Die Legende von den Tränengauklern von Laszlo Darvasi, 2001,SuhrkampDie Legende von den Tränengauklern.
Roman von Laszlo Darvasi (2001, Suhrkamp - Übertragung Heinrich Eisterer).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 16.4.2002:

Weißmagisches Welttheater
Lászlo Darvasis "Legende von den Tränengauklern"

Noch die Wasserleichen machen Jagd aufeinander. Die eine wirbelt hinter der anderen her in einen Strudel, reißt sie mit sich in einen flachen Flussarm, und zuweilen halten sie sich traut in den Armen wie ein Liebespaar, ungeachtet manch sichtbaren Mangels - eines fehlenden Fußes, Armes oder auch Kopfes. Verhaken sie sich dann am Ufer, gibt man ihnen besser einen Schubs, statt sie zu bestatten. Denn der Kadi erhebt auf jeden Kadaver eine Steuer. Wer noch lebt, hat es auch nicht leicht. Zumal er seines Lebens zu keiner Zeit sicher ist. Marodierende Horden ziehen durch das Ungarn des 16. und 17. Jahrhunderts - ungarische Söldner, osmanische, habsburgische, tartarische, siebenbürgische und solche, die ihr Vaterland über dem Morden und Brennen ganz vergessen haben. "Aus dem Wehgeschrei bilden sich Eiszapfen", heißt es einmal in Lászlò Darvasis großartigem Roman Die Legende von den Tränengauklern.

Darvasi erzählt von der wohl unruhigsten Periode ungarischer Geschichte. 1526 besetzen die Osmanen das Zentrum des Landes, und die Siebenbürgener verbünden sich mit dem prächtigen Padischah. Den Habsburgern, die West- und Oberungarn halten, gelingt es erst 1686, Buda zurückzuerobern, drei Jahre, nachdem sie die Türken vor Wien abgewehrt haben. Doch Darvasi entwirft keine Schlachtengemälde, und ein historischer Roman, der die militärischen Händel im Spiegel des Ränke- und Liebesspiels hochgestellter Persönlichkeiten zeigt, ist seine Sache auch nicht. Er folgt dem Schicksal von Franz Pillinger von der Geburt 1659 bis zur Erstürmung Budas.

Pillinger ist ein Schützling der Tränengaukler, ohne die die Menschen in jenen Jahrzehnten wohl verzweifeln müssten. Die Schausteller ziehen durch Mitteleuropa mit einem klapprigen Wagen, dessen Plane ihr Wahrzeichen ziert: eine Träne. Jeder von ihnen vergießt sie auf andere Weise: Der Ungar weint schwarze Steinchen, der Jude Blut, der Serbe feurigen Honig, der Kroate Eisstücke, der Moslem Spiegelscherben.

Wer so trauert, ist über die Sentimentalität hinaus. Ohnehin muss die multiethnische Eingreiftruppe mit ihren Kräften und Wundern haushalten, reichen sie doch längst nicht aus, um das allgegenwärtige Leid zu beenden. Nur wenigen können sie beistehen, und so versetzen die seltsamen Schausteller ihr Mitleid mit ironischer Distanz, wenn sie tatkräftig für die Geschundenen eintreten. Manche retten sie durch ihre Fähigkeit, sie unsichtbar zu machen. Oder halten an den Beinen fest, wen die Feen in ihr Reich hinüberziehen wollen. Andere beschirmt allein ihr wachsamer Blick. Wer sich ihnen aber widersetzt, wird mit Honig verbrannt oder muss in einem Spiegel seine Zukunft erblicken.

Franz Pillinger entscheidet sich, kaum erwachsen, für die Soldatenlaufbahn und wünscht die Tränengaukler zum Teufel. Das bezahlt er mit Schwermut, dann mit einer Beschneidung im Kampfgetümmel, schließlich mit dem erstaunlichen, weil plötzlichen und blutlosen Verlust seines Gliedes - und vor allem damit, dass seine Person über weite Strecken in der großen Schar der übrigen Tränengauklerschützlinge aus dem Blick gerät. Statt seiner tritt etwa ein Agent der Osmanen auf, ein schöner Mann und der Welt bester Spion, seit er seine Konkurrenten auf einfallsreiche Weise umgebracht hat. Weil Josef Bezdan nichts mehr als die Lüge fürchtet, schweigt er und lässt seine Gesprächspartner in seinem Blick lesen. Bezdans Auftraggeber ist Pascha Achmed, der, seit er in Ungarn lebt und dem Blick einer Haremssklavin erlegen ist, von entsetzlichen Kopfschmerzen geplagt wird. Seine Heilung verdankt er auf verwickelte Weise einer Träne - wem auch sonst.

Dann gibt es noch den Zwerg Luigi Escapolo Firabolla, der den Traum eines jeden Venetianers träumt: die vollkommenste Gondel der Welt zu bauen. Und Rabbi Mikhel, der die Bewohner seines Dorfes immer wieder auf Wanderungen führt, um sie vor den Kosaken sowie russischen, polnischen, schwedischen und ungarischen Söldnern zu schützen, bis eines Tages nur mehr er und sein Schüler zurückkehren. Und den Tischler Ignác Arnót, der sich für zehn Tage in seine Werkstatt einschließt, einen furchtbar anzusehenden Teufel schnitzt und einen Scheiterhaufen errichtet, um das Böse ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Als Arnót dessen vollendete Verkörperung auf seinem Rücken über den Hof trägt, damit der Huf nicht die Erde berührt, stürzt er kurz vor dem Feuer in den Schnee. Der Teufel reckt triumphierend seine Glieder, spuckt in die Flammen und lässt Arnóts Haus in Flammen aufgehen.

Holz wird lebendig, Feen rauben Menschen, die Erdfee vergnügt sich himmlisch mit allen fünf Tränengauklern, und die Menschen aus dem Grenzgebiet zwischen der Walachei und Moldawien sterben zweimal, weil hier auch die Sonne zweimal aufgehen muss, um sich gegen die Nacht durchsetzen zu können. Mühelos hebt Lászlò Darvasi die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung, Lebenden und Toten, Alltag und Wunder auf.

In seinem Erzählungsband Das traurigste Orchester der Welt (deutsch 1995) hüllte er die postkommunistische Depression in Archaismen. Die Legende der Tränengaukler dagegen präsentiert die Historie als unabwendbare Gegenwart. Mit unerschöpflicher Phantasie fügt Darvasi kurze, prägnante Szenen mit hartem Schnitt aneinander. Wie in einer Chronik erscheinen alle Personen gleich wichtig - Herrscher und Beherrschte, Tote und Lebende, Menschen und Feen. Erst nach und nach treten Erzählstränge hervor, die souverän diskontinuierlich und immer überraschend wieder aufgenommen und fortgeführt werden. Die 27 Lebensjahre Franz Pillingers weiten sich zu einem Palimpsest, gewebt aus 160 Jahren osmanischer Besetzung.

Das Panorama der Gewalt entstand möglicherweise unter dem Eindruck der Jugoslawienkriege: Der Roman erschien 1999 in Ungarn. Unter anderem enthält er eine ausführliche Anthologie von Todesarten. Leider sind nur die wenigsten Henker so diskret und umsichtig, dass ihre Opfer "erst nach Tagen bemerken, dass sie nicht mehr leben." Auch das ehrenwerte Los, den eigenen Tod träumen zu dürfen, kommt nur wenigen auserwählten Glücklichen am Hof des Sultans zu. Manch Ruchloser wird im Speichel tollwütiger Hunde ertränkt.

"Das Elende gedeiht in erlesenster Form", und Darvasi versieht es zudem mit herber Ironie, wenn er den unaufhaltsamen Aufstieg von "häufig ausspuckenden Kuhhirten" in den ungarischen Adel an Hand von folgendem begabten Menschen belegt: "Istvan beispielsweise ist bereits der größte Weintrinker Siebenbürgens, was zweifellos eine beachtliche Leistung darstellt. Ein Mann von hervorragenden Eigenschaften. Zeit seines Lebens hatte er nie an einem Kater zu leiden, er schaffte es immer, ihm zuvorzukommen".

Selbst wer die Tränengaukler niemals gesehen hat, erkennt in der Kunde von ihnen das Prinzip Hoffnung. Sie gehören zu den 36 Gerechten, die in jeder Generation das Leid auf sich nehmen, "damit die Menschheit nicht mit einem einzigen Wehrschrei in ihrer eigenen Schuld versinkt". Von dieser alten talmudischen Vorstellung erzählt Darvasi auf vertrackte Weise: Die Schergen des Sultans scheren den Weltspion Josef Bezdan kahl, untersuchen Haar für Haar, die ihm als Gedächtnismagazin dienen, und finden in einem die "zeitlose islamische Legende" von den 36 Gerechten.

Wer Haarspaltereien so greifbar vorführt, der vermag Tote zum Leben zu erwecken. Selbst das Abstrakteste, das Geld, bindet Darvasi an die Wahrnehmung zurück, wenn er die Zahlungen der Franzosen an eine der Kriegsparteien mit den Worten charakterisiert: "ferner besteht eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit der Zuwendung darin, dass sie dem Auge immer mehr erscheint, als sie sich in der Hand anfühlt". Diese Poetologie des anschaulich Konkreten beglaubigt noch das Wunderlichste und schenkt ein überwältigendes Leseerlebnis. Die Legende der Tränengaukler ist ein grandioses Welttheater.

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