Die Kunst stillzusitzen von Tim Parks, 2010, KunstmannDie Kunst stillzusitzen.
Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung von Tim Parks (2010, Kunstmann -
Übertragung Ulrike Becker).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 3.09.2010:

Zur Ruhe kommen
Die fesselnde Krankheitsgeschichte von Tim Parks

Der englische Schriftsteller Tim Parks (Jahrgang 1954) hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben, das – zugleich Autobiografie und Krankheitsgeschichte – vom Leben und der Literatur handelt: „Die Kunst stillzusitzen“.

Es gibt wohl kaum etwas Peinlicheres, als alternde Männer, die von ihren Prostata-Beschwerden erzählen. Genau das aber tut Tim Parks. Und er tut das auf so geistreiche, ironische und dabei ehrliche Art, dass der Leser ihm erstaunlicherweise nur allzu bereitwillig und gespannt folgt. Parks schreibt – und das unterscheidet sein Buch von Gesundheitsratgebern und esoterischen Bekenntnissen – nicht von einer Wunderheilung, sondern vom schmerzhaften Prozess der Selbstfindung. „Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung“, wie der Untertitel heißt.

Dass Männer um die 50 in die Krise geraten, ist nichts Außergewöhnliches. Parks, ein ehrgeiziger und ziemlich erfolgreicher Schriftsteller, der mit seiner Familie in Italien lebt, wird durch unerklärliche Schmerzen gezwungen, sein bisheriges Leben zu überdenken. Chronische Bauchschmerzen und Probleme beim Pinkeln, für die es keine medizinische Erklärung gibt, treiben ihn fast zur Verzweiflung. Die Ärzte sind ratlos.

Alternative Heilmethoden

Nachdem Parks eine ganze Reihe von unangenehmen Untersuchungen über sich hat ergehen lassen, versucht er es (anfangs widerstrebend) mit alternativen Heilmethoden. Von der Fußzonenreflex-Massage über paradoxe Entspannungsübungen bis hin zu Atemtechniken und Meditation. Mit der Zeit lassen seine Beschwerden tatsächlich nach, ohne dass er dafür eine Erklärung findet.

Parks beschreibt nicht nur diesen therapeutischen Prozess, sondern reflektiert immer wieder über seine Arbeit als Schriftsteller. Der Pfarrersohn forscht aber auch in seiner Kindheit nach Gründen für seine Probleme, findet in seiner strengen christlichen Erziehung mögliche Erklärungen, hütet sich aber vor voreiligen Schlüssen.

Robert Walser und Samuel Beckett sind seine Kronzeugen dafür, wie schwierig es ist, Leben und Literatur, Körper und Geist in Einklang miteinander zu bringen. Nicht nur die rationale Sichtweise der westlichen Gesellschaft erweist sich für Parks als fragwürdig, sondern auch das System der Sprache an sich. Der Versuch, mit Hilfe der Sprache die Wirklichkeit zu erfassen, ist zum Scheitern verurteilt. Eine Erkenntnis der modernen Literatur, die konsequenterweise (wie bei Beckett) zum Verstummen des Subjekts führen muss.

Das Spannende an dem sehr persönlichen Buch von Tim Parks ist die Tatsache, dass er eben nicht nur über Prostata, Blase und Schlafstörungen schreibt, sondern auch über Wunderheiler und Wildwasserfahrten, Jesus und Buddha, England und Italien – und die Vergänglichkeit des Lebens.

Hier liegt aber auch der wunde Punkt des Buchs, ein Widerspruch in sich selbst. Parks erkennt: „Wir sind zu Hirnvampiren geworden, die sich selbst den Lebenssaft aussaugen. Sogar im Fitnessstudio oder beim Joggen spielt sich unser Leben nur noch im Kopf ab, auf Kosten unseres Körpers.“ Und dennoch hat der bekennende Skeptiker Parks seine Krankengeschichte am Ende wieder in Worte gefasst, geistig verarbeitet und zu einem Buch verarbeitet.

Ganz banal formuliert, lautet seine Botschaft: Einfach stillzusitzen und zur Ruhe kommen ist in unsrer hektischen Welt eine große Kunst. Und Selbsterkenntnis der erste Schritt zu Besserung.

Die vollständige Rezension mitg Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0910 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten