Die Liebesbriefe von Dylan Thomas, 2004, HanserDie Liebesbriefe.
von Thomas Dylan (2004, Hanser - Übertragung Margit Peterfy).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in der Frankfurter Rundschau, 17.11.2004:

Nur Flaschen geöffnet
Dylan Thomas' Liebesbriefe

Sind Liebesbriefe altmodisch? Fast müssen wir es glauben, lesen wir in der Einleitung zu den Liebesbriefen von Dylan Thomas doch die Vermutung, die hier versammelten Episteln müssten "für die lost generation der verlorenen E-Mails beinahe unbegreiflich" sein. Wir mögen uns dieser verlorenen brieflosen Generation zwar nicht zurechnen, doch "unbegreiflich" sind uns zumindest manche Formulierungen in den Zwischentexten des Herausgebers, dessen Name nirgendwo aus dem Buch hervorgeht; dürfen wir verraten, dass er Peter Lynch heißt? Über Dylan Thomas und seine Frau Caitlin, an die zwölf der 32 Briefe gerichtet sind, schreibt er: "Trotz ihrer Auseinandersetzungen hingen sie aneinander wie zwei Waisenkinder nach einem Schiffbruch durch viele Jahre von Armut, Ausschweifungen und Erfolg." Zuvor schon hat er uns den Briefwechsel des walisischen Hochprozentdichters mit seiner "ersten echten Freundin" Pamela Hansford Johnson folgendermaßen erklärt: "Ihre Briefe waren voller Gedichte, ihrer gemeinsamen Zukunft und Sorge über Dylans Gesundheit." Vielleicht macht die Liebe ja auch blind für die Erfordernisse der Grammatik.

Wenn's denn überhaupt Liebe ist. Manche der Adressatinnen werden in den deutschen Brieffassungen gesiezt, und das nicht von ungefähr. Einer richtet sich an die Dichterin Edith Sitwell, die für Dylan Thomas alles mögliche gewesen sein mag, gewiss aber keine Geliebte; zwei weitere sind Schmeichelbriefe an gutbetuchte Gönnerinnen. Vielleicht hätte dieses Bändchen passender "Briefe an Frauen" geheißen, doch selbst das stimmt nicht ganz, denn es ist auch einer dabei, der sich an ein Paar richtet - überflüssig zu sagen, dass darin keinerlei Liebesschwüre zu finden sind.

Die Arbeit des Poeten ist bekanntlich nicht das Liebe-, sondern das Wortemachen. Gelegentlich erwischen wir Dylan Thomas tatsächlich dabei, dass er die Sprache verführt. Einer gewissen Emily Coleman schreibt er: "Ich denke an uns und an all die lustigen, schönen Sachen, die wir gemacht haben", klar. "Ich denke an nette Orte und Menschen", natürlich mit ihr. "Ich denke an uns in Kneipen und Clubs und Kinos und Betten." Nachdem er sich soweit vorgewagt hat, denkelt Thomas spielerisch weiter mit dem nächsten Satz, der im Original heißt: "I think I love you." In der deutschen Fassung lesen wir nun leider: "Ich glaube, ich liebe Dich."

Kellerniveau

Die Übersetzung trägt ihren Teil dazu bei, dass viele Briefe von Liebe nur so triefen: jedes "dear" wird zu "liebe", jeder "Darling" zu "Liebling". Folglich lesen wir so originelle Sätze wie: "Liebling, ich liebe Dich." Das schreibt Dylan Thomas etlichen Frauen, bisweilen mehr oder minder gleichzeitig, freilich mit eher geringem Variationsvermögen. Die Liebe, die er seiner Caitlin schwört, ist "wahre Liebe", nun ja, das ist natürlich steigerungsfähig, also schreibt er ihr später, dass er sie "für immer und ewig liebe"; oder noch ein bisschen mehr: "Ich liebe Dich noch mehr, als ich vor einigen Sekunden gesagt habe." Andere Damen müssen sich bisweilen mit geringerem Quantum zufrieden geben: "Glaub mir, ich liebe Dich auch."

"Ich liebe Dich & ich liebe meine Kinder & ich liebe mein Haus": So geht's ebenfalls. Zum Glück und zum Unglück erschöpfen sich aber nicht alle Briefe dieses Bandes in Sätzen, die das Verbum "lieben" enthalten. Zum Glück, weil die Lektüre von tausend inflationären Liebesschwüren verdammt schnell langweilig wird, ganz abgesehen davon, dass die Glaubwürdigkeit des Verfassers dabei auf Kellerniveau sinkt. Zum Unglück, weil das meiste von dem, was außer Liebesschwüren in diesen Briefen steht, ohne Kommentar weitgehend unverständlich bleibt. In den Briefen an Pamela Johnson plaudert Dylan Thomas seitenlang Interna aus Redaktionsstuben aus und kommentiert den englischen Literaturbetrieb der 1930er Jahre; anfangs der 1950er dann berichtet er seiner Frau Caitlin ausgiebig (und offensichtlich nicht ohne Übertreibungen), was er auf Lesereise in Amerika erlebt - all das wäre biographisch von Interesse, zumal nur eine Handvoll dieser Briefe in der Hanser'schen Thomas-Werkausgabe enthalten ist. Da die Briefe aber zeitlich weit gestreut sind und ohne Rücksicht auf ihren Kontext abgedruckt werden, bleiben die Informationen fragmentarisch, die erwähnten Namen Schall und Rauch.

Wenn sich der Rauch der Wortclownerei, deren sich Thomas selbst bezichtigt, verflogen ist, erkennen wir das bruchstückhafte Selbstbildnis eines Menschen, der seine Schüchternheit und seine Einsamkeit zu überspielen sucht, indem er sich in Ausbrüche überdrehter Leidenschaft flüchtet. Oder in hochprozentige Selbstzerstörung: Sex scheint für ihn vornehmlich unter Alkoholeinfluss möglich gewesen zu sein. Der Suff allerdings setzt den Worten ein Ende, auch denen der Liebe und denen, die die Post bringt: "alles, was hier ankommt, bleibt ungeöffnet, außer Flaschen." Bei den meisten dieser so genannten Liebesbriefe würden wir uns wünschen, auch sie wären ungeöffnet geblieben.

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