Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides, 2011, RowohltDie Liebeshandlung.
Roman von Jeffrey Eugenides (2011, Rowohlt
- Übertragung Uli Aumüller und Grete Osterwald).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ, 21.10.2011:

"Die Liebeshandlung" - der neue Roman von Jeffrey Eugenides
Liebe ist mehr als eine Idee

Hätten wir uns je verliebt, wenn wir nicht von der Liebe hätten sprechen hören? Das ist eine dieser theoretischen, völlig lebensfernen Fragen. Denn wir verlieben uns ja, so oder so. Sogar dann, wenn wir Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe" lesen, das die Schmetterlinge im Bauch bis auf den letzten Flügel rupft. Sie tanzen, geistergleich, einfach weiter.

Der 22-jährigen Literaturstudentin Madeleine Hanna jedenfalls hilft der Glaube an den Semiotik-Guru der 80er Jahre kein bisschen. In einer der Schlüsselszenen in Jeffrey Eugenides' neuem Roman wirft sie ihrem Freund Leonard das Barthes-Buch gar an den Kopf: Weil er auf ihr "Ich liebe dich" die Seite. aufschlägt, die das Geständnis als Konstrukt zersetzt. Ihr Herz will nicht begreifen, dass Liebe "bloß eine Idee" war.

Middlesex von Jeffrey Eugenides, 2003, RowohltJeffrey Eugenides, 1960 in Detroit geboren, wurde 1993 mit seinem Debüt "The Virgin Suicides" bekannt. Für das folgende Buch "Middlesex" erhielt er 2003 den Pulitzer- Preis. Sein neues Werk ist weniger episch, ernster, es untersucht ein Beziehungsdreieck.

Romanheldin Madeleine macht 1982 ihren Abschluss an der Brown University in Rhode Island, die auch Eugenides einst besuchte. Sie ist verliebt in Leonard, lässt aber auch den arg stillen Verehrer Mitchell nicht ganz von der Leine. Leonard erhält ein Stipendium in einem Forschungslabor am Cape Cod, Madeleine begleitet ihn und genießt das Gefühl, gebraucht zu werden; sie heiraten. Ein Schlusspunkt? Aber nein.

Eugenides hebt die Liebe auf jene Meta-Ebene, die es uns eine geballte Welt- und heute braucht, davon überhaupt noch erzählen zu können, ohne ausgelacht zu werden. nur eine Idee? Er treibt die Story über jenen Punkt hinaus, an dem im 19. Jahrhundert noch Jane Austen den Stift beiseite legte.

Mit der titelgebenden "Liebeshandlung" ist ja der "Marriage Plot" gemeint, bei dem am Ende die Heldin in die Arme von Mr. Right sinkt. Seit damals, so die These, hatten Romane nie mehr jene Wucht erreicht: In Zeiten, in denen Frauen Geld verdienen und Scheidungen möglich sind, ist die Wahl des Partners so lebensentscheidend wie ein Schuhkauf.

Eugenides gelingt es, in diesen Abgesang des Romans und der Ehe scheinbar einzustimmen, nur um sich selbst zu widerlegen. Sein Werk beschert uns eine geballte Welt- und Sinnes-Erfahrung, ein Festbüfett der Gefühle. Die Liebe ist nur eine Idee? Aber eine gute.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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