Die Letzten von Katja Lange-Müller, 2000, Kiepenheuer & Witsch1.) - 2.)

Die Letzten.
Aufzeichnungen aus Udos Posbichs Druckerei von Katja Lange-Müller (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Werner Fuld aus Die Welt vom 4.11.2000

Zwischen Heulen und Lachen
Katja Lange-Müller hat ein höhnisches Resümee der DDR-Literatur geschrieben

Wer hätte gedacht, dass der wortlose Willi sich am Ende des Buches als die eigentliche Hauptperson herausstellt, und wer hätte überhaupt geglaubt, dass dieses schmale Buch sich tatsächlich noch zu einem veritablen Roman entwickelt, gerade an dem Punkt, an dem man voreilig schon das etwas verhuschte Ende der Geschichte vermutete? Aber Katja Lange-Müller ist eine trickreiche Erzählerin, die auf kleinstem Raum ein Spiegelkabinett menschlicher Abgründe in Szene setzen kann, dessen Brechungen und Fluchten auf ein sehr weites Feld führen. Obwohl sie scheinbar eine ganz kleine Geschichte erzählt - nicht sie selbst natürlich, sondern Marita Schneider, eine linkshändige Schriftsetzerin, die eigentlich die Worte gar nicht richtig setzen kann und vor geringfügigen Stehsatzkorrekturen kapituliert, denn "selbst für solche Lappalien brauchte ich eine Ewigkeit." Welch hinterhältige Finte sich hinter der Einführung einer im Grund völlig unfähigen Erzählfigur verbirgt, merkt der Leser allerdings erst am überraschenden Ende, und eigentlich sollte man solche Romanschlüsse auch gar nicht verraten, aber hier gilt die Ausnahme von der Regel.

Der Ort der Handlung ist eine kleine private Druckklitsche in Ostberlin Ende der siebziger Jahre. Der Handsatz stirbt gerade aus, nur Vereinszeitungen in winziger Auflage oder Visitenkarten, Hochzeits- oder Traueranzeigen werden hier noch in Auftrag gegeben. Bald sollen auch dies die Satzcomputer erledigen, und der bislang noch geduldete private Kleinunternehmer Posbich hat dann dem bekannten DDR-Weltniveau zu weichen...Fortsetzung

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Die Letzten von Katja Lange-Müller, 2000, Kiepenheuer & Witsch2.)

Die Letzten.
Aufzeichnungen aus Udos Posbichs Druckerei von Katja Lange-Müller (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Nicole Katja Streitler aus Der Standard vom 3.2.2001:

Freak-Show aus der Gutenberg-Galaxis

Statt den mancherorts immer noch ersehnten "großen deutschen Wende-Roman" zu schreiben - den sich Rezensentin lieber gar nicht erst ausmalen möchte -, beliefern uns deutsche Autorinnen und Autoren aus Ost und West nach wie vor mit erzählten Bruchstücken aus dem Leben diesseits, jenseits und nach der Mauer. Und das ist wohl gut so.

Katja Lange-Müller, Bachmann-Preisträgerin des Jahres 1986, führt uns in ihrem jüngsten Buch mit dem schönen Titel Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei in ein völlig weltverloren wirkendes Ostberlin der 70er-Jahre, das aber bloß die Folie abgibt für die Geschichte von vier skurrilen Typen: Die Letzten, das sind Püppi, Fritz, Willi und Manfred, Setzer in Udo Posbichs privater Druckerei, wo noch großteils manuell gearbeitet wird, und damit so etwas wie Dinosaurier des Druckereiwesens, letzte Exemplare einer aussterbenden Art. Wie die Hauptfiguren der Bachmann-preisgekrönten Erzählung Kasper Mauser - Die Feigheit vorm Freund (1988) sind sie allesamt "Verwahrloste", Randexistenzen, die sich nach Feierabend in der örtlichen "Waldschänke" ein paar "Körner" hinter die Binde gießen und ihre existenzielle Einsamkeit durch diverse Fetischismen zu bekämpfen suchen. Die Autorin gefällt sich in der Schilderung der (nicht nur erotischen) Absonderlichkeiten ihrer Figuren, lässt eine veritable Freak-Show vor dem Leser ablaufen, dem - wenn er literarische Light-Kost vorzieht - dieser leicht überhöhte Fettgehalt des Lange-Müllerschen Erzählens nicht allzu gut bekommen wird.

Schätzt er jedoch motivische und formale Gustostückerln, so hat er mit den Letzten einen Text vor sich, zu dem sich wohl auf dem gegenwärtigen Buchmarkt wenig Vergleichbares finden lässt. Das Druckermilieu ist nicht nur Tummelplatz schräger Figuren, sondern auch Ort einer - nicht ganz ernst gemeinten - Reflexion über das Erzählen, Schreiben und Drucken. Dabei kommen postmoderne Versatzstücke wie (fiktive) Briefe, verborgen gehaltene Dokumente und die Erfindung einer Geheimschrift zum (parodistischen) Einsatz.

Der Textaufbau, dem zuweilen etwas Novellistisches anhaftet, geizt nicht mit riskanten Dreifach-Sprüngen. In einer holprigen Unbeschwertheit rattert die Erzählung dahin, zunächst aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Püppi, dann - durch einen artistischen Schwenk und eine Verdoppelung der Fiktionsebenen - aus der Perspektive anderer Figuren, um schließlich wieder bei Püppi alias Marita zu landen.

Der Text überzeugt vor allem durch seine sprachliche Virtuosität. Die Autorin plappert nur so vor sich hin, ist um ein kräftiges Wort oder ein überraschendes Bild nicht verlegen, hat ein gewisses Faible fürs kalauernde Wortspiel und beeindruckt durch eine an Kleist und Bernhard gemahnende Monumentalsyntax.

"Und Posbich beherrschte sich mühsam, denn er zahlte schlecht, weil er, dem Staat und dessen erpresserisch hohen Gewerbesteuern zum Trotze, nun einmal seinen "bescheidenen Makulaturschuppen", wie kein anderer als Fritz Posbichs Laden nannte, mit den alten Maschinen über Wasser, seine Gattin bei Laune und vor allem die eigene, so hart erkämpfte Kleinunternehmerstellung halten wollte, und dazu brauchte er einen guten Maschinensetzer, und der konnte keinen einfachen Charakter haben, sonst wäre er ja nicht bei Udo Posbich gelandet." So ist es.

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