Die Liebenden.
Roman von Gerhard
Henschel (2002, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Stephan
Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(SZ):
Die
Liebe in den Zeiten der Märklin-Kataloge
Gerhard
Henschel präsentiert einen Trumm aus dem Steinbruch der Geschichte: Die
Liebenden
Anfang
des Jahres 2000 besuchte der Satiriker Gerhard Henschel eines jener
Literaturseminare, die der Schriftsteller Walter Kempowski regelmäßig in
seinem Landhaus „Kreienhoop“ bei Hamburg veranstaltet. Das Seminar beim
geduldigen Archivar am Echolot muß ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein,
denn zwei Jahre später gibt Henschel eine überwältigende Archäologie der
deutschen Nachkriegszeit heraus. Seine großartige Familiensaga in bearbeiteten
Originalbriefen steht ganz in der Tradition der dokumentarischen Collagen
Kempowskis.
Mit
ungeheurem Materialreichtum zeichnet Henschel eine eindringliche
Privatgeschichte der Bundesrepublik. Der dokumentarische Briefroman deckt mit
mikroskopischer Detailgenauigkeit die Epoche von 1940 bis 1993 ab. Eine
orchestral kollagierte Ouvertüre aus zahlreichen Briefen aus der Feder
unterschiedlicher Mitglieder der Familien Lüttje und Schlosser mündet schließlich
nach gut hundert Seiten in das monumentale Duett, das die Liebenden Richard und
Ingeborg Schlosser, geborene Lüttje, über 50 Jahre hinweg intonieren.
Henschel
läßt die Dokumente unkommentiert für sich sprechen. Seine Bearbeitung beschränkt
sich auf Kürzung, Verdichtung und intelligentes Arrangement des Materials.
Henschel hat einen bewegenden und stilistisch überzeugenden Schatz aus den
Archiven gehoben und breitet ihn in seiner ganzen Fülle aus:
Neben weit über tausend Briefen liest man noch Sterbeurkunden,
Operationsberichte, Beschwerdebriefe an Versicherungen, Gewinnmitteilungen von
Weinbrandlotterien, juristische Kleinkriegskorrespondenz und Menükarten von
Hochzeitsfeiern. Henschel montiert diese Dokumente der verwalteten Welt in den
narrativen Fluß der eigentlichen Korrespondenz, um besonders intensive Momente
zu markieren, um Akzente zu setzen oder einzelne Lebensabschnitte effektvoll
abzuschließen. Fast unmerklich, dafür aber um so wirksamer strukturiert er
sein Material.
Äußerst
geschickt weiß Henschel die Polyphonie des Briefromans für sich zu nutzen. Im
richtigen Moment erhellt die ordnende Hand des Autors eine dunkle Seite einer
Biographie mit Hilfe der Außenperspektive einer Nebenfigur oder setzt einen
Kontrapunkt im Notenverlauf zwischen den Lebenslinien. Er spielt mit der ganzen
strukturellen Bandbreite des Briefromans. Den Briefen selbst beläßt er ihren
ursprünglichen Duktus, der ein einmaliges Zeugnis der deutschen Sprache im
Wandel der letzten fünfzig Jahre gibt. Nach
den anfänglichen Kriegswirren bricht die offizielle Geschichte nur sehr
vereinzelt in die Korrespondenz der Liebenden herein. Die Spiegel-Affäre oder
Gustav Lübbes Eseleien tauchen nur ganz am Rande auf. Die 68er-Bewegung wird
keines Wortes gewürdigt, doch man spürt sie indirekt im neuen Tonfall, den die
nachkommende Generation in ihren Briefen anschlägt. Es scheint, als hätten die
Liebenden ein für alle Mal genug von der Geschichte und hätten nach Kriegsende
endgültig beschlossen, sich ins Private zurückziehen. Auch diese Haltung ist
symptomatisch für eine Epoche.
Mit
der ergreifenden Lebens- und Liebesgeschichte von Richard und Ingeborg Schlosser
entsteht eine monumentale Saga der Bundesrepublik. Der Werdegang ihrer Beziehung
verläuft parallel zum Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands. Im Schicksal
des jungen Flak-Helfers Richard und der angehenden Fremdsprachenkorrespondentin
Inge spiegeln sich sämtliche Sehnsüchte, Ängste und Obsessionen der jungen
Republik. Richard ist ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen. Der Pfarrerssohn
lernt die Lehrertochter schon auf dem Gymnasium in Norddeutschland kennen. In
den letzten Kriegsmonaten gerät er in russische Gefangenschaft, aus der er
schwer krank entlassen wird. Sein Leben lang leidet er an Tuberkulose und ihren
Folgen. Inge und Richard werden erst in den Wiederaufbaujahren ein Paar. Man
sieht sie schmachtende Blicke über den Nierentisch austauschen und am Stadtrand
Herzen in Baumrinden schnitzen.
Die
Liebe hat einen schweren Stand in den Zeiten der Wohnungsknappheit. Die
Zimmerwirtinnen sind strenger als die prüdesten Äbtissinnen. Der Gipfel des
Liebesrausches sickert aus gemeinsam genaschten Weinbrandpralinés. Richard büffelt
für sein Maschinenbaustudium, Inge findet ein, zwei Jobs als Sekretärin. Er
bekommt sein Diplom, sie ihr erstes Kind. In jungen Jahren sind die beiden ein
sehr ergreifendes Paar. Doch als bei Richard Tuberkulose diagnostiziert wird,
verbittert er im Kampf gegen die Krankheit und in seinen verbissenen Bemühungen
um eine Kriegsversehrtenrente. Aus den Lungensanatorien schickt Richard seine
ersten grantigen Episteln, die sich im Laufe der Jahre zu immer mürrischeren
Tiraden steigern werden. Die TB frißt ihm Kavernen der Paranoia ins Hirn. So
passiert es, daß er die Formblätter des Arbeitsamtes auf Stil und Orthographie
hin rezensiert. Aus dem beeindruckenden zeitgeschichtlichen Dokument wird nun
die Chronik einer langsam zerfallenden Beziehung. Eine große Liebe bekommt
unmerklich die Motten.
Richard
und Inge bekommen immer mehr Kinder, erwirtschaften sich wechselnde Eigenheime
mit wachsenden Doppelgaragen und integriertem Spanienurlaub und entfremden sich
doch immer mehr. Der
kriegsversehrte Diplom-Ingenieur tüftelt an der Wiederbewaffnung der neuen
Republik. Der nachdenkliche Mann wird hoher Beamte im „Amt für Wehrtechnik
und Beschaffung“, steigert
sich manisch in den Ausbau des gemeinsamen Heimes hinein,
brütet über Märklin-Katalogen und
verbastelt seine gesamte Freizeit im Hobbykeller, bis man sich fragt, in welchem
Schraubstock sein Bastlerhirn nun eigentlich klemmt. Das perfekte Wohnen wird
zur Familienobsession. Auch dies läßt sich als kollektive Psychose einer
Generation von Trümmermenschen und Flüchtlingskindern lesen: Wem einmal Haus
und Hof abgebrannt sind, läuft Gefahr, den Rest seines Lebens Unkraut jätend
im Vorgartenmulch zu hocken.
Richard
wandelt sich zur schrecklichsten Ausprägung des bundesrepublikanischen
Hobbykellerminotaurus und Blumenrabattenberserkers. Die deutsche
Gartenbauneurose ist noch gar nicht gründlich genug erforscht. Irgendwann ist
die Kindeserziehung abgeschlossen, der Garten perfekt und die Ehe kaputt. In
diesem Moment schreibt Inge ihrem Mann den Brief ihres Lebens. In einem wütenden
Befreiungsschlag liefert sie ein metaphorisches Resümee einer ganzen Existenz:
„Heute abend, Donnerstag, habe ich Dich bei Deiner Kompostarbeit eine ganze
Weile unbemerkt beobachtet. Ich glaube, daß das, was Du da machst, mit normaler
und richtiger Gartenarbeit nur noch wenig zu tun hat. Du huldigst einem Götzen
namens ´Kompost´, der sich meinem Verständnis entzieht.“ In diesem Leben
vermodert die Gegenwart, um Dünger für eine Zukunft zu produzieren, die
ihrerseits nur für eine noch fernere Zukunft kompostiert werden wird. Richard
scheitert an seiner eigenen protestantischen Strenge
und geht im Alkohol unter.
Die Liebenden machen die
bittere Erfahrung, eine Existenz im Trümmerdeutschland aufgebaut zu haben und
mit sechzig vor den Scherben ihrer Ehe zu stehen. Der Text ist ein erschütternder
Abgesang auf die Märklin-Familie.
Henschel
hat großes Glück mit seinen Korrespondenten. Beide sind ausgezeichnete
Briefschreiber. Ihr Stil ist einfach, klar und präzise. Richards Prosa ist von
trockenem Protestantismus geprägt, Inge schreibt genau so, wie man sich das
Wirtschaftswunder-Deutsch immer vorgestellt hat: immer gut gelaunt und reizend,
sehr patent und akkurat zurechtgezupft. Bis ihr am Ende der gestärkte Rüschenkragen
platzt. Die
ungeheure Komplexität dieser Biographien ist beeindruckend. In einem großartig
verflochtenen Panorama ziehen die Lebensgeschichten der Familien Schlosser und Lüttjes
mit Freud und Leid an einem vorbei. In diesen gut 750 Seiten ist einfach alles
drin. Es wäre zu leicht, die Figuren eines falschen Lebens zu bezichtigen. Mit
jedem Korrespondenten weitet sich der Blickwinkel auf die Biographien.
Das
Scheitern der Liebenden ist zu eng mit der Geschichte verwoben, um einem
Einzelnen Schuld zusprechen zu können. In den weit verzweigten Familien findet
sich immer jemand, der bereit ist, zu verstehen und zu verzeihen. Diese
Bereitschaft zum Verzeihen ist sehr bewegend. Bemerkenswert ist auch die fast
schon mönchische Zurückhaltung, die der bissige Satiriker Henschel angesichts
dieses Monuments von langsam Amok laufender Spießigkeit praktiziert. „Die
Liebenden“ bergen nicht zuletzt die Geschichte einer asketischen Entsagung des
meinungsfreudigen Schriftstellers Henschel, der sich zugunsten seines Materials
gänzlich zurücknimmt. Ebenso erstaunlich ist der Reichtum an wahren Gefühlen,
tiefer Zärtlichkeit und atemberaubender Trauer, der noch hinter dem kleinbürgerlichsten
Gartenzwergbataillon auf den geduldigen Archivar wartet. Die Lektion dieses
Buches könnte lauten: King Lear, Richard III. und Nora warten im Hobbykeller.
Ihr ganzes Leben träumt die Fremdsprachenkorrespondentin Inge von der Veröffentlichung ihrer Gedichte. Sie schickt ihre Texte an die unterschiedlichsten Verlage. Alle lehnen ihre Lyrik ab. Auch der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe. Nun veröffentlicht eben dieser Verlag ihre gesammelten Briefe und gibt damit sicherlich das interessanteste, ergreifendste und formal radikalste deutsche Buch des letzten Jahres heraus. So verhilft Gerhard Henschel Inge Schlosser nach einigen Jahren doch noch zu poetischer Gerechtigkeit. Es mag auf den ersten Blick vermessen klingen, diesen Trumm aus dem Steinbruch der Geschichte als Roman zu bezeichnen. Doch schon nach einigen Seiten wird klar: dieses geballte Rohmaterial entfaltet eine epische Dynamik und eine poetische Wucht, mit denen sich nur die wenigsten Fiktionen messen können.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Stephan Maus