Die Last des Erinnerns von Wole Soyinka, 2001, PatmosDie Last des Erinnerns.Was Europa Afrika schuldet - und was Afrika sich selbst schuldet.
Essays von Wole Soyinka (2001, Patmos - Übertragung Gerd Meuer).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs aus der Frankfurter Rundschau, 27.9.2001:

Die Haltung des sanften Tigers
Ein Pragmatiker als Kämpfer: In seinem Buch "Die Last des Erinnerns" macht Wole Soyinka neue Vorschläge für die Versöhnung Europas und Afrikas.

"Was mich fasziniert, ist der Versuch, in die Substruktur der offensichtlichen Realität einzudringen", bekannte der 1934 geborene nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka in seiner Dankesrede für den Literatur-Nobelpreis 1986. Von der Faszination, mit den Mitteln der erzählenden Prosa und des Theaters die Wirklichkeit in ihrer Mehrschichtigkeit darzustellen, legen seine Romane (wie etwa Aké und Die Ausleger), seine Essays und seine (in Nigeria wesentlich populäreren) Theaterstücke Zeugnis ab. In seinem neuen Buch nun, das gegen den Gedächtnisschwund der Völker geschrieben ist, die in der Kolonialisierung Afrikas Schuld auf sich geladen haben, zeigt sich dieser Kämpfer für den menschlichen Geist vor allem als Pragmatiker, als einer, der konkrete und spekulative Vorschläge für die Durchsetzung des Humanen macht. Sein zentrales Anliegen ist die moralische und finanzielle Wiedergutmachung begangener Verbrechen.

Unglückseligerweise setzen die Herrscher Afrikas genau diese Linie gegen ihre eigenen Völker fort: "Es gibt Momente, in denen es fast so scheinen will, als ob es eine teuflische Kontinuität (und Unvermeidlichkeit?) in all dem gäbe - man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, als stelle das Verhalten der heutigen (internen) Sklavenhändler lediglich das hartnäckige Herniederstürzen einer noch ungesühnten Vergangenheit dar."

Gegen die vorschnelle, an die Europäer gerichtete Versöhnungsgeste der Afrikaner und gegen ein Kleinreden oder gar Verschweigen des massiven staatlichen Terrorismus in den eigenen afrikanischen Staaten, beharrt Wole Soyinka auf einem kontinuierlichen Durcharbeiten der Geschichte und des gegenwärtigen Geschehens. Damit meint er die Greueltaten im Namen von Rassismus und Kolonialismus und die terroristische Willkür afrikanischer Herrscher (exemplarisch in den Morden Bokassas und Idi Amin Dadas). Wole Soyinka nennt sie "imperiale Kindermörder" und "praktizierende Kannibalen" in der "Machtlandschaft eines Kontinents" und berichtet von der Schwierigkeit, sich Gehör zu verschaffen, wenn man die tatsächlichen Taten und das ganze Ausmaß der Perversion darlegt. Hier ist er denn auch bereit, die Rolle des Dichters zugunsten von Gerichtsverfahren (als Dokumente einer direkten Realität) hintan zu stellen.

Wahrheitsfindung, die Verbreitung der Wahrheit, Wiedergutmachung der begangenen Verbrechen - und dann erst die Geste der Versöhnung: das ist die Reihenfolge, für die Wole Soyinka in diesem Buch kämpft. Versöhnung und Wiedergutmachung (auch wenn sie Entschädigung einschließt), lehnt Soyinka ab, sofern sie bloß "kathartische Befriedigungen" und vulgäre materielle Kompensationen sind und dem Wunsch folgen, Geschehenes möglichst schnell vergessen zu machen. Der Dichter verkörpere die Stimme des Volkes und müsse die Bürde des Erinnerns tragen.

Hier bringt Wole Soyinka auch Léopold Sédar Senghor als einen Dichter ins Spiel, der eine Brücke zu schlagen versuchte zwischen denen, die größten Wert auf das Erinnern legten, und denen, die das Geschehene in der Geste der Versöhnung auf etwas Neues hin transzendieren wollten. Dass Wole Soyinka keineswegs das Versöhnungswerk und die Dichtung des früheren senegalesischen Präsidenten ablehnt - auch wenn er ein ganz anderer Typus eines "writers und fighters" ist -, konnte ich vor einigen Jahren selbst erleben, als er in der Rolle eines Ehrengastes zum Internationalen Festakt zu Senghors 90. Geburtstag im großen Saal der UNESCO in Paris auftrat. Seine frühe aggressive Haltung gegen Senghors "Négritude", die einer "Tigritude", der Haltung eines Tigers, zu weichen habe, tat er mit einem Lächeln ab, weil er weiß, dass die Strategien des politischen Kampfes heute andere sein müssen.

Seine Fragen lauten jetzt: Wo haben die Wahrheitsfindung, die Wiedergutmachung und Versöhnung anzusetzen? Wie viele geistige Reserven gibt es eigentlich noch in Afrika für Vergebung und Transzendierung der Geschichte? Vermag die Sühnung begangenen Unrechts den Sieg des Rechts sicherzustellen? Wie lässt sich die privilegierte Stellung derer aufbrechen, die an Greueltaten beteiligt waren und sind?

Soyinka fragt, was denn daran vermessen oder ethisch unzulässig sei, wenn der weißen Bevölkerung Südafrikas eine allgemeine Steuer (als Buße und Wiedergutmachung für die Jahre der Apartheid) auferlegt würde. Allerdings sei dies weniger als konkreter Vorschlag zu verstehen, vielmehr als eine Übung in Spekulation, ein Ausprobieren möglicher Wege zur sozialen Aussöhnung. Ebenso habe er einmal vorgeschlagen, die versklavenden Nationen sollten einfach die Schulden Afrikas erlassen. Im Gegenzug würde Afrika die nicht in Zahlen zu bemessende Ungerechtigkeit erlassen, die dem Kontinent angetan wurde - freilich auch dies ein Vorschlag, der nicht direkt umsetzbar ist und auch insofern etwas schief ist, da ja nicht die Regierungen, sondern die Völker versklavt wurden. Dennoch würde der Erlass nationaler Schulden die Chance eines Neubeginns beinhalten, um das "Jahrhundert der Globalen Annullierung" einzuleiten. Wiedergutmachung diene als eine überzeugende Kritik der Geschichte und somit als ein "starkes Hemmnis gegen Wiederholung".

Wole Soyinka orientiert sich bei seinen Forderungen und Vorschlägen vor allem an der moralischen und finanziellen Wiedergutmachung der Holocaust-Opfer, ein Projekt, das auch deswegen für Afrika von größter Bedeutung sei, weil es das begangene Unrecht vor der ganzen Welt dokumentierte. Die globale Lösung also, die Soyinka anstrebt, vereinigt all die vielen einzelnen Schritte - wie die Rückführung der ins Ausland geschafften Reichtümer der afrikanischen Gewaltherrscher und der Kunstschätze, also: der postkolonialen Beute, und des finanziellen Ausgleichs für die Ausbeutung Afrikas durch die Industrienationen - mit einer ganzheitlichen Neuorientierung in unserem Blick auf die sogenannte Dritte Welt, die wir fortan mit mehr Achtung und Respekt, statt mit Mitleid, wahrnehmen sollten.

Einen solchen Blick wird aber nicht nur die Berichterstattung - sofern sie sich der Wahrheitsfindung verpflichtet fühlt - schärfen, sondern vor allem auch die afrikanische Kunst und Literatur. Wole Soyinka - als Botschafter einer reichen und von größter Vielfalt geprägten Kunst und Mythologie, zum Beispiel seines Volkes, der Yoruba - kommt in diesem Band leider zu kurz. Aber gerade an solchen Stellen - wenn er etwa den "Prozess der Wahrheit und der Versöhnung" als einen "symbolischen Bogen" bezeichnet, unter dem sowohl Opfer als auch Täter hindurchschreiten müssen, "um geistig geheilt" zu werden - gewinnt sein Anliegen an Durchsetzungskraft.

Insgesamt wird man in diesem Buch den Literaturnobelpreisträger und Autor des Romans Aké nur schwer wiedererkennen. Dazu sind die Texte inhaltlich zu stark an einer Programmatik orientiert und formal zu eng noch an die Anlässe von Vorträgen und Interventionen gebunden. So ist denn Die Last des Erinnerns weniger ein komponiertes Buch als vielmehr ein bedeutender politik- und gesellschaftskritischer Kommentar, der nur phasenweise die der Dichtung eigenen Möglichkeiten, mit Sprache zu überzeugen, einsetzt. Gerade die literarisch verdichteten Schlusspassagen des Buches offenbaren, dass diese Chance hier zu wenig genutzt wurde.

Wole Soyinkas erklärtes Ziel in diesem Buch ist es, das Erinnern zu stärken, aber statt zur Rache aufzurufen, Wiedergutmachung zu fordern, um so das erlittene kollektive Trauma zu heilen und ein lebenswertes, zukunftsfähiges soziales Gefüge wiederherzustellen. Nur so kann deutlich werden, dass Afrika im Herzen dessen beheimatet ist, was wir den geistigen, kulturellen und zivilisatorischen Prozess nennen.

Es ist zu hoffen, dass eines Tages auch wieder Afrikaner ohne schlechtes Gewissen die Schönheit Afrikas preisen können, so wie es europäische Schriftsteller tun, etwa Ryszard Kapuscinski bei seinem Aufenthalt in Ghana: "Vor allem anderen fällt das Licht auf. Überall Licht. Überall Helligkeit. Überall Sonne."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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