Die Liebe der Fische.
Roman von Steinunn Sigurdardóttir (2006, Rowohlt - Übertragung
Coletta Bürling).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 6.4.2006:

Ein Ungeheuer namens Hans
Steinunn Sigurdardóttirs Roman «Die Liebe der Fische»

Was für eine federzarte und doch sinnschwere Liebesgeschichte. Ein Buch, das man Frauen und Männern gleichermassen ans Herz legen möchte – jenen zumindest, denen das andere Geschlecht ein Rätsel geblieben ist und die es nicht aufgegeben haben, ihm auf die Spur kommen zu wollen. Nicht dass man nach der Lektüre klüger wäre, weiser aber schon. Und auch heiterer. Denn davon, wie Leidenschaft sich gegen alle Vernunft ereignet, wie Frau und Mann zusammenfinden, ohne aneinander zu verbrennen, wie sich aus Zufall und Verwirrung Notwendigkeit und Erfüllung ergeben können, handelt Steinunn Sigurdardóttirs kurzer Roman «Die Liebe der Fische».

Leicht und souverän

Die Isländerin Steinunn Sigurdardóttir, Jahrgang 1950, gehört zu den herausragenden Vertretern einer Literatur, die in den letzten Jahren verstärktes internationales Interesse auf sich gezogen hat. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht mehr die epische Fülle und sozialkritische Dramatik Laxnessschen Erzählens vom Dasein am Ende der Welt, sondern die (postmodern) verspielte und beherzte Art, mit der eigenen Insularität literarisch umzugehen. Sigurdardóttir führt diese neue Generation isländischer Autoren mit an. Ihre bisherigen Romane («Der Zeitdieb», «Herzort», «Der Gletschergarten») verbinden das Neurotische mit dem Liebenswerten, das Schräge mit dem Abgründigen, das Entlarvende mit dem Melancholischen. Sie sind getragen von Witz und Ironie, und nur ein Hang zum Naturlyrischen setzt ihrer Lakonik Grenzen. Bei aller Fortschrittlichkeit ist es in Island nie weit zu den Urgewalten von Himmel und Meer, Land und Wind.

«Die Liebe der Fische», das sind die Erinnerungen der Lektorin Samanta Einarsdóttir an Hans Örlygsson, der sich in ihr Leben drängte, als es am geordnetsten schien. Dreissig war Samanta, Single, gedimmt auf emotionale Mittellage, aufgehoben in der Arbeit und im Freundes- wie Familienkreis. Emanzipiert und tüchtig, vernunftgeleitet und genügsam, wähnt sie sich im Reinen mit sich selbst (als einzige Eskapade übersetzt sie in der Freizeit altindische Liebesgedichte). Umso überraschter ist sie, dass sie, zu Besuch bei Freunden in Edinburgh, Heimweh plagt. An dieser Schwachstelle hakt ihr Landsmann Hans ein, den sie bei einem Besuch des Schlosses kennen lernt. Mehr als zwei Jahre lang wird dieser Mann mit aller Macht da sein, auch wenn er, verheiratet und schliesslich mit Kind, fast immer abwesend ist.

Ein ebenso erratisches wie erotisches Ballett von Anziehung und Abgrenzung hebt nach Samantas Rückkehr nach Island an. Hans bleibt für sie ein Mensch, der sie nichts angeht, und was er in ihr sucht, bleibt unergründlich. Dennoch könnte die Erfüllung im Augenblick nicht grösser sein. Wie eine trollhafte Urgewalt – seine Managertätigkeit wird eher als Witz abgehandelt – pflegt Hans über Samanta zu kommen. Seiner Energie und seinem Esprit, seiner Seelenwucht und Körperlichkeit ist ihre Abwehr nicht gewachsen. Im Irrealen liegt die Intensität dieser Beziehung; die Kälte führt beide näher zusammen, als dies die Hitze vermöchte. Wo die Unmöglichkeit selbst das Aphrodisiakum ist, wird die Trennung zur traumlosen Erfüllung.

Ortlose Trauer

Steinunn Sigurdardóttir lässt die Ich-Erzählerin rückblickend erzählen, als die Arbeit des Begreifens eingesetzt hat und die Gegenwart noch nicht verklungen ist. «Nichts geschieht in dem Augenblick, wo es geschieht. Alles geschieht erst im Nachhinein.» Samanta hat verloren, was sie nie besass. Ortlos wirkt daher ihre Trauer, schwankend zwischen Verwunderung und Dankbarkeit, Trotz und Verklärung. Erst im Nachhinein wird das Denkwürdige Ereignis, als Samanta einen neuen Mann (Melancholiker, geschieden) kennen lernt und sich mit dessen halbwüchsigen Kindern mütterliche Mühsal auflädt. Nun führt sie das Leben, das sie nie wollte.

Noch einmal taucht Hans auf. Mit letzter Kraft weist Samanta ihn ab, indem sie flieht. Wie Hans nach der ersten Nacht seine Sehnsucht in der Autofahrt durch Islands Natur stillte, lässt sie ihren Schmerz ins Elementare fliessen. Sehr lyrisch zeichnet die Autorin diese Seelenlandschaften. Es ist kein Zufall, dass sich Anfang und Ende treffen in diesem von Coletta Bürling stilsicher übersetzten Roman. In raffinierter Motivführung verschlingen sich Tun und Lassen, Offenbaren und Verbergen, Reden und Schweigen. Eine selbstbewusste nordische Stimme ist mit Steinunn Sigurdardóttir zu entdecken. Was in der Liebe nicht aufgeht, davon zehrt das Leben, davon lebt die Literatur.

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