Die Maske hinterm Gesicht von Anselm Glück, 2006, Jung und JungDie Maske hinterm Gesicht.
Roman von Anselm Glück (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Guido Graf aus der Frankfurter Rundschau, 2006:

Schnapp' dir den Rimbaud  
Anselm Glück treibt ein recht narzisstisches Spiel mit den Spiegeln des Ich

Mal angenommen, ich hätte in diesem Roman, der eigentlich kein Roman ist, nur geblättert. Und nun schreibe ich trotzdem darüber? Geht das? Und was heißt eigentlich trotzdem? Wird das Gebot, ein Buch kontinuierlich, von vorne nach hinten zu lesen, aufgehoben, wenn es sich anders als auf dem Titel proklamiert nicht um einen Roman handelt, sondern um etwas anderes? Eigentlich egal. Hauptsache, die Orientierung klappt in diesem Spiegelkabinett. Denn aus lauter kleinen Spiegeln setzt sich Anselm Glücks neues Buch Die Maske hinter dem Gesicht zusammen. Auch das wieder falsch: vielmehr sind sie aufgereiht, unterteilt in 29 Abschnitte. Manchmal kommt man bei der Lektüre - ob blätternd oder nicht - auf den Gedanken, der eine oder andere Geschichten-, Reflexions- oder Beobachtungssplitter füge sich zu einem anderen, mindestens Sequenzen ließen sich bisweilen bilden. Doch hilft das weder, noch mindert es die Lust an der Lektüre, kreuz und quer, aber natürlich auch brav von der ersten bis zur letzten Seite dieses umfangreichen Buches, das nämlich viel voluminöser ist als nur 348 Seiten. Mit größtem Vergnügen und tiefster Bestürzung ist man schon nach wenigen Seiten auf Nervendiät und heillos verschlungen von den Aussichten dieser Textspiegel auf Vorstadttragödien, Körperinnenbeobachtungen und den ebenso tröstlichen wie verzweifelten Konsequenzen von Friederike Mayröckers Rat, den Anselm Glück immer wieder gerne weitergibt: "Versuchen Sie vor dem Einschlafen zu winken!"
Man stelle sich also vor, jemand überlasst einem ein Buch, dessen Seiten offenbar sämtlich mit einem Locher bearbeitet worden sind. Buchstäblich durchlässig sind die Seiten nun und die nie mit so etwas wie einem schnöden Punkt von Anselm Glück beendeten Abschnitte eröffnen Fluchtmöglichkeiten, um den applausbewährten Mustern literarischer Wirklichkeitserfassung zu entkommen. Rumms! macht es dann bisweilen und das nicht zu knapp, wenn dem Ich, das seine Geschichten erzählt, die Wirklichkeit wie ein Dachziegel auf den Kopf fällt. Aber halt, das Bild stimmt ja so gar nicht. So viele Dachziegel gibt es in Wien, Graz oder Linz, je nachdem wo so eine Geschichte stattfindet, niemals.
Beim Heurigen, in der Bahn, beim Malen (denn Anselm Glück ist ja Maler und Zeichner zu einer gewissen Tageszeit, dann Schriftsteller, der seine Texte auch für die Bühne schreibt) - immer ist es ein Drinnen, durch das er sich wühlt. Manchmal scheint die Weltwahrnehmung wie unter Wasser, eine mit unglaublicher Energie zusammengehaltene Einsamkeit, die unermüdlich Schatten sortiert, Schatten von Wirklichkeit. Alles um diesen Erzähler herum, diesen Beobachter und Selbstbeobachter wird zur Staffage in einem endlosen Spiegelsaal. Das frühkindliche Spiegelstadium, das der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan einst zur Schwelle der persönlichkeitskonstituierenden Ichspaltung erklärte - der kleine Mensch sieht sich im Spiegel als ein Ich, als einen Anderen -, verwandelt sich bei Anselm Glück zu einem Maskenspiel, zu einem Welttheater, das Träume und Obsessionen, lächerliche wie ernste Lektüren, Bilder, Räume und Gesprächsfetzen zusammenkocht. Seine Arbeitsweise, die dem entspricht, hat Anselm Glück schon wiederholt beschrieben. Hier, in diesen Texten wird sie - manchmal anfallweise, oft auch ganz vorsichtig und still - zum Leben, zum Roman vielleicht, zur, wie es so schön entliehen und uneigentlich heißt, "anhaltenden Fiktion der betreffenden Erkenntnis".
Ein fröhlich-finsterer Narziss hält sich da die Spiegel vor: "Die Lust, alles aus jedem Blickwinkel zu betrachten, ohne verantwortlich für auch nur irgend etwas zu sein." Daran muss der Kopf zerbrechen. Er sitzt in einer Wohnung, die zum Literaturhaus in Graz gehört. Die Küchenmaschine, die er einmal anwirft, zerfetzt es, er stellt sie wieder ab und blickt "in den Spiegel, aber er hatte seine Stimme noch gar nicht erhoben, da hörte er sie schon ganz nah und nicht im nächsten Augenblick. Das Geräusch drang vor und wurde immer tiefer in ihn hinein übertragen."
Der Absatz ist noch dazu in Spiegelschrift gedruckt und die Echos, denen Glücks Erzähler begegnet, lassen den Denkraum dröhnen. Echo, die Nymphe Echo bei Lacan ist blöd. Bei Glück verfällt Narziss den Echos mit Vergnügen, denn er erwartet sich etwas, wenn man sich (s)ein Spiegelbild so lange vor denn er erwartet sich etwas, wenn man sich (s)ein Spiegelbild so lange vor sein geistiges Auge hält, bis man sich "mit einem starken Gefühl der Vorfreude" ausklinkt.
Dieser Narziss namens Anselm Glück ist weder hochmütig noch gekränkt, weder fühllos noch wahnsinnig. Seine Echos sterben nicht und aus dem Spiegel schaut auch nicht er selbst, sondern natürlich ein anderer, etwas Verkehrtes. Er weiß genau, dass er selbst es ist, der der Andere ist, den er nicht einholen kann, von dem sich aber gut Geschichten erzählen lassen. Nie wird er seiner habhaft werden und will es auch gar nicht. Entscheidend ist, mit wie viel Lust - bei aller Finsternis, die immer überall herrscht -, er sich diesem Splitter-Ich überlässt und mit ihm spielt: Ich schnapp' mir jetzt Rimbaud und spiele mit ihm Spiegelstadium: Ich ist ein Anderer als der Andere und der Andere und der undsoweiter. Ein Maskenreigen, eigenartig zeitlos. Masken, die keinen Sinn haben, die von Innen nach Außen gewendet werden und zurück, bis man nichts mehr weiß und fast nicht mal mehr so ein lästiges Ich ist, bis man fast nicht mehr sprechen kann und dafür ganz viel zeigen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0308 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau