1.) - 2.)
Die
Landstrasse.
Erzählungen von Regina
Ullmann (2004, Nagel & Kimche).
Besprechung von Dorothea
Dieckmann in der Neue
Züricher Zeitung vom 23.10.2007:
Gold und Stein
Erzählungen von Regina Ullmann – und
ein Roman über sie
«Träger Deiner selbst und so vieler Kräfte über Dich hinaus», so charakterisierte Rainer Maria Rilke «Die Landstrasse» in einem Brief, mit dem er Regina Ullmann 1921 zum Erscheinen ihres zweiten Erzählungsbandes gratulierte. Die Formulierung mag ein Doppeltes andeuten. Einerseits reflektieren viele der Geschichten dieses Bandes das von mächtigeren Kräften beherrschte und verwundete Dasein der Verfasserin, anderseits beweist ihre Poesie einen divinatorischen Zugang zu den Kräften jenseits der Sprache.
Zurückgeblieben, stotternd, schielend, lernschwach; früh vaterlos; dem erstickenden Einfluss der Mutter bis zu deren Tod unterworfen; früh schwanger von zwei Männern und gezwungen, die Töchter heimlich zu gebären und fortzugeben; zeitlebens mit materiellen, schliesslich lebensbedrohlichen politischen Umständen kämpfend – das sind die Vorzeichen des Schreibens von Regina Ullmann, der 1884 in St. Gallen geborenen, in München aufgewachsenen Jüdin mit dem österreichischen Pass, die eine überzeugte Katholikin wurde und, in Verkennung der Gefahr, erst im letzten Moment in ihr Herkunftsland entkam, bevor es jüdischen Flüchtlingen die Zuflucht verwehrte. In all der entsetzlichen «Zusammenhangslosigkeit» überdauerte eine Konstante: die Nähe zum Unbewussten, die sich als Sprachversagen und Erleuchtung gleichermassen äusserte.
Im Schwebezustand
Kaum zu überschätzen ist für ihre, ja vielleicht alle Dichtung die Aussagekraft einer Kindheitsepisode, die Ullmann mehrfach aufgezeichnet hat. Das scheinbar legasthenische, stets an seiner Langsamkeit scheiternde Mädchen gibt mit einem Mal das beste Diktat ab, denn der Gewinnerin winkt ein goldener Griffel; in dem mit Goldpapier umwickelten Stift sieht sie das Werkzeug, «mit dem die Engel im Himmel schreiben». Die liebevoll bemühte Lehrerin aber schimpft sie wegen der jahrelangen «Täuschung» aus. Regina Ullmann hat den goldenen Griffel nie gewonnen. Doch es hat andere gegeben, die jenes Gold zu heben halfen, das sie «in einen geistesabwesenden Zustand versetzte» – zuallererst der treue, respektvolle Helfer Rilke, der ihr Freundinnen, Verleger und Geldgeber vermittelte.
Etwa die junge Freundin von Lou Andreas-Salomé, Ellen Delp. Mit der späteren Biografin hat Ullmann gegen Lebensende ihre Werke herausgegeben, aus denen später eine Werkausgabe und eine Auswahl der Erzählungen zusammengestellt wurden. Doch stets ist der Schriftstellerin nur, wie ihr Hesse schrieb, «die höchste Anerkennung einer kleinen Elite, nicht aber die der Welt» zuteilgeworden. Die Neuausgabe der ursprünglichen Sammlung jener elf Erzählungen, die nach dem ersten Band von 1912, «Von der Erde des Lebens», zustande kamen, folgt dem Wunsch, sie möge «den Nachgeborenen nicht verlorengehen», mit dem Peter Hamm sein Nachwort schliesst – einen Aufsatz, der die Bezüge zu Stifter und Gotthelf, zu Gertrud Kolmar und Adelheid Duvanel andeutet, die Assoziationen an Kafka und, natürlich, die Verwandtschaft zu Robert Walser.
Unbedeutend sind sowohl die Erzählanlässe – eine Rast auf der Landstrasse, ein Erdbeerendiebstahl, eine Weihnachtsvisite, ein Zirkusbesuch – wie auch die Gestalten: die umherirrende Schwangere, der Alte, der Knecht, die Tagelöhnerin, der Bucklige. Mit ihnen führt die Lektüre in einen Schwebezustand zwischen Einzelheit und Transzendenz, Rohem und Geformtem, kindlicher Diesseitigkeit und tiefen Horizonten. «Sommer, aber ein jüngerer Sommer als dieser; ein Sommer, an Jahren noch gleichaltrig mit mir, war damals. Ich war zwar dennoch nicht froh, nicht von Grund auf froh, aber ich musste es sein in der Art, wie alle es sind. Die Sonne zündete mich an [. . .] Eine unheimliche Landstrasse war das. Eine allwissende Landstrasse. Da ging nur, wer in irgendeinem Sinne allein gelassen worden war.» So beginnt die Titelerzählung. Ullmanns seherische, durch (mit Rilkes Wort) «Gewährenlassen» schwer errungene Naivität öffnet die Sprache hin zu einer neuen Erzähllogik; man betritt mit ihr keine magisch überhöhte, sondern eine unmittelbar spirituelle Welt.
Die katholische Motivik von Leid und Mitleid, kreatürlicher Unschuld und Selbstaufgabe wird immer wieder von einem existenziellen Zweifel durchzogen, der in zahllosen Passagen von kafkascher Schärfe aufscheint, sei es in «Der Bucklige» («Jeder hatte gleichsam schon einmal an dem Schweif fliegender Pferde gehangen»), sei es im «Mädchen», wo es heisst, dass die «gute Fügung» nicht barmherzig ist, sondern die Opfer der Lächerlichkeit preisgibt: «Denn es ist wirklich komisch, wenn dieser Taugenichts auf eine jener vielen abgelegenen Auktionen dieser Welt gerät.» Ullmann, die wie ein wandelnder Anachronismus in die Münchner Bohème der Jugendstilzeit stolperte, hat in ihre Frömmigkeit nicht nur das jüdische Erbe mitgebracht, sondern auch die Erfahrungen mit der Libertinage, deren Opfer sie geworden war.
Die Affäre mit Otto Gross
Ullmanns Liebesgeschichte mit dem anarchistischen Sexualrevolutionär Otto Gross, von dem sie im Zuge einer Tag-und-Nacht-Therapie schwanger wurde, ist aus dem Stoff, aus dem Romane sind, eine Mischung aus Tragödie und Posse im Kontext von Psychoanalyse und Lebensreform, Drogen und exzessive Promiskuität inbegriffen. Die unermüdliche Eveline Hasler hat daraus nach ihrem bewährten Facts-und-Fiction-Rezept einen weiteren Roman über eine historische Frauengestalt gestrickt. Wieder ist es ihr gelungen, in geschickter Balance zwischen trivialer Unterhaltung und dokumentarischer Einfühlung ein materialgerechtes Porträt zu erstellen. Gleichwohl, die angestrebte «Lebensnähe» richtet ihren Gegenstand sprachlich und gedanklich zu.
Ein Bruchstück aus einem Ullmann-Gedicht gibt dem Roman den Titel: «Stein bedeutet Liebe». Doch das Erschreckende dieser Gleichsetzung bleibt bei Hasler ausgeklammert. Allein die Konfrontation der muttergeschädigten Klientin mit dem Sohn des Begründers der Kriminologie Hans Gross, einer Verkörperung des Prinzips «Überwachen und Strafen», ist so explosiv, dass sie das Format sprengen müsste, das auf Rührung – also Konsum – angelegt ist. Regina Ullmanns Geschichten dagegen tun weh, so schreiend weh wie ihre Geschichte. Zusammen geben sie eine Ahnung, welches Steinerweichen Regina Ullmann aufbrachte, um zu jenem Gold vorzustossen, das auf Erden nur Goldpapier ist.
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2.)
Die
Landstrasse.
Erzählungen von Regina
Ullmann (2004, Nagel & Kimche).
Besprechung von Michael Braun in Neue
Züricher Zeitung vom 4.11.2007:
«Als trüg ich Lasten aus aller Welt»
Erzählungen Regina Ullmanns Werk ist bis heute umzingelt von groben
Missverständnissen.
Die Neuauflage ihres wichtigsten Erzählbandes gibt Gelegenheit zur
Richtigstellung
Der Sehnsuchtsort der Dichterin Regina
Ullmann war die Weltabgeschiedenheit.
Grosse Städte wie München und Wien
erlebte sie dagegen als Nährboden des
Unglücks. So verwundert es nicht, wenn
auch die einsamen Helden ihrer Erzählungen
stille Schauplätze bevorzugen:
An einsamen Landstrassen, am Fenster
verwunschener Wirtshäuser im Wald
gelangen diese unglücklichen, oft körperlich
versehrten Figuren zu einem
tastenden Weltbewusstsein, geschützt
vor dem Lärm der Moderne. Und wenn
sich diese einsamen Waldgänger dann
im «Schmerz der Leidenschaft» verzehren
und nach Erfüllung ihrer absoluten
Liebe drängen, ist ihr Unglück vorprogrammiert.
Dann werden sie, wie der
verliebte Bauernbursche in der Erzählung
«Vor einem alten Wirtshausschild»,
von Naturmächten verschlungen.
In einer von Ullmanns verwinkelten
Erzählungen spricht eine Reisende
ohne Ziel, die sich auf einer Bergkuppe,
einem «Kogel», niedergelassen hat. Dort
grübelt sie vor sich hin, murmelt einige
Gebete, überlässt sich ihren Tagträumen.
In ihren Phantasmagorien tauchen
die Bilder von Heiligengestalten auf,
die Menschen und Tiere huschen wie
Schatten vorüber. «Mir war so schwer»,
sinniert die somnambule Ich-Erzählerin
gleich zu Beginn des Textes, «als trüg
ich Lasten, unbekannte, aus aller Welt.»
Gefördert von Rilke
Tatsächlich trug auch Regina Ullmann
von Kindheit an viele drückende seelische
Lasten mit sich herum. Im Dezember
1884 als Tochter eines jüdischen
Stickerei-Kaufmanns und einer überaus dominanten Mutter in St. Gallen geboren,
litt sie in ihrer Kindheit unter starken
Sprachhemmungen. Die ehrgeizige
Mutter dachte ihr dennoch früh eine
dichterische Laufbahn zu.
Das literarische Offenbarungserlebnis
widerfuhr ihr aber erst Jahre später
in der Steiermark, wo sie die Lebensrituale
der bäuerlich-archaischen Welt
kennenlernte. Auf ihren im Herbst 1907
publizierten Erstling, den Einakter «Die
Feldpredigt», reagierte Rainer Maria
Rilke mit nachhaltiger Begeisterung. Bis
zu seinem Tod im Dezember 1926 blieb Rilke ihr treuester Förderer – ohne indes
verhindern zu können, dass die schwermütige
Dichterin von einer Krise in die
nächste stürzte.
Nach Rilkes Tod verschärfte sich Ullmanns
Verlorenheitsgefühl noch, bis sie
nach ihrem Ausschluss aus dem Deutschen Schriftstellerverband 1935 nach
St. Gallen floh, wo sie bald in einem
katholischen Schwesternheim bis kurz
vor ihrem Tod 1961 Zuflucht fand. Bis
heute ist das schmale Werk der Dichterin
umzingelt von groben Missverständnissen.
Zwar fand ihr Gesamtwerk
gleich zweimal mutige Verleger. Aber
das eigenwillig Visionäre ihrer Welterkundung
hat man meist auf eine Variante
«bayrisch-österreichisch-schweizerischer
Heimatdichtung» (Charles
Linsmayer) reduziert. Der Wesenskern
dieser Prosa liegt woanders: im Weltgefühl
einer tiefen Demut gegenüber
der Schöpfung; und in einer mystischen
Innigkeit, die leuchtende Bilder einer
Realpräsenz der Dinge hervorbringt.
In der Weltverlorenheit
Peter Hamm hat nun den wichtigsten
Erzählband der Ullmann, das 1921
erstmals erschienene Werk «Die Landstrasse
», neu ediert und mit einem
instruktiven Nachwort versehen. So
besteht die Chance, dass die Dichtung
Regina Ullmanns endlich zu ihrem literarischen
Recht kommt. Denn die Aufmerksamkeit
für ihr Werk ist immer
wieder überblendet worden durch Schilderungen
ihrer tragischen Biografie.
Zuletzt hat Eveline Hasler (in «Stein
bedeutet Liebe») die in ihrer Seelendramatik
monströse Geschichte neu
ausfabuliert, die Regina Ullmann mit
dem Münchner Psychoanalytiker Otto
Gross verband. Der mit anarchistischlibertären
Theorien verschwenderisch
umgehende Freud-Schüler wollte seine
Patienten nicht nur von allen Neurosen
befreien, sondern auch mit erotischer
Libertinage beglücken. 1907 erlag auch
Regina Ullmann der Intensität dieser
charismatischen Persönlichkeit und
liess sich von dem fanatischen Weltbeglücker
schwängern. Nicht genug damit,
dass Gross der psychisch labilen Dichterin
mit seinem psychoanalytischen
Absolutismus zusetzte, er versuchte
die Schwangere auch zum Selbstmord
zu animieren. Kurz darauf wurde er in
einer Zürcher Irrenanstalt interniert.
Regina Ullmann wurde ihrerseits in die
Weltverlorenheit zurückgestossen, der
sie nie wieder entrinnen konnte.
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