Die Liebhaberinnen von Elfriede JelinekDie Liebhaberinnen.
Theaterstück von Elfriede Jelinek (2002, Düsseldorf).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 15.12.2002:

Zur Liebe der Ökonomie der Liebe
Im Düsseldorfer Schauspielhaus hatte wieder ein Stück von Elfriede Jelinek Premiere. "Die Liebhaberinnen". Martin Oelbermann inszenierte ein jelinekisches Text-Gebirge schlank.

"Was entsteht daraus, wenn man sich etwas vorstellt, was es in der Wirklichkeit der es sich vorstellenden Person nicht gibt? Richtig: Träume entstehen aus dieser üblen Konstellation." Träume, möchte man Elfriede Jelinek beipflichten - oder Theater wie das von Elfriede Jelinek. Ihre Stücke voller Wortborsten sträuben sich gegen die Bühne, aber es hilft ihnen nichts: Diese Schauspiele des fortgesetzten verbalen Missbrauchs haben an deutschen Theatern Karriere gemacht: "Wolken.Heim", "Totenauberg", "Stecken, Stab und Stangl", das "Sportstück" verbreiteten so viel Ehrfurcht und Schrecken, dass es in diesem Jahr den Theaterpreis Berlin fürs Gesamtwerk gab und selbst für eine Petitesse wie "Macht nichts" noch den Mülheimer Theaterpreis. Düsseldorf aber setzte dem würdigungsprallen Jelinek-Jahr am Wochenende die Krone auf: Nach dem Heine-Preis folgten die heftig beklatschten "Liebhaberinnen" im Schauspielhaus - die vierte Jelinek-Uraufführung binnen dreier Monate.

Mechanik statt Erotik

Martin Oelbermann griff dafür auf einen Text zurück, der nur wenig jünger ist als er selbst. Mit dem Roman "Liebhaberinnen" hatte Elfriede Jelinek Mitte der 70er Jahre ihre Debüt-Devise "wir sind lockvögel, baby" in die Provinz verlegt: Brigitte und Paula, die in der Fabrik Büstenhalter nähen, "angeln" sich den Heinz und den Erich, keine kinoreifen Millionäre, sondern einen Elektroinstallateur und einen Waldarbeiter. Dessous sind Arbeit für die Frauen, und die Liebe ist es auch. Aber sie bietet die Chance zum Aufstieg.

Wo Erotik sein könnte, ist deshalb die stumpfe, trostlose Mechanik der Kleinbürgerwelt. Ihr Ticken schlägt die großen Wunden, die sich die kleinen Leute mit ihren kleinen Träumen zufügen, weil sie das Großeganze nicht begreifen können. Eine Gschicht wie vom Horvath. Ein Stück Volkstheater, das Roman geworden ist, weil es nicht um die Einzelnen mit ihrem Dutzendschicksal geht, sondern um die Sprache, die verbogenen, listigen Wörter, die gierig unsere Träume aufsaugen und nichts als Kitsch und Jargon wieder ausspucken.

So kennt auch Oelbermanns Inszenierung keine Figuren, keine Personen mehr, nur noch den Chor. Wie sinnfällig diese konsequente Spielverweigerung ist, klang aus dem Extrabeifall fürs Regieteam heraus. Die sieben auf der Bühne, die aussehen wie Menschen, sind in Wahrheit Sprachrohr des falschen Allgemeinen: Mal redet der, mal diese für Brigitte, Paula, Erich und Heinz, redet über sie und über sie hinweg. Die Stimmen künden von der Chronik eines angekündigten Unglücks.

Ein dramaturgischer Spannungsbogen kann da nur mit hohem Tempo erreicht werden. Oelbermann und seine Dramaturgin Rita Thiele haben Jelineks Textgebirge für die Bühne aber nur vorsichtig schlanker gemacht, ein Massiv ist es immer noch. Kein Wunder, dass das Ensemble immer mal wieder schwer daran zu tragen hat - und ankämpfen muss gegen die Versuchung, Charakter zu werden statt Maske zu bleiben.

Von Puppen und Pumpen

Umso wirksamer die szenischen Ein- und Überfälle, die aus dem Theaterhimmel herabpurzelnden Babypuppen, der exzessiv-koitale Umgang mit Pumpen aller Art, die Vollversammlung der vier Frauen im Mega-Hochzeitskleid neben den Männern im Riesenanzug, der kakophonische Schluss.

Dazu entfalten die Kostüme aus den 70er Jahren einen Retro-Chic. Aber es täuscht nicht über den Verdacht hinweg, dass die "Liebhaberinnen" einen Konflikt verhandeln, der längst überlagert ist von einem anderen: Neben der Ökonomie der Liebe ist die Liebe zur Ökonomie heute das größere Skandalon. Frauen sind auf Heirat und Kinderkriegen nicht angewiesen, wenn sie sozialen Aufstieg wollen, sie können selbst Karriere machen - aber dann ohne Heiraten und Kinderkriegen. So ist in der die Inszenierung ein gar nicht so unwichtiger Satz des Romans nicht zu hören: "vielleicht sind die frauen jetzt auch anders als früher."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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