Die
Lücke, die der Teufel lässt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts
Buch von Alexander
Kluge (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Verfallszeiten gibt es nicht
Adorno
treu geblieben: Alexander Kluges Geschichten über die Lücke(n), die der Teufel
ließ
Zuweilen fehlt der Anfang, gelegentlich das Ende.
Viele Geschichten ergeben sich aus einer Fragestellung und hören mit einer
Frage auf. Und am Ende wirft die voluminöse Story-Sammlung selbst einige Fragen
auf, nicht zuletzt die: wozu das Ganze gut sein soll? Die Antwort darauf ergibt
sich, das mag ein Problem des Buches sein, nicht auf Anhieb und schon gar nicht
unmittelbar aus den Geschichten selbst. Natürlich kann man Kluge lesen, ohne
sich weiter darum zu scheren. Wenn man jedoch wissen will, wo er herkommt und wo
er hinführt, dann muss man (leider) etwas ausholen.
Das Gefühl etwa, das Kluge, im Fall der vergewaltigten Frau aus Ostpreußen,
gegen Kants moralischen Rigorismus in Stellung brachte, verweist auf einen
Prozess, den er, gleichsam unterhalb des Stroms seiner Erzählung aufmacht. Dafür
steht "die Lücke" ein. Kluge verabschiedet sich hier von einer
Illusion. Nach 1989 hatte er, wie viele Zeitgenossen, angenommen, "dass das
neue Jahrhundert die bittere Erfahrung des 20. Jahrhunderts aufgreift und ins
Hoffnungsreiche wendet". Ein Irrtum. "Der Teufel im Weißen Haus"
handelt davon. Überhaupt führt das Buch bis an die jüngste Gegenwart heran.
Es geht also, verkürzt gesagt, um die Präsenz des Bösen in der Gegenwart. Die
Lücke, die der Teufel lässt bezieht sich - das sei noch einmal ausdrücklich
betont: erzählend, mit literarischen Mitteln - auf theoretische Einsichten und
führt zu theoretischen Konsequenzen. Erst so gesehen verliert der Vorwurf der
Beliebigkeit seine Berechtigung.
Kluge denkt, anders als Botho Strauß, noch immer dialektisch. Wenn er den
Teufel im Weißen Haus ausmacht, dann als flüchtige, nur im Verschwinden
greifbare Erscheinung. Die Negation des Bösen wird damit in einer negativen
Dialektik noch einmal aufgehoben. "Wer meine Erzählungen liest",
proklamiert er schon im Vorwort, "wird nicht annehmen, dass ich an
Untergangsszenarien glaube. Es gibt keine ,Verfallszeiten'." Wohingegen er
durchaus an der "Logik des Zerfalls", einem der zentralen Motive der
Adornoschen Theorie, festhält. Diese Treue erweist sich an der Strickart seiner
Geschichten. Kluge stimmt auch heute noch Adornos Ansicht zu, dass die Literatur
des 20. Jahrhunderts mit Proust an ihre nicht mehr überbietbare Grenze gekommen
sei. Aus dieser Einsicht hat er Konsequenzen gezogen, und zwar mit Adorno gegen
Adorno. Ähnlich wie dieser seinerzeit, vor nun fast vierzig Jahren, mit Hegel
gegen ihn argumentierte, indem er dessen Dialektik radikalisierte. An diesem
Modell richtet sich Die Lücke, die der Teufel lässt aus. Der Titel
bleibt doppeldeutig, meint also ebenso Leerstelle wie Schlupfloch. In dieser
Doppeldeutigkeit entfaltet sich ihre Dialektik. Auch wenn Kluge persönlich
offenbar mehr zum Schlupfloch neigt, und in Adornos "universellen
Verblendungszusammenhang" jene Lücken aufzuspüren sucht, die auch im
falschen Leben richtig leben lassen. Die Titelgeschichte zeigt noch eine weitere
Lücke.
In einem Inquisitionsprozess in Ingolstadt verteidigte ein Wittenberger Arzt und
Theologe eine sogenannte Halbhexe, die ihre Tortur überstanden hatte und darum
freizusprechen gewesen wäre, aber Stunden nach der Folter in Tränen
ausgebrochen war. Der Ankläger wollte das als Geständnis werten. In diesem
Prozess, heißt es weiter, habe für das Gericht nur eine geringe Chance
bestanden, "im Kampf zwischen Gott und Teufel in eine Lücke einzudringen,
und so, auch ohne formelles Geständnis, die Wahrheit zu ermitteln". Der
Teufel nutze schließlich die Tortur zur Prüfung der Loyalität seiner
Untertanen. Schmerzwirkung sei darum kein Beweis für seinen mangelnden Schutz,
Tränen kein Beweis für ihre Unschuld. Der Richter meinte, wer seine Untertanen
nicht schützen könne, könne auch kein Herrscher sein. "Es entsteht
dadurch zwischen dem Versuch des Teufels, die Zuwendung der Hexe oder Halbhexe
zum Bösen zu testen, und dessen Versuchung, seine Allmacht zu zeigen, eine
winzige Lücke." In die müsse das Gericht, wenn es kein Geständnis
erhalte, eindringen.
Im Fortschrittsoptimismus der europäischen Aufklärung war der Teufel noch
gedacht als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute
schafft. Horkheimer und Adorno haben in ihrer Dialektik der Aufklärung
eine Gegenrechnung aufgemacht und die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen
"triumphalen Unheils" erstrahlen lassen. Kluge setzt sich von beiden
Positionen gleichermaßen ab. Er weiß, dass der Teufel auf Gedeih und Verderb
an jenem Prinzip hängt, gegen das er opponiert. Traditionellerweise Gott
genannt. In der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno wird
diese, sagen wir, theologische Seite ausgeblendet. Der Prozess der Aufklärung,
als fortschreitende Beherrschung der (äußeren) Natur betrachtet, führe zur
fortschreitenden Unterdrückung der (inneren) Natur (des Subjekts).
Fortschreitende Rationalisierung (im Einzelnen) schlage am Ende um in die
Irrationalität des Ganzen. Horkheimer und Adorno sprechen von einem
"universellen Verblendungszusammenhang". Das heißt, für sie war die
Welt ausweglos dicht gemacht. Kluge bemüht sich nun mit Kräften darum, die Lücken
aufzuzeigen, die der Teufel, in welcher Gestalt auch immer, gelassen hat.
Schlupflöcher finden sich allerorten. Zugleich setzt er noch an einer anderen
Stelle an. Habermas hat sie in seiner Friedenspreis-Rede bezeichnet.
Die Aufklärung hat Gott abgeschafft. Die Folgen dieses Verlustes zeigen sich
heute. Kluge geht nun, in alter Adornoscher Radikalität, noch einen Schritt
weiter: Mit Gott sind wir auch den Teufel losgeworden. Die mit dem Prozess der
Aufklärung einhergehende Säkularisierung hat nicht nur Gott in der
Konsumgesellschaft verschwinden lassen, sondern auch seinen "natürlichen"
Widersacher. In einer ganzen Reihe von Geschichten umspielt Kluge diesen
Sachverhalt. (Hier erweist er sich übrigens als wahrer Schüler seines alten
Meisters, vielleicht sogar als sein einzig produktiver Nachfolger. Habermas hat
sich schon in den siebziger Jahren endgültig von Adorno abgesetzt und ist seine
eigenen Wege gegangen. Was sich sonst Schüler nannte, hat Philologie
betrieben.)
Spätestens 1989 hatte sich gezeigt, dass der Anspruch der "totalitären
Systeme" (wie Hermann Lübbe an Anlehnung an Voegelin schreibt), "die
Religionen funktional volläquivalent ablösen zu können", nicht einzulösen
war. Damit wird die andere, vielleicht entscheidende Lücke sichtbar, die uns -
teuflischerweise - der Teufel ließ. Das alte Problem der Kontingenz, das
theologisch durch die Vorsehung gelöst war, stellt sich damit verschärft. Die
Sinnlosigkeit des Zufalls, die auch aller Philosophie schon zu schaffen machte,
ist heute durch nichts mehr zu kaschieren. Kluge erzählt viele Geschichten, die
genau davon handeln, von einem Bankmanager, der ausgerechnet zu Weihnachten mit
dem Flugzeug abstürzt, von einem Piloten, der sich in dem Augenblick, in dem er
seine Bomben abwerfen will, in die Hosen macht. Zuweilen spürt man richtig, wie
auch Kluge noch auf eine Art höherer Gewalt hofft. Aber seine Geschichten
dementieren solche Hoffnung. Auch er weiß nicht weiter. Doch er sucht, unaufhörlich,
unermüdlich.
Wie ein Durchlauferhitzer lässt er unsere gegenwärtige Welt durch die Röhrchen
seiner Reflexion laufen. Er schluckt alles, was sich ihm anbietet. Kocht es auf,
verarbeitet es zu Erfahrungen und sprudelt die Erfahrungen als Geschichten
wieder aus. Alexander Kluge, Jurist, Filmemacher, Medienunternehmer und
Schriftsteller, bleibt ein Unikum. Ein Glücksfall, für unsere Literatur.
"Bücher sind", sagt er, "die letzte Wagenburg der Subjektivität."
Also: Hut ab, zum Gebet!
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