Die letzte Hemmung.
Roman von Nadine Hostettler (2003, Schöffling&Co.).
Besprechung von Gieri Cavelty in Neue Züricher Zeitung vom 23.12.2003:

Spätfolgen
Nadine Hostettlers Roman «Die letzte Hemmung»

Uhrmacher ticken zuweilen anders: In der «Geschichte von BOGS dem Uhrmacher» machte Clemens Brentano den Titelhelden zu seinem Sprachrohr gegen den Zeitgeist des beginnenden 19. Jahrhunderts. Ein Säkulum später vermerkte Peter Kropotkin in seinen «Memoiren eines Revolutionärs»: «Als ich die Uhrmacher des Jura, nachdem ich etwa zwölf Tage unter ihnen geweilt hatte, verliess, standen meine sozialistischen Ansichten fest: Ich war Anarchist.» Wiederum hundert Jahre später nun lässt Nadine Hostettler einen alten Uhrmacher zu Felde ziehen gegen der Dinge Lauf. Mit ihrem ersten Roman, «Die letzte Hemmung», schafft die 1959 in Bern geborene und heute in Zürich wohnhafte Journalistin eben das, was der namenlose Don Quijote im Buch selbst vergeblich zu stiften versucht: Erinnerung an ein bisher kaum aufgearbeitetes Kapitel Schweizer Zeitgeschichte.

Noch für die Personen in Hostettlers Erzählungsband «Fräulein Matter verliebt sich» (2000) bedeutete die Uhrenkrise der 1970er und 1980er Jahre ein Tabu. Wie anders hätten die Bewohner einer vormals blühenden Uhrenmetropole deren rasanten wirtschaftlichen Niedergang zu überstehen vermocht als durch krampfhaftes Wegschauen? «Um nicht wahnsinnig zu werden», hatte sich auch der Protagonist von «Die letzte Hemmung» nach seinem unfreiwilligen Abschied aus der Branche «in das Exil seiner Kreuzworträtsel geflüchtet». Da er jetzt aber erfährt, dass das 150-jährige Bestehen seines früheren, längst auf die Produktion elektronischer Zeitmesser ausgerichteten Arbeitgeberbetriebs ohne die ehemaligen Angestellten und ohne jede Reverenz an die gute alte Mechanikuhr gefeiert werden soll, hält er es für angezeigt, «für unsere Ehre zu kämpfen»: «Wir dürfen uns nicht länger vorschreiben lassen, ob wir eine Geschichte haben oder nicht.» Der Horloger möchte «sämtliche nur erträumbaren Uhren aus früheren Zeiten sammeln», um diese im Rahmen der anstehenden Feierlichkeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Freilich trägt ihm seine «mit über zwanzig Jahren Verspätung wiederentdeckte Entschlussfreudigkeit» überall bloss Unverständnis ein. Von Familie und Freundeskreis bei seiner Unternehmung im Stich gelassen, wird er zum Einzelgänger und droht an seinem Schicksal also doch noch irre zu werden. Dass das Jubiläumsfest schliesslich ohne ihn und seine Kollektion stattfindet, scheint er jedenfalls gar nicht mehr zu bemerken....Fortsetzung

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