Die Macht der Fliegen.
Roman von Lydie Salvayre (2001, Klett-Cotta - Übertragung Renate Nentwig).
Besprechung von Sascha Verna in der Frankfurter Rundschau, 15.12.2001:

Ekelpaket auf den Spuren Pascals
Lydie Salvayre bleibt eine Meisterin des schwarzen Humors

Da entsagt man den irdischen Genüssen, kasteit sich mit einem nagelbesetzten Gürtel und kriegt am Schluss doch Probleme vor dem Jüngsten Gericht. Armer Blaise Pascal - er wird sich wegen Anstiftung zum Mord verantworten müssen. Denn Blaise Pascal, genauer, die Pensées dieses frommen Philosophen haben Lydie Salvayres traurigen Helden zum Verbrecher gemacht. Die Macht der Fliegen ist Psychogramm und Geständnis, Kindheitserinnerung und Krankengeschichte in einem. Der Ich-Erzähler sitzt im Gefängnis und gewährt einer wechselnden Zuhörerschaft mit geradezu verdächtiger Bereitwilligkeit Einblick in seine Seele. Dem Aufseher verrät er, warum bestimmte Reisebusse ihn zutiefst rühren, dem Untersuchungsrichter gibt er detaillierte Auskünfte über seine Sexualpraktiken, seinem Psychiater schildert er, wie er auf den Bourbon gekommen ist, und seinem Anwalt, was er politischem Vieh und La Fontaines Fabeln gegenüber empfindet. Vor allem aber verbreitet er sich über Pascal, dem er, wie er versichert, seine Denkfähigkeit verdankt, und über seinen Vater, der für ihn den Inbegriff des Bösen darstellt.

Dieser Marathon-Mann des Monologes trägt durchaus ödipale Züge und hat wie die meisten Figuren Lydie Salvayres ein Problem mit der Vergangenheit. Mit einer Vergangenheit, aus der Bilder wie diese stammen: Papa, wie er Mama einer versalzenen Suppe wegen "mit seinen Totschlägerhänden" die Kehle zudrückt. Papa, wie er ihm, dem völlig verängstigten Jungen ein Repetiergewehr des Kalibers 22 an die Schläfe drückt. Papa, wie er mit verzücktem Gesicht vor dem Radio hockt und den Lobliedern auf Stalin lauscht.

Pascal hat damit insofern zu tun, als die Lektüre der Pensées bei Lydie Salvayres Protagonisten wirkt wie bei anderen die Couch: Er beginnt sich mit seinen traumatischen Erlebnissen auseinanderzusetzen - was bei ihm fatalerweise dazu führt, dass er dem väterlichen Monster immer ähnlicher sieht. So ähnlich, dass er dieses Monster und damit in gewissem Sinn auch sich selber schließlich eliminiert.

Das Ich dieses Romans kürt Pascal zu seinem Gott, die Pensées zu seiner Bibel und wird darüber zum Vatermörder und zum nihilistischen Misanthropen. Lydie Salvayre beschreibt den Verlauf dieser Entwicklung und entwirft das Porträt eines Mannes, der in seiner Tragik umwerfend komisch und in seiner geistigen Verwirrungen gnadenlos konsequent ist. Er arbeitet als Museumswärter im Port-Royal, in jenem Kloster, in das sich Pascal nach seiner legendären Erleuchtung einst zurückgezogen hat. Dort jagt er die Besucher im Sturmschritt durch die Säle, duldet kein Hüsteln, keine Fragen und keine Deutschen (die brechen bei jeder Gelegenheit in schamloses Gelächter aus), denn wie lehrt Pascal gemäß seiner Interpretation? Weh der Zerstreuung, Zucht ist gefragt! Als Ehemann verhält er sich nicht anders.

Seine Frau quält er mit der demonstrativen Pflege diverser Marotten, er teilt "pädagogische Prügel" aus, er schikaniert und beschimpft sie, so oft sie in seine Schusslinie gerät. Denn was sagt Pascal über die "Eitelkeit der menschlichen Bindungen"? Sie entbehrten jeglicher Vernunft, woraus der Protagonist auf unangenehme Langzeitwirkungen schließt: penetrante "Promiskuität, schleichende Verblödung, verdrängte Verstimmung oder Gift und Galle speiender Groll".

Mit Leichtigkeit gelingt es Lydie Salvayre den Leser in den Bann ihres Helden zu ziehen, weil sich in ihm Kleingeist und Größenwahn, Lächerlichkeit und verzweifelte Würde vereinen. Kein sentimentales Histörchen über das erschütternde Schicksal eines Seelenkrüppels wird einem da serviert, sondern eine perfid präzise Studie der Spezies Mensch. Lydie Salvayre zeigt sich einmal mehr als Meisterin des schwarzen Humors und lässt hier ganz nebenbei auch eine glänzende Satire auf jenes bildungsbeflissene Bürgertum entstehen, das in kurzen Hosen von Kulturtempel zu Kulturtempel rennt und Mona Lisa am liebsten auf der Kaffeetasse betrachtet. Salvayres Protagonist ist ein reizendes Ekel, das mit ebenso fundamentalen wie falsch verstandenen Wahrheiten um sich wirft.

Salvayres Roman ist ein abgründiges Prosastück, an dem man auch ohne den Tiefgang einzulegen seine Freude haben kann.

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