Die letzte Fenstergiraffe von Peter Zilahy, 2004, EichbornDie letzte Fenstergiraffe.
Ein Revolutions-Alphabet von Peter Zilahy (2004, Eichborn - Übertragung Terezia Mora, Nachwort von Ingo Schulze).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 2.2.2005:

Ein langer Hals für den Balkan
Der Ungar Peter Zilahy ist ein Sponti des 21. Jahrhunderts: Sein Revolutions-Alphabet "Die letzte Fenstergiraffe" lässt Hoffnung keimen

Diesem Buch nähert man sich am besten vom Buchstaben F aus. F wie Form. Man könnte es natürlich auch mit I versuchen. I wie Inhalt. Aber das wäre schwieriger, um nicht zu sagen, fast unmöglich. Denn während der Inhalt von Peter Zilahys Buch Die letzte Fenstergiraffe ein munteres Durcheinander darstellt, ein Gestöber der Genres, der Ideen, Assoziationen, der Zeiten, Räume und Episoden, ist die Form, in der er diesen Textkaufladen organisiert, so simpel und überschaubar wie möglich. Es ist die Form des Alphabets. Die letzte Fenstergiraffe fängt bei A an, endet bei Z und dekliniert dazwischen sämtliche Buchstaben durch. Ein seltsamer, experimenteller Zwitter zwischen Belletristik und Lexikon.

Nichts wird ausgeschlossen

Man könnte meinen, nichts sei einem literarischen Text entgegengesetzter als der lexikalisch geordnete Text, als beispielsweise ein Telefonbuch, ein Register, ein Archiv, aber für den jungen ungarischen Schriftsteller Peter Zilahy ist offenbar nichts unvereinbar. Der höchst erfolgreiche Künstler und Selbstperformer kennt auch in seiner Werkstatt keine ausschließende Grenzeinteilung. Er hat Gedichte geschrieben und Theaterstücke, er betätigt sich als Maler, als Fotograph und Dokumentarfilmer, er ist nach eigener Auskunft Internet-Junkie, die in viele Sprachen übersetzte Letzte Fenstergiraffe präsentiert er auch als Multi-Media-Show auf der Bühne, und wenn stimmt, was in einer kanadischen Zeitung zu lesen war, tritt Peter Zilahy auch in einer Rockband auf, die den Namen eines seiner Bücher trägt.

Zilahy ist als Künstlertyp ein Kind des 21. Jahrhunderts. Für ihn zählt nicht die Autonomie der Künste und Medien. Für ihn zählt ihre Vernetzbarkeit, die Übertragbarkeit des Materials und seine Bearbeitung in unterschiedlichen ästhetischen Aggregatzuständen. Er wurde 1970 in Budapest geboren. Ein Jahr später kam in Ungarn ein Kinderlexikon auf die Welt, mit dem ungarische Kinder seitdem aufwachsen, auch der in den Sozialismus hineingeborene Peter Zilahy. Das Lexikon, das die ganze Welt erklärt, heißt auf ungarisch "Ablak-Ziraf", weil es eben mit "Ablak", auf deutsch "Fenster", anfängt und bei "Ziraf" wie "Giraffe" aufhört.

Peter Zilahys Buch aber ist diesem Kinderlexikon nicht nur im Namen und der alphabetischen Gliederung nachempfunden, sondern auch in Illustration und Typographie: Der Text verläuft in zwei Kolonnen und er ist durchbrochen von zahlreichen Bildern, von kleinen Fotos, Vignetten, Strichzeichnungen. Auf Seite 74 beispielsweise findet sich die Zeichnung eines mittelalterlichen Ritters, auf Seite 74 ein gemaltes Tennismädchen im Look der 60er Jahre, auf Seite 35 die Fotographie eines orientalischen Teppichs, und so weiter. Schaut man genauer hin, gibt es unter diesen kleinen Illustrationen ein Motiv, ein fotografisches Sujet, das immer wiederkehrt: Die Reihen serbischer Regierungspolizisten. Reihen ihrer Stiefel, ihrer Helme, ihrer Schutzschilde Von diesem Sujet aus findet der Leser von F wie Form zu I wie Inhalt.

Denn das scheinbare Erzähl- und Reportagekunterbunt gruppiert sich um ein Sinnzentrum, um einen historisch-politischen Punkt, um die Belgrader Demonstrationen im Herbst und Winter 1996 und 1997 gegen das Milosevic-Regime. An den Protesten nahm Peter Zilahy als Beobachter und als politisch Engagierter teil. Diesem Winter der politischen Hoffnung und der politischen Courage entspringt ein Großteil der Episoden, Eindrücke und Erzählsprengsel der Letzten Fenstergiraffe. Aber was noch wichtiger ist: dem Geist des Widerstands verdankt dieses Buch seine Ästhetik der Freiheit.

Wie die Belgrader Demonstranten im Winter 1996/1997 bewiesen, dass es möglich ist, sich gegen das System Milosevic aufzulehnen, dessen ethnische Barbarei das serbische Volk in den Augen der Welt diskreditierte, so zeigt Zilahy mit seinem Buh, welch enorme dadaistische, spielerische, popartige Freiräume ein System wie das des Alphabets zulässt. Er erfindet ein narratives Anti-System, in dem es, von der lexikalischen Reihenfolge abgesehen, keine festen Regeln gibt und jederzeit alles möglich ist. Am Ende eines Satzes weiß der Leser keineswegs, womit es im nächsten weitergeht. Der Autor springt durch die Zeiten und Epochen, er behandelt Bagatellen aus der eigenen Kindheitsgeschichte mit dem gleichen basisdemokratischen Gewicht, mit dem gleichen Ernst wie Großereignisse der Zeitgeschichte. Er verschränkt den höchst persönlichen Erlebnishorizont mit der Historie des Balkans, und er tut dies in einer Haltung, die schon bei der deutschen Linken ideologischen Zement aufweichte: In der Haltung des echten Spontis.

Im Untertitel nennt sich das Buch ein "Revolutions-Alphabet" und darunter steht: "ab fünf Jahre". Das muss man nicht ganz ernst nehmen. Fünfjährige dürften von diesem alles in allem doch recht komplexen und raffinierten Buch überfordert sein. Dennoch darf sich Die letzte Fenstergiraffe mit einem gewissen Recht ein Kinderlexikon nennen, denn Peter Zilahy erzählt, wie Kinder erzählen, sprunghaft, unhierarchisch und disproportional. Anders gesagt: Kindererzählungen sind Ausdruck von Turbulenz, keineswegs reiner Anarchie. Zwischen dem einen und dem anderen Erzähleinfall gibt es durchaus assoziative Verbindungsstücke. Nur können diese eben sehr dünn sein. Genau genommen, besitzt Peter Zilahys Buch nicht nur den Geist, sondern auch das politische Modell der Belgrader Studentendemonstration.

Angenehm abgekühlter Ton

Sie entstanden aus politischer Unruhe und verliefen turbulent. Aber sie entglitten nicht ins Anarchische. Viele Wochen lang standen sich Regierungspolizei und demonstrierende Bevölkerung frontal gegenüber, jederzeit auf eine plötzliche gewaltsame Aktion der Gegenseite gefasst, zu der es aber nicht kam (wie zu letzt im ukrainischen Kiew). Klappt man Peter Zilahys Fenstergiraffe amüsiert und belehrt endlich zu, weiß an zwar nicht so hundertprozentig, was man eigentlich alles gelesen hat, aber man weiß, dass hier von einem postmodernen Epiker ein unpathetischer, abgekühlter Ton getroffen wurde, der die Geschichte Ex-Jugoslawiens und Geschichte generell nicht nur als Scherbenhaufen aussehen lässt. Sondern als Haufen, in dem sich Scherben des Utopischen finden lassen. Welcher Utopie? Das ist so einfach und genau nicht zu sagen. Eines aber steht für dieses Buch fest: Es gibt noch Fenstergiraffen, und es ist gut, an sie zu glauben, an diese langhalsigen, gescheckten Allegorien der Hoffnung.

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