Die Melancholie von Zidane.
Roman von Jean-Philippe Toussaint
(2007, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Joachim Unseld)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 7.4.2007:

Das Badezimmer ein Leben
Jean-Philippe Toussaint, sein erstaunlicher Erstling und seine neuen Prosawerke

Unerklärlichkeit des Tragischen, Ironie, Weltschmerz in dosierter Konzentration. Auf knapp zwanzig Seiten liegt nun hierzulande in den Buchhandlungen Die Melancholie von Zidane auf, ein dünnes Bändchen eines Schriftstellers, der mit Melancholie Sprachkunst zu schaffen versteht. Für Fuir (Fliehen) erhielt der 1957 in Brüssel geborene Jean-Philippe Toussaint 2005 einen der wichtigsten französischen Literaturpreise. Sein Roman Faire l’amour wurde 2002 als "reifes Meisterwerk" gelobt, als "seismische und sensuelle Partitur von kristallener Transparenz". Unter dem abgeschwächten Titel Sich lieben reüssierte er ein Jahr später auf Deutsch.

Marie, eine Modekünstlerin Pariser Salon-Zuschnitts, nimmt ihren Geliebten, den Ich-Erzähler, nach Tokio mit, wo ihr eine Ausstellung gewidmet ist. In ihrer sieben Jahre alten Beziehung kriselt es. Die auch in intensiver Körperlichkeit nicht mehr abwendbare Zersetzung der Liebe symbolisiert das mitgeführte Fläschchen Säure, das vom ersten Satz an eine permanente Drohung aus der Männertasche darstellt. Einen letzten Sexualakt erleben beide als solipsistisches Streben nach einer "onanistischen Lust", die "wie eine Säure" in ihnen aufsteigt. Nach einer hoch poetischen Einsamkeitsszene im Hotelschwimmbad sowie Wirrungen in der Großstadtnacht flüchtet der Erzähler zu einem Bekannten nach Kioto, um Tage später zurückzukehren, das Fläschchen gezückt.

Wohl liefert Toussaint eine genaue Konstruktion und eine gelungene Verknüpfung der Motivstränge, bietet er eindringliche Momente aus den Grenzbereichen der Liebe in einer erschütterten Welt der Abbilder. Diese Trennungsgeschichte im Erdbebengebiet laboriert jedoch an Symbol-Inkontinenz, an dem aufgesetzt Exquisiten und dem inflationären Motiv des kalten Neonlichtes. Die Erde bebt als narratives Rufzeichen, und "in der Ferne des grauen Morgens" bellt ein Hund. Zudem tendieren einige Passagen zum höheren Kitsch: "Ich hatte das Gefühl, im Herzen des Universums selbst zu schwimmen."

Umso bedauerlicher war es, dass Toussaints aufsehenerregender Erstling, dem Manierismen fremd sind, auf Deutsch seit Langem vergriffen war: Der Roman in kurzen, nummerierten Sequenzen, La salle de bain, war 1985 erschienen und als neuartige Erzählung über Bewegung und Stillstand des Lebens hoch geschätzt worden.

Der Erfolg von Sich lieben hatte immerhin zur Folge, dass der Verlag 2004 Das Badezimmer nachreichte – nicht ohne Vergleichsrummel, der mit Kafka und Pascal, Flaubert und Tati, gar Marc Aurel und Kierkegaard auf die Klappentextpauke haut. Die Übersetzung stammt vom Verleger Joachim Unseld selbst. Sie schafft es kaum, die feinen Obertöne zu vermitteln, denen in dieser kuriosen Prosa große Bedeutung zukommt. Dafür erklärte Unseld im Feuilleton, dass Toussaint den Mann ohne Eigenschaften als "unsichtbares Fundament" seines Schreibens benutzt habe, ja dass er Entwürfe berühmter Denker "konzentriert". Das Suppenwürfelargument besticht keineswegs. Es beruht auf zirkelschlüssiger, wenig distinktiver Einengung, etwa: Die deutlichste Gemeinsamkeit der beiden Romane sei, "dass in ihnen gedacht wird". Das Badezimmer jedoch ist wahrlich ein so erstaunliches, gelungenes Werk, dass in Paris sogar von einer "géneration salle de bain" die Rede ging.

Der erste Satz lässt das Hauptthema anklingen, Immobilität und Mobilität: "je coulais des heures agréables". Ohne die existenzielle Konnotation des Verfließens wiedergegeben: "ich verlebte angenehme Stunden da". Ein namenloser Ich-Erzähler, "noch 27, bald 29 Jahre alt", schildert, wie er begonnen hat, seine Zeit im Badezimmer verrinnen zu lassen. Die Frau, die mit ihrer Halbtagsarbeit in einer Kunstgalerie für den Unterhalt sorgt, findet an diesem Rückzug in die Wanne "quelque chose de desséchant" (wörtlich: austrocknend) – im Deutschen flach: "etwas Lähmendes". Ihr Name Edmondsson gehört zu den Merkwürdigkeiten, die mit dem Duktus des unbeteiligten Detailbeobachters eine besondere Erzählweise ergeben. Besonders in dieser nummerierten Ordnung bleiben ein paar gewöhnliche Ordnungen unbeachtet, finden sich leichte komische Kontraste. So lautet die gesamte Sequenz 5 im ersten Teil nur: "Schließlich benachrichtigte Edmondsson meine Eltern"; Nummer 13 endet mit dem Satz "Sie wollte mit mir schlafen", darauf "14) Jetzt." und "15) Jetzt mit mir schlafen? Bedächtig klappte ich mein Buch zu, behielt dabei einen Finger zwischen den Seiten, um die Stelle nicht zu verlieren."

Der erste Teil "Paris" spielt in der Wohnung, in der sich tagsüber auch zwei polnische Künstler aufhalten. Sie sollen die Küche ausmalen, warten auf die Farbe und mühen sich schließlich ab, Tintenfische kochfertig zu machen. Paris ist draußen. Die ruhelose Umwelt gelangt als Besuch, als Erinnerungsfragment, als Post ins Innere. Eine Einladung der österreichischen Botschaft trifft unerklärlicherweise ein und tippt den Möglichkeitssinn an. Auf dem Empfang würden jene Politikphrasen gesprochen, die Mobilität nur vortäuschen, und der Botschafter wäre ein Mann mit (dem Namen) Eigenschaften. "Haben Sie eine Salatschüssel?", unterbricht der Maler Kabrowinski.

"Ich war überstürzt aufgebrochen", beginnt mit einer brüsken Bewegung der zweite Teil, der nach Venedig führt und dem komischen Prinzip des "Umsonst" folgt. Die Haltung des Erzählers ändert sich kaum. Im Restaurant beobachtet er, wie sein Eis unter heißer Schokolade verrinnt: "Ich sah der Bewegung zu, bewegungslos, die Augen auf die Untertasse gerichtet. Ich rührte mich nicht." Im dritten Teil geht es wieder nach Paris und ins Badezimmer zurück. Bis erneut ein Brief von der österreichischen Botschaft einlangt . . .

Toussaint führt mit seiner Komposition auf eine Sinnspur und zugleich auf falsche Fährten. Die drei Teile scheinen dem vorangestellten Motto, dem Pythagoras-Lehrsatz über das rechtwinkelige Dreieck, zu entsprechen; zudem lautet der Titel des zweiten Teiles "Die Hypotenuse". Das Bedeuten jedoch findet sich andauernd von der trockenen Prosa, die jegliche Psychologisierung vermeidet, hintertrieben. Episoden, Figuren, Motive lässt die Innensicht in eine Beliebigkeit weisen, die eben einer zentralen Lebensfrage entspricht und somit doch bedeutet: "Ich betrachtete [mein Gesicht] starr und stellte mir eine einfache Frage. Was mache ich hier?"

Diese leichte ironische Spannung, die eigentümlichen Pointen und die konsequente Erzählhaltung machen den Reiz dieses Debüts aus. Es illustriert einen Satz von Pascal, eine wesentliche Referenz von Toussaint, dass nämlich alles Unheil nur entstehe, weil der Mensch nicht ruhig in seinem Zimmer zu bleiben vermöge.

Auch Toussaints neue Prosawerke gehen in diese Richtung, das Unheil ereilt den Ich-Erzähler in Japan oder, im nun auf Deutsch erschienenen Fliehen, in China. Dort spielt – im Rückblick auf den Sommer vor der Trennung – eine Fortsetzung von Sich lieben, wie es der Beginn von Fliehen fragend einführt: "Hörte das denn nie auf mit Marie?". Bei der Ankunft in Schanghai wird dem Ich-Erzähler ein Handy geschenkt. Seine Funktion bleibt unklar, wie dies bei Toussaint mit den Dingsymbolen oft der Fall ist. Im Fremden erfährt der Mann Unsicherheiten, hat er den Eindruck, überwacht zu werden. Über die Gründe einer langen Flucht zu dritt, auf einem Motorrad in der Nacht von Peking, lassen sich nur Vermutungen anstellen; der schnelle Rhythmus dieses Davonrasens allerdings ist großartig wiedergegeben. Worauf die Immobilität des Flugreisenden folgt: "Immer auf der Oberfläche dieser transitorischen Orte, die ich durchquerte, mich nicht vom Fleck rührend und doch in Bewegung."

Mit Marie spricht der Erzähler im Anderswo. Aus dem Louvre teilt sie den Tod ihres Vaters mit, worauf er zum Begräbnis auf die Insel Elba reist. Dies versteht er "wie die Quintessenz aller Reisen" seines Lebens – und hier drückt sich Toussaints Kunst der Konzentration und des Perspektivenwechsels wunderbar aus. Wie im Japanbuch Sich lieben hat er jedoch ein paar kosmosverbundene Sentimentalisierungen nicht unterlassen wollen, etwas geglättet in der Übersetzung. Das Fernöstliche erscheint so im Lichte eines zeitweiligen Manierismus; der Duktus des Badezimmers hätte diesen Werken gewiss nicht schlecht getan.

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