Die Leute
von Seldwyla.
Erzählung von Gottfried Keller (1856).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:
Kein Roman,
sondern ein durch eine lockere Rahmenerzählung zusammengehaltener Erzählungszyklus (nach
dem Vorbild von Bocaccios "Decamerone" oder
Hoffmanns
"Serapiosnsbrüder") gilt mir als Inbegriff realistischen Erzählens. Zwei
Bände mit jeweils fünf Erzählungen (deren bekannteste vielleicht "Romeo und Julia
auf dem Dorfe" und "Kleider machen Leute" sind) sind durch die äußere
Anbindung an den Erzählort verbunden.
Als (durchaus gesunde) Gegenbewegung zur Romantik hatte der Realismus die Absicht, die
Welt nicht abzubilden, wie sie sein sollte oder könnte, sondern wie sie ist. Kellers
Erzählungen (fortgesetzt in den "Zürcher Novellen") folgen diesem Anspruch.
Die Geschichten sind stets pointiert, dramatisch kunstvoll gesteigert und nah an der
Lebensrealität der Abfassungszeit. Sie sind spannend, gelegentlich lustig und kurios,
aber mehr (ihrem eigenen Anspruch zufolge) nicht. Es gibt keinen doppelten Boden, keine
Bedeutung des Textes jenseits des Dargestellten. Geschichten also, die sich kurzweilig und
ohne den Ballast theoriegeladener Überforderung leicht und behaglich lesen lassen. Die
Symbole werden zerstört und auf ihren realen Gehalt reduziert: Eine mit ausgebreiteten
Armen im Schnee liegende Leiche ist eben keine symbolische Kreuzigungsdarstellung, sondern
ein verrecktes Stück Fleisch - mehr nicht.
Die Geschichten Kellers zeigen Menschen in Nahaufnahme: ungeschminkt, unergiebig und
trivial. Nur die Handlung und die Figurenkonstellation sind Grundlage dessen, was der
Leser als "Besonderes" vom Text erwarten darf. Dem Stoff wird durch die Form
nichts wesentlich neues hinzugefügt. Die formende Aufgabe des Schriftstellers ist die der
Mutter, die das große Stück Brot für ihr Kind vorher in genießbare und verdauliche
Häppchen zerlegt - ohne diesen Brotstücken mehr an Gehalt einzureden, als materiell in
ihnen vorhanden ist.
So kann das Lesen dieser Erzählstücke einerseits befreien von dem stark theoretisch
aufgeladenen Schrifttum der Romantik; doch andererseits ist es überfordert, wenn der
Leser von ihm mehr verlangen sollte als nur die Reproduktion der banalen oder gelegentlich
eben auch zufälligerweise kuriosen Alltagswirklichkeit.
Nicht nur Malerei, auch Fotografie kann Kunst sein.
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