Die Kunst des Scheiterns, Biografie über Franz Fühmann von Gunnar Decker, 2009, HinstorffDie Kunst des Scheiterns.
Eine Biografie über Franz Fühmann (
2005, Hinstorff Verlag, Edition Konrad Reich, von Gunnar Decker).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg für die REZENSIONENwelt, V.2009:

Die Kunst des Scheiterns
Eine Biografie von
Gunnar Decker

Nach den Biographien von  Hans Richter (Berlin 2001) und Barbara Heinze (Rostock 1998) nun also eine dritte innerhalb zweier Dezennien. Bemäße sich die Rezeption des Werkes Franz Fühmanns daran, wäre das ein hoffnungsvoll stimmendes Zeichen.

Hatte Richter eine grundsolide germanistische Arbeit geliefert und Heinze für die sich mit dem Werk Fühmanns eingehender befassende Leserschaft einen unverzichtbaren Dokumentationsband herausgegeben, stellt Decker seinen Fühmann in einer Art collageartigem Essay vor, einem Essay, dessen gravierendes  Merkmal wohl das der Selbstvergewisserung des Autors am Werk Fühmanns ist. Und Decker hat seinen Fühmann (in Anverwandlung) intensiv gelesen.

In einer bekenntnisartigen Eigenaussage des Autors liest sich das so:

„Wir haben mit Büchern gelebt, in ihnen etwas gesucht. Etwas, das half, durch den Tag zu kommen – ohne Zyniker zu werden, ohne uns dumm machen zu lassen von den „verdorbenen Greisen“ ...“

„Aber nicht nur die Bücher prägten uns, mehr noch das Beispiel der Person. Franz Fühmann war der strengste Maßstab für uns. Er war der wichtigste von allen. Unkorrumpierbar, von einer geistigen Statur, der wir glaubten. Einer, der all das vor sich hertrug, was uns beunruhigte ...“

Und zur Zielführung seines Buches schreibt Decker: „Ist Franz Fühmann der große Unbekannte der DDR-Literatur? Im Osten gab (und gibt) es kaum jemanden, der ihn nicht kannte oder kennt – im Westen ist es genau umgekehrt. An diesem Unverhältnis wird einiges an missglückter Vereinigung des deutsch-deutschen Leselandes augenfällig.

Was neu sein will an diesem Buch, ist also der Blick auf einen Autor von bedrängender Gegenwärtigkeit. Worin diese besteht, habe ich zu zeigen versucht.“

Diese Zielvorgabe erfüllt Decker in der Tat, wenngleich sich der Rezensent wünschte, Decker hätte zu bestimmten Begriffen, wie dem der „Heimat“ (um einen expressis verbis von Decker  eingeführten zentralen herauszugreifen), genauer gearbeitet (so werden weder „Böhmen am Meer“, auch in der dem Buch angeschlossenen Bibliographie nicht, noch die Auseinandersetzung mit Johannes Bobrowski auch nur erwähnt).

Anders verhält es sich mit den Ausführungen zur Romantik-Rezeption Fühmanns und der in der DDR – die entsprechenden, in flüssigem Stil geschriebenen Kapitel lesen sich gut und sind zudem ausgesprochen informativ, was ebenso für die im Buch enthaltene Auseinandersetzung Deckers mit dem Bergwerkprojekt Fühmanns gilt.

Erfreulich sind ebenfalls die dem Buch beigegebenen Anhänge eines bislang ungedruckten Vortrages Fühmanns über Gottfried Benn aus dem Jahr 1981 und eine Bildbetrachtung Deckers zu der als Frontispiz des Buches fungierenden Graphik Nuria Quevedos.

Fazit: die bisherigen Biographien sind mit diesem Buch nicht überflüssig oder gar erledigt – hier schreibt jemand aus der auf Fühmann folgenden Generation, dem die Bücher Fühmanns offenbar eine bedeutende geistige Nahrung waren und sind und der das auch deutlich zu machen und herüber zu bringen versteht. Lassen wir Decker am Beschluß dieser Zeilen in der ihm eigenen Diktion zu Wort kommen:

„Wieder Fühmann lesen! Denn dieser beharrlich gegen Windmühlenflügel kämpfende Don Quichotte der späten DDR ist ein Dichter der Krise, nicht nur der individuellen Verzweiflung, auch ihrer gesellschaftlichen Gründe. Es einmal nicht leicht nehmen, sondern schwer. Den Verlust-Schmerz zulassen. Darum, so darf man ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod hoffen, könnte seine Neu-Entdeckung nun endlich eine gesamtdeutsche werden.“

Was zu hoffen steht und wozu dieses Buch ganz sicher seinen Beitrag zu leisten im Stande ist.

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