Die Liebe der Väter.
Roman von Thomas Hettche (2010,
Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger
Nachrichten vom 9.08.2010:
Geschichte vom Verlieren und Finden der Unschuld
In „Die Liebe der Väter“ erzählt
Thomas Hettche souverän, aber klischeehaft von der Lebenskrise eines Mannes
Thomas Hettche liest aus seinem neuen
Roman „Die Liebe der Väter“ am 28. August um 16.30 Uhr beim Erlanger Poetenfest
im Schlossgarten.
Ein Buch wie ein guter
öffentlich-rechtlicher Fernsehfilm. So unterhaltsam wie flüchtig. Alles stimmt
und ist zum gediegen-kritischen Zeitvertreib in Filzpantoffeln angerichtet: die
Geschichte, die Figuren, das Ambiente, die Tragik, das Ende. Besonders der
Zeitgeist. Alles wird mit vielen Wiedererkennungseffekten geschildert vor dem
Hintergrund einer trügerischen Sicherheit, in der wir uns doch alle wähnen und
von der wir wünschen, dass sie lange noch anhält.
Und da es ja im ersten und zweiten Programm keine Werbepausen gibt, bedient sich
Thomas Hettche in „Die Liebe der Väter“ auch gleich noch konsequent des
hinterhältigen Product Placements: All die Marken, die er en passant einfließen
lässt, suggerieren Realität und erschaffen in wenigen Augenblicken eine uns so
vertraute Welt, in der wir selber feststecken.
Ein Mann trennt sich von seiner Frau, die gemeinsame Tochter wird zum Spielball
zweier Menschen, die ihre Beziehung nicht auf die Reihe bringen konnten. Der
Vater fährt mit dem 13-jährigen „Kind“ zur Silvester-Feier mit Freunden ins
reetgedeckte Häuschen nach Sylt. Alles könnte schön werden, doch das Mädchen
reift gerade zur Frau. Und das wirft den Erzeuger aus der Bahn, auf der er in
seiner Mittel-Leben-Krise ohnehin schon genug schlingert: die „Auflösung all der
gesellschaftlichen Verabredungen“ in seinem Leben verwirrt ihn nachhaltig.
Da rutscht ihm die Hand aus. Die an sich unbedeutende Ohrfeige markiert einen
gehörigen Wendepunkt im Verhältnis zwischen den beiden Menschen, die sich mit
ihrer Fremdheit und Abhängigkeit voneinander neu arrangieren müssen. Dieser
Prozess wird vorderhand für den Vater zur Abrechnung mit seinen falschen
Gefühlen, seiner zwanghaften Verantwortung und seiner Vergangenheit, in die ihn
die Landschaft, die seine eigene Kindheit prägte, zurückwirft.
Hettche erzählt souverän und zeichnet durchaus glaubwürdige Charaktere, stellt
den ernsthaft Suchenden eine ganze Riege von selbstgerechten, oberflächlichen
und skurrilen Abziehbild-Komparsen gegenüber, deren falsche Zufriedenheit
letztlich nur Gleichgültigkeit ist.
Viele kluge Gespräche
Das zeigt sich auch in den klugen Gesprächen über
alleinerziehende Mütter, ausgebootete Väter, den Niedergang der Buchkultur oder
den Zusammenbruch des Finanzmarktes – ja, das alles muss hier auch vorkommen,
damit eine an sich anrührende, leise Verlust- und Findungs-Geschichte (das
„verdorbene Verhältnis schmerzt“) nicht den Anschluss verliert an Tagesschau und
Feuilleton. Und mittendrin dann leider immer wieder Sätze, nach denen man dieses
Buch auch ins Regal mit den Erziehungsratgebern einordnen könnte: „Erst unser
Versagen gegenüber unseren Kindern richtet sie für das Erwachsenenleben her.“
Man ist froh, wenn Hettche danach wieder wie selbstvergessen eintaucht in die
Insellandschaft, die er erforscht wie ein Kind und zu beschreiben weiß wie ein
Atmosphären durchdringender Maler.
So bleibt dann aber ein ziemliches Unbehagen bei diesem bis in die letzten
Satzwinkel geputzten Buch, in dem die Erinnerungen wie feiner Sand durch die in
Unschuld gewaschenen Hände rieseln, in dem sich die Klischees zur allfälligen
Überprüfung der eigenen Vorurteile einstellen und in dem das versöhnliche Ende
wie das Amen nach einer langen, reinigenden Beichte kommt. Wetten, dass sich
Vater und Tochter schließlich doch wieder anlächeln?
Die vollständige
Besprechung mit Abb. von Bernd Noack finden Sie unter
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