Die Lage des Landes von Richard Ford, 2007, Berlin

1.) - 3.)

Die Lage des Landes.
Roman von Richard Ford (2007, Berlin Verlag - Übertragung Frank Heibert).
Besprechung von Alexander Altmann in den Nürnberger Nachrichten vom 18.07.2007:

Ein sanfter Nörgler
Richard Fords neuer Roman «Die Lage des Landes»

Mit seinem jüngsten Roman «Die Lage des Landes» wirft der US-Autor Richard Ford wieder einen ironischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft.

Im Grunde könnten alle Bücher von Richard Ford so heißen. Und auch die der anderen Groß-Autoren von John Updike bis Philip Roth. Denn um «Die Lage des Landes» geht es letztlich immer in den Büchern der gefeierten US-Literatur-Stars: Im Leben, Lieben und Leiden intelligenter Mittelklasse-Jedermanns spiegeln sich da die Kursschwankungen des «American Dream». Aber bei aller Skepsis, die diesem und seinen oft leeren Versprechungen entgegengebracht wird, stimmen solche amerikanischen Gegenwartsromane allein schon in ihrer zuversichtlich-realistischen Erzählweise gewollt oder ungewollt einen verhaltenen Hymnus auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten an.

Mit ihren Autoren werden allerdings zugleich die Roman-Helden älter, deren Gedanken meist zwischen den beiden Polen Seitensprung und Vergänglichkeit des Leibes pendeln. So in etwa auch bei Frank Bascombe, der Hauptfigur bei Ford, die wir schon aus seinen Romanen «Der Sportreporter» und «Unabhängigkeitstag» kennen. Mit 55 beginnt der Immobilienmakler Bascombe sein Leben zu überdenken, wenn er im verglasten Wohnzimmer seines Hauses sitzt und auf den Atlantik hinausschaut.

Die Geschäfte laufen gut, den Prostatakrebs scheinen die Ärzte (zunächst) unter Kontrolle zu haben. Allerdings hat ihn seine zweite Frau vor kurzem verlassen, nachdem ihr totgeglaubter erster Mann, ein Vietnam-Veteran, wieder aufgetaucht ist. Dafür steht am nahenden Thanksgiving Day ein Besuch von Bascombes erster Frau sowie der erwachsenen Kinder ins Haus. Aber die eigentliche «Action» des Romans besteht sowieso eher in den Statements und Erinnerungen des Protagonisten.

Auch wenn der Autor den ausufernden Mitteilungsdrang seines Helden ruhig hätte kürzen können - an den besten Stellen lässt man sich gerne vom sarkastisch-melancholischen Tonfall des sanften Nörglers Bascombe mitreißen. Etwa wenn er mit kleinen Bosheiten Schlaglichter auf die Lage eines Landes wirft, wo man gesundheitsbewusst im Rohkost-Lokal isst, während gleichzeitig Schüler Amok laufen und ihre Lehrer killen.

Ganz wird man den Eindruck nicht los, Ford habe mit seinem epischen Middle-Class-Blues, der überdeutlich die typischen Motive des amerikanischen Gegenwartsromans ausstellt, eine leichte Parodie auf diese Gattung vorgelegt.

Die vollständige Rezension mit Abb. von Alexander Altmann finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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Die Lage des Landes von Richard Ford, 2007, Berlin2.)

Die Lage des Landes.
Roman von Richard Ford (2007, Berlin Verlag - Übertragung Frank Heibert).
Besprechung von Anna Mitgutsch in Der Standard, Wien vom 04.08.2007:

Die Achterbahn des Lebens
Frank Bascombe lebt! Richard Fords großer Roman "Die Lage des Landes"

Frank Bascombe, der ehemalige Sportreporter ist – wie auch sein Schöpfer – älter geworden, vielleicht ein bisschen klüger durch die Dinge, die ihm zugestoßen sind, aber immer noch ein typischer Vertreter der amerikanischen Mittelschicht. "Es gibt keinen Schlüssel. Es gibt kein Geheimnis. Mit dieser Offenbarung leben wir alle." Nach dieser Maxime lebt Frank, inzwischen Grundstücksmakler an der Küste von New Jersey, ein abgebrühter Profi, aber kein Gauner, einer der die Schönheit der Küstenlandschaft noch wahrnimmt, deren letzten Reste von seinen Kollegen zum Plattwalzen und Verschandeln aufgekauft werden. Mehr zum Thema Leben

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The Lay of the Land ist der Originaltitel des Romans, ein doppeldeutiger Titel, den es vor dreißig Jahren schon einmal gab. Damals schrieb die feministische Literaturwissenschafterin Annette Kolodny unter demselben Titel über die Expansion Amerikas im 19. Jahrhundert und wie sie sich in der Literatur niederschlug – in Metaphern der Entjungferung, der Unterwerfung und der Vergewaltigung. Bei Richard Ford ist es nicht mehr die Western Frontier, die es einzunehmen und aufs Kreuz zu legen gilt, sondern die ohnehin schon fast verschwundenen Naturreservate an der Küste zwischen New Jersey und Maine, wo Malls, Apartmenthochhäuser und fast lückenlos ineinander übergehende Vorstädte bis an die Strände vorgerückt sind, und wo die Baubehörden nun dabei sind, Buchten auffüllen zu lassen, um Land für Hotels zu gewinnen. Frank Bascombe ist zwar einer von ihnen und dabei auch wohlhabend geworden, er besitzt selbst ein Haus am Meer, aber was ihn sympathisch macht, ist, dass er trotzdem genau hinschaut und illusionslos andere und sich selbst bei ihren Machenschaften beobachtet. Drei Tage lang fährt Frank kreuz und quer durch sein Wohngebiet. Nichts entgeht ihm, während er im Auto sitzt und zu seinen diversen Erledigungen, nicht alle freiwilliger Natur, unterwegs ist. Aber das Road Movie ist zu einem kleinräumigen Pendeln durch die Vorstädte geworden, wo Freiheit nur in den kurzen Momenten empfunden wird, wenn er einer Schlägerei in einer Bar oder dem Anschlag seiner Ex-Ehefrau entkommt, die ihn mit einem Versöhnungsangebot überrumpelt. Dabei entsteht eine sehr genaue und amüsante Vermessung nicht nur der durch hässliche Zweckbauten zerstörten Ostküste, sondern auch der politischen und sozialen Landschaft.

Die Lage des Landes ist nach der von George W. Bush gestohlenen Wahl ebenso trist wie Frank Bascombes eigene Situation. Die zweite Ehefrau ist mit ihrem ersten Mann abgehauen, in seiner Prostata wurde ein bösartiger Tumor entdeckt, und sein Angestellter, ein übereifriger Einwanderer aus Tibet, der seine Anfangsschwierigkeiten, buddhistische Ethik mit Maklerschlitzohrigkeit zu verbinden, überwunden hat, macht ihm ein feindliches Übernahmeangebot. Seine erwachsenen Kinder sind nicht ganz so geraten, wie er es sich erträumt hätte, vor allem der Sohn, und nun tauchen sie zu Thanksgiving auch noch mit unmöglichen Partnern auf. Dabei sucht Frank Bascombe im fortgeschrittenen Alter von fünfundfünfzig Jahren nichts anderes als das, was er die "Permanenzphase" nennt, eine Art von paradiesischem Zustand, in dem alles so bleibt, wie es ist, weil man endlich am Ziel der Saturiertheit angelangt ist. Den Fortschrittsglauben, der seinen frisch eingebürgerten Kompagnon noch antreibt, kann er dabei nur als den "ermüdenden Instinkt des Werdens" abwehren, als Intensivierung des gegenwärtigen Leerlaufs. Natürlich fühlt Frank sich dieser blinden Fortschrittsgier überlegen, reflektiert er doch seine eigene Situation mit illusionsloser Selbstironie, aber auch ihn treibt das Anliegen des Durchschnittsamerikaners – wie entsorge ich meine Vergangenheit möglichst schmerzlos – zu allerlei philosophischen Verrenkungen. Dabei kommen ihm immer wieder nahe liegendere Irritationen dazwischen, wie der nicht zu unterdrückende Drang mitten in der Nacht trotz verschlossener Supermärkte zu pinkeln, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen. Frank, dieser amerikanische Mann ohne Eigenschaften, mag am "American Dream" seine Zweifel haben, aber den "American Way of Life" nimmt er mit ganzem Herzen an. Seine kleine, auswechselbare Existenz im Jetzt des jeweiligen Augenblicks zu behaupten und dabei das höchste Maß an Wohlbefinden herauszuschinden ist der amerikanische Pragmatismus auf den kleinsten Nenner gebracht, das Biedermeier des ausgehenden Jahrtausends, das nicht gelingen will, weil sich jeden Tag, so wie in Bascombes Minute für Minute durchlebten und durchlittenen drei Tagen, ständig die Widrigkeiten des Lebens dazwischenschieben und sich mitunter zu lebensbedrohlichen Krisen auswachsen.

Was den fast 700-seitigen Schmöker, der Frank Bascombes Thanksgiving-Woche in großer Detailfülle ausbreitet, lesenswert macht, sind weniger seine Lebensweisheiten als der stets genau treffende, bissige Humor, mit dem der Held die eigene und die Lage des Landes kommentiert. Die Stärke des Buches liegt in seinen Episoden, wenn etwa Frank als Laienlebensberater im Wohnzimmer einer seiner Ex-Geliebten sitzt und ihr, ohne das geringste Zeichen des Wiedererkennens, nahelegt, die "Erinnerungen zu kontrollieren, damit sie Sie nicht stören", oder wenn er mit einem neureichen Inder ein Haus besichtigt, das für den Abtransport bereits auf einen Trailer montiert ist, und die Natur sich in der Gestalt eines dort sesshaft gewordenen Fuchses rächt. Natürlich ist das Vergnügen solcher scharfsichtig und scharfzüngig dargestellter Episoden auch Resultat der ausgezeichneten Übersetzung.

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Die Lage des Landes von Richard Ford, 2007, Berlin3.)

Die Lage des Landes.
Roman von Richard Ford (2007, Berlin Verlag - Übertragung Frank Heibert).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 11.09.2007:

Ein ewiges Dreitagerennen

Vor gut 20 Jahren haben wir Frank Bascombe kennengelernt, den Fortsetzungshelden in Richard Fords Romantrilogie. Inzwischen gibt das mit dem dritten Band gute 1700 Seiten. Immer dicker sind die Romanziegelsteine geworden, bis hin zum jüngsten und dicksten. Immer weiter hat der Pulitzer-Preisträger die Spur seiner dichten, effektvollen Kurzgeschichten verlassen. Immer weniger kann er "ausmären", wenn es um die Mär des Frank Bascombe geht.

Wie anders aber soll man eine Figur einfangen, die aus Prinzip schwach ist in ihren Konturen? Wie anders als durch minutiöses Beschreiben seiner Lebensdetails, durch das Zusammenzupixeln des Bildes von einem Mann und seines Mittelklasselebens, dem über den Geschäften des Alltags der Blick für die spirituellen Tröstungen von etwas Größerem abhanden gekommen ist?

Bist du bereit, dem Schöpfer zu begegnen? Die Außenkoordinaten signalisieren Erfolg, doch zwei Ehen sind zerbrochen, ein Sohn ist früh gestorben, und zwei weitere Kinder haben sich nicht nur regional entfernt. Der einst zum Schriftsteller tendierende Sportreporter hat sich zum präsentablen Immobilienmakler gemacht. Mit 55 wird bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert. Da wird sein Denken hin auf eine Lebensbilanz immer präziser. "Bist du bereit, dem Schöpfer zu begegnen?"

Noch nicht ganz, denkt er und jagt durch sein Revier. Auf der Distanz von 65 Meilen zwischen der Kleinstadt Haddam, wo er 20 Jahre lang wohnte, und der 2300 Bewohner-Ganzjahresoase Sea-Clift an der äußersten Ostküste von New Jersey protokolliert er es. Hier am fragilen Rand des Kontinents ist "alles genau so, wie sie es sich vorgestellt hatten, als das Ganze noch ein Traum war". Hier ist er dem Zeitgeist ausgesetzt und doch vor ihm geschützt. Hier gibt es nur jeden Frühling einen albernen Frank-Sinatra-Double-Wettbewerb. Sinatra, nicht Elvis. Das passt zu den ansässigen Langsamjoggern. Bascombe handelt noch immer mit Wohnraum, nur bereitet sich allmählich die Geschäftsübergabe vor.

Es ist November im Millenniumsjahr und der "dreist grinsende Machodödel aus Texas" ist ins Präsidentschaftsmachtvakuum hineinmarschiert. Bascombe hat ihn nicht gewählt. Irgend etwas wird passieren in diesen drei Tagen um Thanksgiving, aber man weiß nicht was.
Man fliegt durch die Seiten dieses nassforsch übersetzten Romans, obwohl er keinen Plot hat. Das macht die große Kunst des Richard Ford aus: Kurzweilige Episoden zu reihen zwischen Seelenstriptease und Action hin auf einen allerdings zu kühnen Showdown in einem genialischen Lesefutterbuch, das minutiöse Genauigkeit nicht nur anstrebt, sondern auch erreicht. (NRZ)

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