Die Liebe ist ein Schweindel von Maurizio Maggiani, 2004, Edition NautilusDie Liebe ist ein Schwindel.
Erzählungen von Maurizio Maggiani (2004, Edition Nautilus - Übertragung Egon Günther).
Besprechung von Franz Haas in Neue Züricher Zeitung vom 28.12.2003:

Erregende Schwindelgefühle
Subtile Erzählungen von Maurizio Maggiani

Er ist ein bewährter Langstreckenerzähler, doch ausserhalb Italiens sind Maurizio Maggianis Romane «Der Mut des Rotkehlchens» (1995, dt. 1996) und «Königin ohne Schmuck» (1998, dt. 2000) zu wenig bekannt. Dass er auch Talent für die Kürze hat, zeigt nun eine weitere deutsche Übersetzung, der Erzählband «Die Liebe ist ein Schwindel». In dreizehn subtilen Geschichten geht es um das bisschen Glück und um die grossen Unannehmlichkeiten, die Menschen einander durch Liebe bereiten. Von «wehrlosen Liebenden» ist die Rede, von Scherbenhaufen und von der Affenliebe junger Väter zu ihren kleinen Töchtern, von der Nicht-Liebe und der Beinahe-Liebe, diesen gutartig schweren Krankheiten.

Virtuose der Gefühlsklaviatur

Ein Beispiel so einer Fast-Liebe beschreibt Maggiani mit feinem Gespür in «Das Jahr der Polin»: Ein Junggeselle erzählt selbstironisch von seiner schüchternen Hoffnung, als eine junge Frau in die Wohnung unter ihm einzieht. Man sagt, sie sei Polin, weiss aber nichts über sie, und deshalb tratschen die alten Frauen im Treppenhaus noch süchtiger als sonst. Der junge Mann hilft der Neuen sogar, eine Matratze zu schleppen, doch es bleibt bei einem flüchtigen Gruss. Dann folgt ein Jahr des Wartens, der versteckten Beobachtung, des vergeblichen Schmachtens über die Distanz eines Stockwerks. Die junge Frau sitzt oft auf ihrem Balkon und raucht, wartet offenbar auf eine Nachricht am Mobiltelefon, «brütet es in ihren Händen wie ein Ei, wie ein Kind».

Mehr noch als in seinen grossen, breiten Romanen brilliert Maurizio Maggiani in diesen Erzählungen bei den Details - die hüpfenden Gefühle, die lahmen Herzen, der erregende Schwindel -, und Egon Günther übersetzt sie wendig in das Deutsch der alten Rechtschreibung, nach der solche Dinge noch so schön «schwindelerregend» sein können. Maggiani ist ein Virtuose auf der Gefühlsklaviatur, und nur selten greift er daneben, wenn seine Figuren «von der Liebe heimgesucht» werden. Gar zu pathetisch sind etwa jene Männer, die ihre launischen Töchterchen vergöttern. Einer dieser Väter ist so dusselig gerührt, dass er weint beim Anblick der spielenden Göre. «Und er möchte, dass Gott in diesem Augenblick zuschaut und, von seiner unendlichen Liebe erfüllt, die Welt anhalten möge.» Derart akute Schwulst- und Kitschanfälle sind aber wirklich rar bei Maggiani und vielleicht sogar schlitzohrig berechnet.

Einsame Seelen

Die längste Erzählung und das Kernstück der Sammlung heisst «Der Sturm». Es ist der Monolog eines Mannes an seinen Stiefsohn, einen jungen Polizisten, der bald heiraten will. Maurizio Maggiani, Jahrgang 1951, zeichnet hier das Panorama seiner Generation, erzählt vom Glück der Rebellion und von den Nöten der Blumenkinder, vom schönen Schrecken der Verliebtheit und von den Scherben einer Ehe. Der Erzähler nimmt einen gewundenen Anlauf quer durch sein Leben, um an einem ganz bestimmten, realen Punkt anzukommen: im Juli 2001 in Genua (wo Maggiani lebt), als es beim G-8-Gipfeltreffen zu gewalttätigen Protesten und zu einem noch brutaleren Einsatz der Polizei kam. Der Mann, der seit Jahrzehnten auf keiner Demonstration mehr war, findet sich nun (fünfzigjährig, mehr aus Neugier) inmitten von Knüppeln und Tränengas. Die grösste Angst hat er davor, seinem Stiefsohn als prügelndem Polizisten zu begegnen. Maggiani kondensiert hier den Konflikt der Generationen und den ideologischen Riss quer durch die italienische Gesellschaft - und vor allem die Verlockungen der Gewalt bei den damals noch ganz neuen Machthabern des Landes.

Das grösste Können des Erzählers Maggiani liegt aber weder in den Bildern vom Herzflimmern noch in politischen Schnappschüssen. Es zeigt sich in der Schilderung von Winkelzonen und einsamen Seelen. Zum Beispiel in der Beschreibung der feuchtkalten Tristesse der «schwarzen Woche» zwischen Weihnachten und Neujahr in einer Hafenstadt, durch die ein gut gekleideter und schlecht gelaunter Mann streunt, dem ein erotisches Abenteuer kaum helfen wird. Oder in der Geschichte jenes Liebespaares, das sich auf seinen rastlosen Gängen in ein Café vor dem Tor eines Gefängnisses verirrt hat, jenseits von Brachland und aufgelassenen Lagerhäusern. Da hat der Autor Aug und Ohr für alles, für das Spriessen «der Stockrose, der Kamille und des Löwenzahns aus den Ritzen des Asphalts entlang der mürben Bordsteine» - und für das wortkarge Liebespaar, vor allem für die «Eigenschaft ihres Schweigens».

Auch der abschliessende Text des Bandes ist eine meisterhafte Miniatur, die Beschreibung einer Fotografie (Wilhelm Genazino kann das ähnlich gut), die auch für den Leser reproduziert ist: eine junge Frau, ganz im Hochzeitsweiss, zusammen mit Mutter und Grossmutter im Sommer 1961. Die Braut ist die Tante des Erzählers (und vermutlich des Autors), die er als Kind oft zum Tanz begleitet hatte, als männlicher Wächter über erzkatholische Sitten. Trotz seiner Aufsicht hat sie dort einen Bräutigam gefunden, dem sie nun, gleich nach dem Fotografieren, übergeben werden soll. Diesem Bild entsteigt die ganze Familiengeschichte, drei Generationen, Nöte und Freuden, lebenslange Plackerei, die ihre Spuren in den Gesten und Gesichtern hinterlassen hat, in gichtigen Händen und geschwollenen Füssen. Dennoch sieht der Bildbeschreiber vor allem die Würde der drei Frauen, bei der Brautmutter neben dem Stolz zwar «ein gewisses Stirnrunzeln». Die Braut ist «eine schwebende Madonna aus Gips». Und dass die zwergenhafte Grossmutter zehn Jahre nach dieser Aufnahme «ihr Sterben so taktvoll bewerkstelligt» hat, erzählt Maurizio Maggiani, der menschenfreundliche Fabulierer, wie immer mit Melancholie und Witz in den Fingerspitzen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © NZZ