Die Lieder riechen nach Thymian von Gerald Jatzek, 2014, BergerDie Lieder riechen nach Thymian.
Reisegedichte von Afghanistan bis Zypern von Gerald Jatzek (2014, Verlag Berger).
Besprechung von Helmut Schönauer - schoenauer-literatur.com, 17/09/2014:

Die Lieder riechen nach Thymian
Reisegedichte, oft als poetisches Tagebuch an entlegenen Orten entworfen, evozieren nach Jahrzehnten noch den Sound jener Welt, die einst mit Lebenshunger bereist und abgescannt worden ist.

Gerald Jatzeks Reisegedichte sind sorgfältig mit Ort und Datum versehen und verknoten sich zu einem Netz an Erinnerungen, dabei riechen die Lieder nach Thymian, es gibt Sliwowitz und Suppe, und Springböcke heben die Köpfe.

Zwischen den Versen von damals und dem Wissen von heute haben sich ganze Berge von Nachrichten gelegt, die den Bildern von einst einen archaischen Rahmen verpassen. Das Gedicht aus Afghanistan etwa stammt aus 1976, als ganze Jahrgänge von Blumenkindern aus aller Welt in die entlegenen Wüsten gereist sind um sich mit Mohn und Gras einzudecken.

„Ins Offene // Ein braunes Meer. Ein braunes / und ein rotes Meer aus Staub / und Sand und Steinen. Die Farben / wachsen mit den Tagen. Eidechsen / schwimmen durch den Morgen. Mittags / blüht das harte Gras. / Am Abend fließt das Licht / von den kalten Bergen. // Die Bücher / sind in Stein gehauen, die Regeln / sind Regeln der Männer. Die Dörfer / treiben still im Sand / mit breiten Türen. Dahinter / wird Reis geteilt. // (Chaghcharan, Afghanistan 1976)“ (13)

In diesen Farben und Regeln steckt noch so etwas wie die pure Unschuld des Betrachters, die dieser durch das Reisen mit den örtlichen Realitäten befrachtet, hintennach lässt sich diese Reinheit des Gedichtes kaum mehr ertragen, inzwischen hat sich unendlich viel Geschichte aufgehäuft.

Die Reiseroute, die sich aus den Gedichten herauslesen lässt, entspricht jenem „Jakobsweg“, den die Post-Hippie-Generation in den 70er und 80er Jahren über die Kontinente gezogen hat.

Griechenland, Varanasi / Indien, Göteborg, Havanna, Thailand, Rom. Diese Orte werden bei Gerald Jatzek zu einem persönlichen Pfad verwoben, der sich aber an die politischen Mulden und Schrofen des jeweiligen Zeitgeists anschmiegt. So kommen zwar die „Sehenswürdigkeiten“ in Andeutungen zum Vorschein, werden aber von der persönlichen Atmosphäre des lyrischen Ichs an Ort und Stelle übermalen.

„Ach ja, die Ägäis-Poesie // Im Gedenken an Jannis Ritos // Sprechen wir vom Sand / ohne Bilder, ohne alle Poesie, / vom Sand als Sand // auf jener Insel / und / auf dieser Insel // vergraben wir Gedichte / im Abdruck der Brüste am Strand, / dank dir, Janni. // (Plakias, Kreta, Griechenland 2010)“ (54)

Gerald Jatzeks Weltvermessungen aus einer vordigitalen Zeit nehmen sich Herzschlag, Licht und Entfernung als Maß. Es sind wundersame Bojen aus einem Zeitmeer ohne Zeiger.

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