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Die
Liebesblödigkeit.
Roman von Wilhelm
Genazino (2005, Hanser).
Besprechung von Simone
Dattenberger im Münchner
Merkur, 31.01.2005:
Freischaffender
Apokalyptiker
"Die Liebesblödigkeit":
Wilhelm Genazinos neuer Roman
Es gibt den Panik-Berater und die Staubforscherin, den Ekelreferenten und den Empörtenbeauftragten, ganz abgesehen vom Postfeind sowie der Alkoholsekretärin - und die Hauptfigur, ein Mann Anfang 50, lebt einigermaßen gut als "freischaffender Apokalyptiker". "Ich bin kein Universalapokalyptiker, sondern ein Zivilisationsapokalyptiker, das heißt, ich bin kein Fundamentalist, sondern ein Fortschrittsrevisionist, ein Besinnungskonservativer." Mit Klimakatastrophen und massenmordenden Mikroben will der freundliche Typ, der uns auf 200 Seiten "Liebesblödigkeit" durch seine himmlisch skurrile Stadt-, Seelen- und vor allem Eros-Welten führt, nichts zu tun haben.
Kicher-Vergnügen und große Weisheit
Wer Wilhelm Genazinos Bücher "Ein
Regenschirm für diesen Tag" und "Eine Frau, eine Wohnung, ein
Roman" geliebt hat, wird "Die Liebesblödigkeit" schon mit
Ungeduld erwartet haben. Großes Kicher-Vergnügen ist garantiert, kombiniert
mit stupender Intelligenz, ja Weisheit. Der Dichter hat sich zu einem Sokrates
entwickelt, der seine Leser nicht durch Fragen zur Erkenntnis lotst, sondern
durch die geniale Leichtigkeit seines Erzählens. Alles scheint ästhetisch
absichtslos, ist grenzenlos undogmatisch und eben nicht kunst-naseweis.
Erzählen als inneres Schlendern; und doch führt es immer zum Ziel. Womit es
jedem Leser ermöglicht, stolz darauf zu sein, was er alles selbstständig
analysiert hat, wie scharfsinnig er philosophieren kann.
Naturgemäß lässt sich über die Apokalypse prächtig grübeln, ist sie doch
heftig von Symbolen aufgeladen. Genazinos Mann für den kleinen Weltuntergang
bricht den mega-hehren Anspruch allerdings gleich herunter auf unseren Alltag.
Das grandiose Dies-irae-Spektakel wird zur banalen Politik, zum normalen
deutschen Gesellschaftszustand: schwarz sehen, schimpfen, g'scheit daherreden -
und insgesamt gerade davon und damit gut leben. Auch Schockforschung schafft
Arbeitsplätze.
Deswegen hat's der leicht melancholische Zivilisationsapokalyptiker auch nicht
schwer, seine Seminare zu füllen, fasziniert sogar spontan eine Gruppe von
Aktivsenioren. Probleme bereitet ihm hingegen seine private Doppelbeziehung.
Eigentlich führt er zwei glückliche Fast-Ehen mit Sandra, zehn Jahre jünger
als er und praktisch veranlagt, und Judith, gleichaltrig und als gescheiterte
Konzertpianistin immer noch künstlerisch anregend. Nun schleicht sich aber das
Alter an den Liebhaber heran, nicht nur in Form von Krampfadern, sondern auch in
Form von Beischlaf-Irritationen. Mann und Männlichkeit zeigen sich alarmiert.
Und so stellt sich die Frage: Sollte man sich nicht für eine einzige Dame
entscheiden? Aber für welche . . .
Während der Apokalyptiker diesen Konflikt samt Körper-Wehwehchen und eigener
Übersensibilität auskostet - "Unglückseitelkeit" -, beobachtet er
seine Umwelt mit Genazino'schem Wunderblick fürs Detail, erinnert er sich an
Kindheit, einen alten Freund und die Ehe mit Bettina, trifft Bekannte,
Unbekannte und Kinder (wunderbare Szenen), (er-)findet so schöne Worte wie
"Liebesblödigkeit", "die irgendeine innere Unstillbarkeit"
beschreiben. Schließlich hilft ihm der Panik-Forscher - keine Lachnummer, wie
man dachte, sondern ein kluger Heiler - aus dem Dilemma: Man lernt, es einfach
gelassen hinzunehmen.
Wieder ist Genazino ein phänomenaler Roman gelungen mit einer unglaublichen
Fülle an Geschichten und Erkenntnissen. Welch bewunderns- und liebenswerte
Könnerschaft.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0205 LYRIKwelt © Münchner Merkur