber mit seiner Prosa angekommen ist. Nicht von ungefähr zeigt Oliver eine Faszination für die einstige Zonengrenze, gerne sucht er alte und neue Sperrbezirke zwischen dem Bosporus und Görlitz auf, Übergänge liebt er wie sonst nichts. Was verfestigt war – in den Köpfen, doch auch in der Sprache –, verflüssigt sich zu Poesie, zu aquarellierten Bildern. Allein an den zahllosen Wortneuschöpfungen liesse sich zeigen, wie sich in der Sprache die Verschiebungen in der Vorstellungswelt abbilden: Ein «Oktavenvogel» ist einem dann nichts Fremdes mehr, so wenig wie die «Meermöwenmetrik» oder ein «Sprachmutterschiff». Und an den Synästhesien wiederum, wenn man also die Klänge auf der Zunge schmecken und die Düfte auch mit den Ohren wahrnehmen kann, wird die Durchlässigkeit der Sprachgrenzen noch einmal ganz anders erfahrbar.

Naturgemäss ist Peter Webers Held viel unterwegs. «Oliver wohnte, wo sein Tisch stand», heisst es ungefähr in der Mitte des Buches. Das meint freilich nicht allein eine nomadische Existenz, es besagt auch, dass zum Wohnen der Tisch gehört wie zur Existenz das Schreiben. Das Buch erzählt denn, wie einer aus den melodielosen Jahren der Anfänge zu dem Instrument fand, das ihm zum Resonanzraum der Erfahrung – und dann zu einer Erfahrung sui generis wurde. So ist schliesslich, was uns bald wie ein moderner Reiseroman, bald wie ein Sprachroman anmutet, ein Entwicklungsroman im Zeitalter der fliessend gewordenen Grenzen.

Ein schwereloses Gebilde

Seine Recherche nach den verlorenen Tönen führt Oliver von Frankfurt über Istanbul in den Süden Italiens; von Marseille geraten wir über Prag nach Dresden und wieder zurück nach Frankfurt. Und bald ahnen wir, was die Städte verbindet. Es sind «Wasserfassadenstädte», wie Oliver sie nennt. Das Wasser – zumal fliessendes Wasser – ist sein Element, dahin zieht es ihn, ihm hat er sein eigenes poetisches Verfahren der Verflüssigung abgeschaut. Freilich weiss er um die Risiken: «Latente Reiselust, bei Gefahr unendlicher Zerstreuung im Kleinen.» Man wird nicht behaupten können, Peter Weber sei der bewussten Gefahr mit seinem Roman in allen Teilen entronnen. Gut möglich allerdings, dass er diese Ambition gar nicht hatte. Denn die Verflüssigung der in den Köpfen festgefrorenen Grenzen, Bilder, Wörter oder Klänge setzt doch die «Zerstreuung im Kleinen» geradezu voraus. Dass es Peter Weber gelungen ist, den fliegenden Romanteppich seines poetischen Nomadentums nicht nach allen Seiten ausfransen zu lassen, sondern diesem fast schwerelosen, schwebenden Gebilde zu erzählerischer Stringenz zu verhelfen, das macht seinen Roman so bezaubernd und betörend.

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