Die Mandel.
Roman von Nedjma (2004, Droemer - Übertragung Eliane Hagedorn und Bettina Runge).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 6.4.2005:

Vom Stapel
Im Sumpf des Blöden

Um dieses unappetitliche Machwerk zu begreifen, das in Frankreich lange ein Bestseller, dem Spiegel neulich allen Ernstes einen Artikel wert war und prompt auch hier auf der Bestsellerliste gelandet ist, muss man zu einem etwas verstaubten Instrument greifen: der Lupe der guten alten Ideologiekritik. Es handelt sich (angeblich) um den autobiografischen Intimbericht einer Marokkanerin, die (angeblich) Mitte vierzig ist und unter dem Pseudonym »Nedjma« schreibt. Eine arabische Anonyma also. Die Erzählung des Buches ist trivial, mehr oder weniger lächerlich und im Übrigen nur ein Vorwand für die Aneinanderreihung deftiger sexueller Szenen in wechselnden Arrangements. Folgendes geschieht: Ein junges Mädchen wächst in einem sehr traditionellen Berberdorf auf, wird mit siebzehn in die arrangierte Ehe mit einem alten Scheusal gesteckt, flieht aus dem Dorf und gelangt nach Tanger. In Tanger lernt sie einen sehr verführerischen, hedonistischen Arzt kennen, der sehr verwestlicht, das heißt entislamisiert denkt, lebt und liebt. Sie wird seine verwegene Geliebte, konzentriert sich auf Jahre, Jahrzehnte hinaus nur noch auf zwei Dinge: das eigene Geschlecht und das der Männer.

Die Trivialität ist nicht der Punkt. Eine Million anderer Bücher sind genauso trivial. Auch die Obszönität im inhaltlichen Vordergrund ist nicht der Punkt. Eine Million anderer Bücher haben den gleichen Inhalt, eben Sex. Wer Genitalerzählungen mag – bitte sehr. Es ist nach wie vor ein Zeichen unserer Freiheit, dass es sie erlaubtermaßen gibt. Und ein Zeichen unseres nach wie vor einigermaßen gesunden Schamgefühls, dass sie sich im Sumpfgebiet des Peinlichen und Heimlichen aufhalten. Nein, dieses Buch ist obszön, weil im Hinterzimmer seiner blöden Geschichte, dieser Mischung aus Arabokitsch und Geschichte der O, ein Schwarzhandel mit metaphorischen und ikonografischen Elementen betrieben wird, der auf etwas Übles hinausläuft: auf die Vereinnahmung des Formensystems des Islams durch das Formensystem der Sexualität. Theoretisch gesagt. Ein praktisches Beispiel: Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass hinter der Kulisse des Textes eine Beziehung zwischen dem Thema Ramadan und dem Thema Analverkehr hergestellt wird. Das verbindende Motiv – man muss es leider deutlich sagen – ist die Verschiebung nach hinten; wie man weiß, darf während des Ramadans erst nach Sonnenuntergang gegessen und getrunken werden. Ein anderes, offensichtlicheres Beispiel: Der Titel des Machwerks heißt Die Mandel. Mandeln sind, wie man ebenfalls weiß, in eine dünne braune Haut gehüllt, unter der sich der eigentliche Kern befindet. Sie sind außerdem oval geformt, und dass sie eine Metapher für das weibliche Geschlecht sein sollen, darum macht das Buch eigentlich auch gar kein Geheimnis. Die eigentliche schmuddelige Geheimnistuerei liegt vielmehr darin, dass mit der Mandel-Metapher ebenso gut die ganze Gestalt einer islamisch verhüllten Frau gemeint ist: der Körper unter der dunklen Hülle, und somit die ganze Gestalt indirekt als körpergroßes Geschlecht beschrieben wird.

Man kann diese Deutung überspitzt finden. Man kann sich aber auch fragen, warum um die deutsche Buchausgabe eine Banderole gebunden wurde, auf der der Satz »Die intime Geschichte einer arabischen Frau« steht. Es könnte ja auch »Roman einer marokkanischen Autorin« draufstehen. Nur wäre dieser Satz wohl weniger geeignet, die Spekulation mit dem erotischen Exotismus, mit dem westlich-voyeuristischen Schauder angesichts islamischer Verhüllung zu bedienen. Das ganze – anonyme! – Buch kommt ja als Verschleierung daher beziehungsweise als deren Pornografisierung. Es gäbe noch einiges zu sagen, was sich derzeit auf dem Buchmarkt mit Titeln à la Ich liebte den Selbstmord-Attentäter im Schatten der aktuellen Islamdebatte so tut. Lassen wir das. Machen wir’s kurz: Kaufen Sie Die Mandel nicht! Lesen Sie einfach noch mal die gute alte Geschichte der O!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März