Die Lebenspraktikanten von Nikola Richter, 2006, S.FischerDie Lebenspraktikanten.
Roman von Nikola Richter (2006, S. Fischer).
Besprechung von Katharina Bendixen aus dem titel-magazin vom 09.04.2006:

Generation Praktikum
Arbeitslos und Spaß dabei? In Nikola Richters "Die Lebenspraktikanten" gibt es keinen Spaß, sondern nur Frustration, ergebnislose Bewerbungsgespräche und Dauerpraktika.

Sie heißen Nils, Jasmin, Linn, Viktor, Anika, Chris und Giulia. Sie absolvieren Praktika, nehmen befristete Stellen an, ziehen in andere Städte, sind von ihrem Partner getrennt, bekommen ein Kind, gehen für ein Jahr nach Indonesien oder sind dagegen. Die Lebensläufe der exemplarisch dargestellten jungen Menschen sind lose miteinander verknüpft, Linn ist mit Viktor zusammen, Anika mit Chris, und alle sind irgendwie befreundet oder tun zumindest so. "Die Lebenspraktikanten" aus Nikola Richters Buch – ja, was ist es überhaupt? ein Roman? Erzählungen? ein Bericht? ein Sachbuch? – haben studiert und sind nach Abschluss ihres Studiums als hochqualifizierte, doch trotzdem arbeitslose Absolventen vor allem eines: frustriert. In einzelnen Kapiteln beschreibt Richter mal die Jobsuche des einen, mal den Elternbesuch eines anderen, mal die Beziehungsprobleme von zweien oder dreien oder auch mal die Frustrationen von allen Praktikanten zusammen.

Natürlich trifft Richter mit ihrem Buch einen wunden Punkt: Es ist heutzutage nicht mehr einfach, nach dem Studium eine passende Stelle zu finden. Doch krankt ihre Darstellung an zwei Dingen: Erstens bedarf die Erkenntnis, dass viele Studenten und Absolventen sich als unbezahlte Praktikanten ausbeuten lassen, eigentlich keines Buches (zumindest keines solchen). Die Zielgruppe, für die Richter "Die Lebenspraktikanten" offensichtlich geschrieben hat, ist sich des Dilemmas sehr wohl bewusst. Und zweitens ist die Beschreibung dieser eigentlich nicht beschreibungswürdigen Problematik derart plakativ und unreif, dass sich wohl kein Dauerpraktikant ernst genommen fühlt.

Deplazierte Pseudoerkenntnisse

"Weil sich alles in ihrem Leben ständig ändert: der Blick aus dem Fenster, der Bäcker, die Versicherung, das Lieblingskino, die Vorwahl, um nach Hause zu telefonieren, die Arbeitskollegen, muss sich eigentlich auch die Beziehung ständig ändern." heißt es altklug an einer Stelle. An einer anderen liest man: "Und sie darf nie vergessen, wie ein glücklicher Mensch auszusehen. Dabei versucht sie, so selten wie möglich ihre Lippen zusammenzupressen, um die Faltenbildung minimal zu halten. Sie benutzt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr eine Tagescreme mit Lichtschutzfaktor 15 und Vitaminkomplexen. Sie möchte möglichst lange jung wirken, weil die Jungen, wie sie glaubt, mehr Chancen haben." Derartige Aphorismen und Feststellungen, die das gesamte Buch durchziehen, wirken pseudophilosophisch und deplaziert, weil sie nichts aussagen – weder über die sogenannte Generation Praktikum noch über das Lebensgefühl der einzelnen Protagonisten in Richters Beschreibungen.

Dem Buch fehlt aber nicht nur eine nachvollziehbare Motivation und eine dem Thema angemessene Bearbeitung, sondern auch ein roter Faden. Wenn einer der Protagonisten für die Darstellung nicht mehr interessant scheint, wird von ihm plötzlich nicht mehr gesprochen, und wenn die dargestellten Personen nicht mehr ausreichen, wird einfach der nächste frustrierte Absolvent herbeigezaubert, von dem im folgenden Kapitel gesprochen wird. Einige Logikfehler führen das Buch zusätzlich ad absurdum: Beispielsweise möchte Linn, die zu jeder Tagung und zu jedem Kongress fährt, bei denen sie hofft, potentielle Arbeitgeber zu treffen, nach der Rede eines Firmenchefs mit ihm sprechen, bloß leider hat sie aufgrund der schlechten Technik die Rede akustisch überhaupt nicht verstehen können. Auf der nächsten Seite erinnert sie sich jedoch auf einmal wieder an sämtliche Einzelheiten, von denen der Redner gesprochen hat.

Giulia dagegen möchte endlich ihre Nachbarn und Hausbewohner des teuren Hauses kennen lernen, in das sie eingezogen ist, nachdem sie doch eine Stelle bekommen kann. Sie kann nun sogar heizen, die unbezahlten Dauerpraktikanten können das nicht, sie müssen im Winter frieren und im Anorak in der Wohnung essen und schlafen. "Sie fragt sich, ob es eine Abmachung gibt, bis zu welchem Tag nach einem Geburtstag man 'nachträglich' gratuliert, bis wann man sich 'nachträglich' begrüßen kann. Für alles gibt es schließlich irgendwelche Konventionen." Für Bücher über Lebenspraktikanten offensichtlich nicht. Schade.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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