Die letzten Dinge von Annegret Held, 2005, Eichborn

Die letzten Dinge.
Roman von Annegret Held (2002, Eichborn).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Versuch mal Rosenöl
Annegret Held erzählt aus dem Inneren eines Altenheims

Erstaunlicherweise ist dies ein Unterhaltungsroman. Nette Leute treten auf (auch ein paar nicht so nette), und es geht um deren Arbeit und was sie danach so machen, um Familienangelegenheiten und Finanzielles, um Sinnliches und in einem Fall auch Übersinnliches, um Körperpflege und darum, wie Menschen eben so sind im Alltag und im Leben - auch und gerade, wenn von letzterem nicht mehr allzuviel übrig ist. Denn der zentrale Schauplatz, an dem alle zusammenkommen, ist ein Altenpflegeheim.

Schon frühere Romane hat Annegret Held in Arbeitswelten angesiedelt. Die Baumfresserin (1999) in einem Sägewerk und Das Zimmermädchen (2003) in einem Hotel. Ein Altenpflegeheim jedoch ist mehr als ein Arbeitsplatz, und das nicht nur, weil hier jeder für mindestens zwei anpacken muss. Es ist, wie jede Pflegeeinrichtung, ein Ort hoher moralischer Verantwortung und darüber hinaus die buchstäbliche Heimstatt des Verdrängten. Man will ja gar nicht wissen, dass (und wie) es irgendwann nicht mehr voran, sondern bloß immer dem Ende zugeht.

Annegret Held jedoch, 43 Jahre alt, Mutter einer Tochter und aus dem Westerwald stammend, ficht das nicht an. Sie erzählt in ihrem Roman Die letzten Dinge vom Pflegeheim nicht als Endstation, sondern als Lebensraum, und schafft es doch, einen hellen, leichten Ton zu bewahren. Was daran liegen mag, dass sie nie innehält, sondern in kurzen Episoden immer zwischen den Figuren und Geschichten hin- und hereilt. Eine gekonnte Handlungsorientiertheit, die in diesem Fall enorme Transportkraft hat.

Protokollieren versus Handeln: ein paradoxes Verhältnis

Die Pflegestation des Altenheims Abendrot im Hessischen. Drei Altenpflegerinnen und vier Hilfskräfte sind hier beschäftigt und für ungefähr ein Dutzend Menschen zuständig. Jedoch: Eine der ausgebildeten Kräfte ist dauerhaft krankgeschrieben; Rosalinde, die Leiterin der Station, kommt vor lauter Bürokratie kaum zum Pflegen; Hilfspfleger Ivy laboriert im Frühdienst oft noch an seinen Nächten in der Schwulenszene; Kollege Kevin ist einen Teil des Buchs im Urlaub und als Kettenraucher ohnehin oft krank, und die italienische Stationshilfe Gianna ist im Wesentlichen mit der Austreibung eines Gespenstes aus der Wäschekammer unterm Dach beschäftigt. So dass, außer der Nachtschwester, oft nur Nadjeschda und Lotta zur Verfügung stehen, eine Schwester aus Sibirien und eine ganz neue Stationshilfe, die eigentlich bloß das Essen austeilen soll.

Pflegenotstand live. Wobei es nicht notwendig ist, das vorwurfsvoll zu betonen.

Auch Absurditäten wie die Tatsache, dass das Protokollieren medizinischer Maßnahmen noch einmal fast soviel Zeit in Anspruch nimmt wie diese selbst, sind selbstverständliche Teile der Geschichte, ebenso wie die ausführlich beschriebenen Pflegehandlungen bei Bettlägerigen und Sterbenden. Erzählt wird auktorial, aber suggestiv aus wechselnden Perspektiven, wobei die Autorin sich im jeweiligen Sprachduktus dicht heranschleicht an die Figuren. Frau Siefert etwa, eine muntere Demente, die sich als "ältestes Sotzbacher Mädchen" vorstellt und stolz darauf ist, einmal bei der Frankfurter Rundschau gearbeitet und Englisch gelernt zu haben. Und die 98-jährige Frau Wissmar, ehemals Personalchefin der Degussa und noch immer (oder wieder) in ihren alten Arbeitszusammenhängen lebend. Auch Jewgeni Schiwrin, ein russisch-jüdischer Ingenieur, dessen Ehe an der Übersiedlung nach Deutschland zerbrochen ist und der jetzt an einem Gehirntumor stirbt. Oder Karl Kurtacker, ein noch gar nicht so alter, bösartiger Rollstuhlfahrer, der nur an Pornos und Überraschungseierfiguren interessiert ist und eigentlich in die Psychiatrie gehört.

Sie alle, die hier in gleichbleibender Eile und Überforderung versorgt werden, bräuchten vermehrten Zuspruch und menschlichen Kontakt, was besonders der neuen Stationshilfe Lotta zu schaffen macht. Aber wenn noch zehn andere auf ihr Essen warten, hat sie einfach keine Zeit zum Händchenhalten, und so verbringt sie zum Ausgleich zumindest die allerletzte Nacht in Frau Wissmars Leben auf deren Zimmer. Wie Lotta da in besorgter Wahrnehmung des nahen Todes Kerzen herbeischafft, schnell nachgeschlagene Gebete aufsagt und die bereits weit Entfernte behelfsmäßig und versuchsweise mit Rosenöl salbt, ist ganz unsentimental erzählt und eine der anrührendsten Szenen des Buches.

Aus einem englischen Liebes-Waterloo ins Hessische zurückgekehrt, versucht Lotta sich ohne Hilfe der Eltern ein Leben aufzubauen und zieht zunächst in eine kleine Dachwohnung des Altenheims, in dem sie Arbeit gefunden hat. Obwohl kontinuierlich auch aus der Sicht Ivys, Rosalindes und Giannas erzählt wird, ist es ihr Erforschen des Pflegekosmos, der mit dem der Leser parallel geht. Emotional sonst nicht gebunden, verliebt sie sich in Ivy, dessen Homo- sich zumindest provisorisch in Bisexualität wandelt. Auch sonst hat der Roman allerhand Entwicklungen zu verzeichnen. Drei Menschen sterben; Erbschleicher bekommen keine Chance. Das Dachkammer-Gespenst wird mit der Hilfe eines Priesters und eines Mediums identifiziert und ausgetrieben. Dem bösartigen Kurtacker wird Nuttenbesuch verschafft, was katastrophal endet. Und Rosalinde erleidet einen Zusammenbruch.

Ein Universum, in dem Not und Absurdität Tür an Tür leben

Zum Schluss steht das gesamte Stationspersonal um ihr Krankenhaus-Bett und referiert das Happy End in allen Bereichen: Das bankrotte Haus Abendrot, das von einem 68-er in idealistischer Absicht gegründet worden war, wird von der Caritas oder der AWO übernommen. Die dauerkranke Kollegin konnte als Simulantin entlarvt und entlassen werden. Lotta hat eine Pflegeausbildung angefangen. Und, und, und - Traumschiffmelodie ab.

Ob die finale Idylle als ironische Zuspitzung der trivialen Elemente gemeint ist oder nur so wirkt, ist kaum zu entscheiden. Der Echtweltgehalt jedoch, der in diesem Roman steckt, wird aufgrund der gefälligen Aufbereitung und Einbettung wohl nachhaltig rezipiert werden. Im Grunde handelt es sich bei Die letzten Dinge um eine literarische Doku-Soap. Was durchweg wertschätzend gemeint ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau