Die Maske von Siegfried Lenz, 2011, HoCaDie Maske.
Erzählungen von Siegfried Lenz (2011, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 26.10.2011:

Das Leiden hinter der Maske
Morgen erscheinen fünf neue Erzählungen von Siegfried Lenz, dem Literaten der Vermittlung

Siegfried Lenz war zwischen den ständig über alles bescheidwissenden Großschriftstellern Walser und Grass stets der höflichste Autor der Nachkriegszeit. Romane wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum", Dönekes aus dem zärtlichen Suleyken oder kraftvolle Kurzgeschichten - was auch immer Lenz uns in den letzten sechs Jahrzehnten erzählt hat, es war weder flammend heilige Kunst noch politische Botschaft, es war immer ein glasklares Angebot an die Leser, Geschichten und Einsichten mit den eigenen Erfahrungen zu vergleichen und Schlüsse daraus zu ziehen.

»Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare. Es schlägt zu«

Lenz selbst hat diesen Stil stets mit seinem zurückhaltenden masurischen Temperament erklärt. In Wahrheit aber steckt dahinter ein erzdemokratischer Begriff von Literatur, die Sinn im Sinnlichen sucht, ohne ihre Leser zu 'bevormunden. Es ist vielleicht der eigentliche Grund, warum das Werk des heute 85-Jährigen längst eine Auflage erreicht hat, die nach Abermillionen zählt.

"Literatur ist Vermittlung par excellence", berief sich der tief gerührte Lenz noch vor wenigen Tagen auf Sartre, als er sich für die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Lyck bedankte, die heute in Polen liegt und Elk genannt wird. Auszeichnungen und Literaturpreise sind inzwischen beinahe monatliche Routine für Lenz, und nicht selten schmückt er den Preis, nicht umgekehrt. Aber diese jüngste Ehrenbürgerschaft ist für Lenz, der zeitlebens an der Aussöhnung von Polen und Deutschen gearbeitet hat, gewiss die wichtigste. So klang seine Dankesrede denn auch ein wenig nach Vermächtnis. "Was sie uns vermitteln kann", sagte Lenz über die Literatur, "ist alles, worin sich Leben offenbart. Wer den Wunsch hat, deutlicher zu leben, dem werden manche Fragen durch Literatur beantwortet, und er wird gewahr werden, dass man sich auch in dem Leiden erkennen kann, das man anderen zugefügt hat."

Ein Satz, der auch auf seine fünf allerneusten Erzählungen gemünzt sein könnte, die der heute erscheinende Band "Die Maske" vereint. Geschichten vom Museumswärter, der nach einem Kunstraub die günstige Gelegenheit im Fahrwasser der Diebe nutzt und sein Lieblingsbild "Antonia mit dem blauen Schal" zu sich ins heimische Wohnzimmer entführt, wo es die eigene Frau in die gewalttätige Eifersucht treibt. Geschichten wie die titelgebende von der heilsamen Wirkung von Masken, die mit einem Übersee-Container an einem Inselufer der Nordsee angeschwemmt werden und beinahe kindlichen Frohsinn stiften, auch unter verfeindeten Insulanern. Unter den Masken wächst die Liebe zwischen Lene und Jan - bis sich Jan von einer Kunststudentin der Düsseldorfer Akademie porträtieren lässt. Dass Jan sich von der Wildfremden so freizügig in die Seele blicken lässt, verwandelt sich auch hier in das "Leiden, das man anderen zugefügt hat". Spätestens wenn Lene mit der Fähre zum Festland übersetzt, erkennt auch Jan sich darin besser als in seiner Maske. Nur zu spät. Nur für die Wahrheit ist es nie zu spät, und deshalb reicht Kapitän Klockner. das "Silberne Steuerrad", das er in der Geschichte "Die Sitzverteilung" für die schlagzeilenträchtige Rettung des Ostseefrachters "Britta" verliehen bekam, wortlos an einen Redakteur weiter. Klockner gehört zu den wenigen. die wissen, dass das Schiff letztlich durch seinen eigenen Starrsinn in Seenot geraten war.

Kunst, Illusion und Sternenhimmel

Ob Literatur aber auch jener Trost sein kann, der die Kunst des Alters ist? Siegfried Lenz spielt diese rage mit einem Schriftsteller durch, der seinem Sohn einen herzwärmenden, mitreißenden, am Ende hochdramatischen Lebenslauf erfindet - dabei ist der kleine Sven schon bei der Geburt gestorben. Es sind die Illusionen der Kunst, von denen die neuen Erzählungen von Siegfried Lenz handeln, und sie währen nur so lange, wie erzählt und zugehört, gemalt, gefilmt und gesehen wird. Gegen die Erde aber, wusste schon Jean Paul, gibt es keinen Trost als den Sternenhimmel.

"Das Schicksal", lautet einer der schmerzhaft schönen Sätze im neuen, schmalen Lenz, "verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen." Aber vielleicht darf man doch darauf hoffen, dass es diesen Ausnahme-Schriftsteller noch eine Weile streicheln wird.

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