Die Lücke, die der Teufel lässt von Alexander Kluge, 2003, SuhrkampDie Lücke, die der Teufel lässt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts
Buch von Alexander Kluge (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Verfallszeiten gibt es nicht
Adorno treu geblieben: Alexander Kluges Geschichten über die Lücke(n), die der Teufel ließ

In einem polnischen Zirkus trat in den Jahren nach 1928 ein Mann ohne Kopf auf. Er trug zu diesem Zweck ein Gestell, das nach oben hin einen Hals markierte. In Brusthöhe verdeckte Augenschlitze ließen den Künstler Umgebung und Publikum wahrnehmen. Nach einem Trommelwirbel wurde das Tuch, das über dem Hals lag, weggezogen und, zum Schrecken des Publikums, sein blutiger Nacken sichtbar. Die Frau des Künstlers hatte offenbar ein Verhältnis mit ihrem Trapezpartner. Der Mann erstach seinen Nebenbuhler und begrub seine Frau, noch lebendig, in einer Torfgrube. Diese Tatsache werteten seine Richtern als besondere Grausamkeit. Sie verurteilten ihn zum Tode, durch Enthauptung. Die Geschichte ging durch die illustrierten Zeitungen der Welt. Dabei wurde weder der Mann, noch "der tatsächliche Zustand des Enthaupteten" abgebildet, sondern "das Reklamebild" von seiner Nummer "Mann ohne Kopf".

So endet, leicht gerafft, eine der ungefähr fünfhundert Geschichten, die Alexander Kluge, nur drei Jahre nach seiner monumentalen Chronik der Gefühle und punktgenau zur Verleihung des Büchner-Preises, der renommiertesten Auszeichnung, die an deutsche Dichter und Schriftsteller vergeben wird, jetzt auf knapp eintausend Seiten unter dem zweideutigen Titel Die Lücke, die der Teufel lässt herausgebracht hat. Bei Gott nicht alle dieser, mal eine halbe, mal einige Seiten umfassenden Geschichten gehen auf solche Weise tragisch oder zumindest grausam aus. Im Gegenteil, Kluge scheint geradezu versessen darauf, in der wachsenden Gefahr das Rettende aufzuspüren, wie zum Beispiel in der folgenden Geschichte:

Die fünfunddreißigjährige Wilma Bison aus Odessa, die sich mühsam in den Westen durchgeschlagen, auf ihrem Weg nur Unglück geerntet und darum den Entschluss gefasst hatte, sich von einer der Terrassen des Mailänder Doms in den Tod zu stürzen, fiel, mit einem Schrei des Entsetzens, der verriet, dass sie die Stärke ihres Entschlusses überschätzt hatte, nicht als, wie sie befürchtete, grässlich verstümmelte Leiche aufs Pflaster des Domplatzes, sondern, nur in grotesker Weise beschädigt, auf die Blechkarosse eines geparkten Autos. Ihre Rettung, von der Boulevardpresse aufgegriffen, "führte zu einer Verbindung mit einem Mann aus Lugano, der sie künftig schützte".

Viele der Geschichten enden ohne jede Pointe, mit einer oft überraschenden, manchmal kuriosen, meist sachlichen, etwa organisationstheoretischen, sozialpsychologischen, politischen oder auch nur taktischen Frage. Das dicke Buch gliedert sich in neun unterschiedlich lange Hauptkapitel, die zum Teil noch einmal untergliedert sind. Es handelt von Katastrophen und Schlachten. Es erzählt von Heinrich von Kleist, der Kluge nicht nur durch den sprachlichen Stil seiner Anekdoten beeinflusst, sondern auch durch seine exzentrische Haltung beeindruckt hat. Es handelt vom Krieg und vom Schicksal der Mutter des Autors, die der Meinung war: "Solange er zu tun hat, stirbt kein Mensch an seiner Verzweiflung."

Es beschreibt kleine und große Pannen, den Sand im Getriebe der Organisationen und das Schmieröl, das die Reibung mindert. Viele Stücke erinnern an die Essais von Montaigne und viele an den Juristen Kluge, der gegebene Sachverhalte ordnungsgemäß prüft.

Ein bezeichnendes Beispiel: das "heilige, unbedingt gebietende", durch nichts einzuschränkende "Vernunftgebot" Kants, das uns verpflichtet, "in allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein". Kluge erläutert das Prinzip und bezieht es dann auf einige (historische) Ereignisse, die Moskauer Prozesse von 1937 oder die Männer vom 20. Juli. Auch auf eine Frau, die 1945 in Ostpreußen vergewaltigt wurde und diese Tatsache ihrem Mann verschweigen zu müssen meinte, um ihre Ehe nicht zu gefährden. Kluge besteht, wie Kant, auf der uneingeschränkten Geltung des Prinzips. Nur lässt er, anders als Kant, Abweichungen zu, die sich, konsequenterweise nicht argumentativ, sondern "aus dem Gefühl" begründen. Mit einer Lüge kann die Frau verhindern, dass ihr Leben ebenso wie das ihres Mannes zerstört wird. Das leuchtet unmittelbar ein. Und lässt gleichzeitig aufhorchen.

Kluges Buch enthält unzählige Dialoge, dazu Kuriositäten und Fundstücke, Bilder und Zeichnungen. Noch vor dem Vorwort findet sich ein Foto: "Fünf Maultiere, vom Wasser des Missouri eingeschlossen, warten geduldig auf ihre Befreiung." Das Bild zeigt Wassermassen und die Angst der Tiere, mithin "Tatsachen" und eine "lebendige Antwort". Darauf kommt es ihm offenbar an. Während in der Chronik der Gefühle die subjektive Seite, also das menschliche Gefühl, unter schwierigsten Bedingungen, wie Stalingrad oder dem Bombenkrieg, in Stellung gebracht werden sollten, habe sich jetzt, sagt er, sein "Erzählinteresse" verändert: "Die Geisterwelt der ‚objektiven Tatsachen'" trete verstärkt hervor. "Die Realität zeigt Einbildungskraft."

Auch deshalb spielt die beliebte Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Fiktion keinerlei Rolle. So hemmungslos wie hingebungsvoll erfindet er Interviews und Zitate. Zugleich stützt er sich, in bester wissenschaftlicher Tradition, auf gesicherte Daten und seriöse Quellen. Die Welt wird ihm zum Material. Kein Stoff, der nicht in Frage käme. So geht es auch querbeet, über Stock und Stein. Fünfhundert Geschichten, fast tausend Seiten lang.

Zuweilen fehlt der Anfang, gelegentlich das Ende. Viele Geschichten ergeben sich aus einer Fragestellung und hören mit einer Frage auf. Und am Ende wirft die voluminöse Story-Sammlung selbst einige Fragen auf, nicht zuletzt die: wozu das Ganze gut sein soll? Die Antwort darauf ergibt sich, das mag ein Problem des Buches sein, nicht auf Anhieb und schon gar nicht unmittelbar aus den Geschichten selbst. Natürlich kann man Kluge lesen, ohne sich weiter darum zu scheren. Wenn man jedoch wissen will, wo er herkommt und wo er hinführt, dann muss man (leider) etwas ausholen.

Das Gefühl etwa, das Kluge, im Fall der vergewaltigten Frau aus Ostpreußen, gegen Kants moralischen Rigorismus in Stellung brachte, verweist auf einen Prozess, den er, gleichsam unterhalb des Stroms seiner Erzählung aufmacht. Dafür steht "die Lücke" ein. Kluge verabschiedet sich hier von einer Illusion. Nach 1989 hatte er, wie viele Zeitgenossen, angenommen, "dass das neue Jahrhundert die bittere Erfahrung des 20. Jahrhunderts aufgreift und ins Hoffnungsreiche wendet". Ein Irrtum. "Der Teufel im Weißen Haus" handelt davon. Überhaupt führt das Buch bis an die jüngste Gegenwart heran. Es geht also, verkürzt gesagt, um die Präsenz des Bösen in der Gegenwart. Die Lücke, die der Teufel lässt bezieht sich - das sei noch einmal ausdrücklich betont: erzählend, mit literarischen Mitteln - auf theoretische Einsichten und führt zu theoretischen Konsequenzen. Erst so gesehen verliert der Vorwurf der Beliebigkeit seine Berechtigung.

Kluge denkt, anders als Botho Strauß, noch immer dialektisch. Wenn er den Teufel im Weißen Haus ausmacht, dann als flüchtige, nur im Verschwinden greifbare Erscheinung. Die Negation des Bösen wird damit in einer negativen Dialektik noch einmal aufgehoben. "Wer meine Erzählungen liest", proklamiert er schon im Vorwort, "wird nicht annehmen, dass ich an Untergangsszenarien glaube. Es gibt keine ,Verfallszeiten'." Wohingegen er durchaus an der "Logik des Zerfalls", einem der zentralen Motive der Adornoschen Theorie, festhält. Diese Treue erweist sich an der Strickart seiner Geschichten. Kluge stimmt auch heute noch Adornos Ansicht zu, dass die Literatur des 20. Jahrhunderts mit Proust an ihre nicht mehr überbietbare Grenze gekommen sei. Aus dieser Einsicht hat er Konsequenzen gezogen, und zwar mit Adorno gegen Adorno. Ähnlich wie dieser seinerzeit, vor nun fast vierzig Jahren, mit Hegel gegen ihn argumentierte, indem er dessen Dialektik radikalisierte. An diesem Modell richtet sich Die Lücke, die der Teufel lässt aus. Der Titel bleibt doppeldeutig, meint also ebenso Leerstelle wie Schlupfloch. In dieser Doppeldeutigkeit entfaltet sich ihre Dialektik. Auch wenn Kluge persönlich offenbar mehr zum Schlupfloch neigt, und in Adornos "universellen Verblendungszusammenhang" jene Lücken aufzuspüren sucht, die auch im falschen Leben richtig leben lassen. Die Titelgeschichte zeigt noch eine weitere Lücke.

In einem Inquisitionsprozess in Ingolstadt verteidigte ein Wittenberger Arzt und Theologe eine sogenannte Halbhexe, die ihre Tortur überstanden hatte und darum freizusprechen gewesen wäre, aber Stunden nach der Folter in Tränen ausgebrochen war. Der Ankläger wollte das als Geständnis werten. In diesem Prozess, heißt es weiter, habe für das Gericht nur eine geringe Chance bestanden, "im Kampf zwischen Gott und Teufel in eine Lücke einzudringen, und so, auch ohne formelles Geständnis, die Wahrheit zu ermitteln". Der Teufel nutze schließlich die Tortur zur Prüfung der Loyalität seiner Untertanen. Schmerzwirkung sei darum kein Beweis für seinen mangelnden Schutz, Tränen kein Beweis für ihre Unschuld. Der Richter meinte, wer seine Untertanen nicht schützen könne, könne auch kein Herrscher sein. "Es entsteht dadurch zwischen dem Versuch des Teufels, die Zuwendung der Hexe oder Halbhexe zum Bösen zu testen, und dessen Versuchung, seine Allmacht zu zeigen, eine winzige Lücke." In die müsse das Gericht, wenn es kein Geständnis erhalte, eindringen.

Im Fortschrittsoptimismus der europäischen Aufklärung war der Teufel noch gedacht als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Horkheimer und Adorno haben in ihrer Dialektik der Aufklärung eine Gegenrechnung aufgemacht und die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen "triumphalen Unheils" erstrahlen lassen. Kluge setzt sich von beiden Positionen gleichermaßen ab. Er weiß, dass der Teufel auf Gedeih und Verderb an jenem Prinzip hängt, gegen das er opponiert. Traditionellerweise Gott genannt. In der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno wird diese, sagen wir, theologische Seite ausgeblendet. Der Prozess der Aufklärung, als fortschreitende Beherrschung der (äußeren) Natur betrachtet, führe zur fortschreitenden Unterdrückung der (inneren) Natur (des Subjekts). Fortschreitende Rationalisierung (im Einzelnen) schlage am Ende um in die Irrationalität des Ganzen. Horkheimer und
Adorno sprechen von einem "universellen Verblendungszusammenhang". Das heißt, für sie war die Welt ausweglos dicht gemacht. Kluge bemüht sich nun mit Kräften darum, die Lücken aufzuzeigen, die der Teufel, in welcher Gestalt auch immer, gelassen hat. Schlupflöcher finden sich allerorten. Zugleich setzt er noch an einer anderen Stelle an. Habermas hat sie in seiner Friedenspreis-Rede bezeichnet.

Die Aufklärung hat Gott abgeschafft. Die Folgen dieses Verlustes zeigen sich heute. Kluge geht nun, in alter Adornoscher Radikalität, noch einen Schritt weiter: Mit Gott sind wir auch den Teufel losgeworden. Die mit dem Prozess der Aufklärung einhergehende Säkularisierung hat nicht nur Gott in der Konsumgesellschaft verschwinden lassen, sondern auch seinen "natürlichen" Widersacher. In einer ganzen Reihe von Geschichten umspielt Kluge diesen Sachverhalt. (Hier erweist er sich übrigens als wahrer Schüler seines alten Meisters, vielleicht sogar als sein einzig produktiver Nachfolger. Habermas hat sich schon in den siebziger Jahren endgültig von Adorno abgesetzt und ist seine eigenen Wege gegangen. Was sich sonst Schüler nannte, hat Philologie betrieben.)

Spätestens 1989 hatte sich gezeigt, dass der Anspruch der "totalitären Systeme" (wie Hermann Lübbe an Anlehnung an Voegelin schreibt), "die Religionen funktional volläquivalent ablösen zu können", nicht einzulösen war. Damit wird die andere, vielleicht entscheidende Lücke sichtbar, die uns - teuflischerweise - der Teufel ließ. Das alte Problem der Kontingenz, das theologisch durch die Vorsehung gelöst war, stellt sich damit verschärft. Die Sinnlosigkeit des Zufalls, die auch aller Philosophie schon zu schaffen machte, ist heute durch nichts mehr zu kaschieren. Kluge erzählt viele Geschichten, die genau davon handeln, von einem Bankmanager, der ausgerechnet zu Weihnachten mit dem Flugzeug abstürzt, von einem Piloten, der sich in dem Augenblick, in dem er seine Bomben abwerfen will, in die Hosen macht. Zuweilen spürt man richtig, wie auch Kluge noch auf eine Art höherer Gewalt hofft. Aber seine Geschichten dementieren solche Hoffnung. Auch er weiß nicht weiter. Doch er sucht, unaufhörlich, unermüdlich.

Wie ein Durchlauferhitzer lässt er unsere gegenwärtige Welt durch die Röhrchen seiner Reflexion laufen. Er schluckt alles, was sich ihm anbietet. Kocht es auf, verarbeitet es zu Erfahrungen und sprudelt die Erfahrungen als Geschichten wieder aus. Alexander Kluge, Jurist, Filmemacher, Medienunternehmer und Schriftsteller, bleibt ein Unikum. Ein Glücksfall, für unsere Literatur. "Bücher sind", sagt er, "die letzte Wagenburg der Subjektivität." Also: Hut ab, zum Gebet!

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