Die Kuckucke von Velika Hoca.
Eine Nachschrift von Peter Handke (2009, Suhrkamp).
Besprechung von Andreas Puff-Trojan im Münchner Merkur, 12.5.2009:

Eine Schrift des Mitleidens
Zwei neue Handke-Texte: Der umstrittene Autor sucht das Zwiegespräch auf serbischem Gebiet

Samuel Becketts „Das letzte Band“ ist für Peter Handke „die Endstation des Theaters, als pures Theater“. Handke will als eine Art Echo auf Beckett mit einem eigenen Stück antworten: „Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“. Der Monolog wird im August in Salzburg uraufgeführt und hat als Koproduktion am 30. Oktober in den Münchner Kammerspielen Premiere (Regie: Jossi Wieler). Hier spricht nicht Becketts Figur Krapp, der sein Leben auf Tonbändern aufzeichnet, sondern eine Frau. Möglicherweise ist es Krapps Geliebte, von der es bei Beckett heißt, mit ihr hätte Krapp vielleicht das Glück gefunden. Die Frau spricht zu ihm in einer Art Trance und von der Unmöglichkeit des geglückten Zusammenseins: „Du warst nicht fähig zu einem Zwiegespräch.“

Es ist schwer, den Monolog einzuschätzen. Er ist zu kurz, um eine existenzielle Theatralik zu entfalten, die Becketts Stücke auszeichnen. Die zitierte Passage richtet sich nicht nur an Krapp, sondern auch an den Dichter selbst. Seit Handke vor über zehn Jahren für Serbien und den damaligen Präsidenten Slobodan Milosevic eingetreten ist, ist auch der Dialog zwischen dem Dichter und vielen Medien verstummt. Sein Beharren auf der „Unschuld Serbiens“ und das Beharren manch anderer auf der „Alleinschuld Serbiens“ hat das Zwiegespräch unmöglich gemacht.

Handke verweigert es weiterhin und besucht von Zeit zu Zeit trotzig serbisches Gebiet. Im Mai 2008 ist er nach Velika Hoca aufgebrochen, eine serbische Enklave im Süden des Kosovo. Die Dorfbewohner haben schon einiges über sich ergehen lassen müssen: Zahlreiche Journalisten waren hier, um ihre Reportagen zu schreiben. Handkes Text „Die Kuckucke von Velika Hoca“ hat mit solcher Berichterstattung nichts gemein. Es ist eine „Nachschrift“, wie er es nennt: Im Nachdenken über das Erlebte schreibt er auf, wie es gewesen ist. Aber wie ist es gewesen?

Handke ist kein Journalist, sondern Schriftsteller. Er muss also keineswegs um Objektivität bemüht sein. Aber sind die Enklavereportagen der Journalisten wirklich objektiv? Etwa wenn auf die erbärmlichen Lebensbedingungen der Bewohner von Velika Hoca hingewiesen wird, jedoch diese als Resultat serbischer Kriegspolitik betrachtet werden? Waren denn die Menschen von Velika Hoca Befürworter der serbischen Kriegspolitik und der damit verbundenen ethnischen Säuberungswellen?

Peter Handke, der das „Zwiegespräch“ mit den Medien verweigert, sucht es mit den Bewohnern von Velika Hoca. Sie laden ihn ein in ihre Häuser, erzählen von ihrer Armut und von den einst glücklichen Tagen, als alle genug zum Leben hatten. Der Pope des Dorfes war zeitweise verrückt geworden, sprach nur noch mit seinen Perlhühnern, konnte die Messe nicht mehr zelebrieren. Jetzt hat er seinen Verstand wiedergewonnen und wird zum Begleiter Handkes durchs Dorf. Selbst der Schuster bemerkt, dass der Schriftsteller nicht gekommen ist, um eine weitere Enklave-Reportage zu schreiben. „Und der Dorfschuster erbot sich, auch mir die Schuhe, cipele, zu reparieren. Wann ich sie abholen könnte? Im nächsten Jahr, zu Ostern, bei meinem nächsten Besuch in Velika Hoca. Und jetzt bedauere ich, ihm das Paar nicht gelassen zu haben, als eine Art Zukunftsversicherung, auch für die Enklave.“

Solche Sätze findet man in keiner Reportage. Solche Sätze sind die geglückte Beschreibung einer Stimmung. Sätze, denen man sich nicht entziehen kann. Den Pro-Serbien-Kurs muss man deswegen noch lange nicht mittragen. „Die Kuckucke von Velika Hoca“ sind eine Nachschrift des Leids und daher eine Schrift des Mitleidens.

Handke hat hier Menschen gefunden, die des Mitleidens fähig sind. Es handelt sich um einen jungen Franzosen, der mit Kindern tagelang Ball spielt, eine Israelin, die Malkurse gibt, Deutsche, die schon vor dem Jugoslawien-Krieg hier als „internationale Beobachter“ tätig waren und nun nicht mehr wegwollen. „Dauergäste“ nennt sie Handke. Mit ihnen allen hat er seinen Frieden gemacht, indem er das „Zwiegespräch“ suchte.

So ist sein Buch „Die Kuckucke von Velika Hoca“ ein seltsamer Text, der einerseits vom sogenannten „Unrecht“ spricht, das die Bewohner der serbischen Enklave zu erdulden hätten, und der andererseits poetisch genau das Leid beschreibt, das diesen Menschen widerfährt. Und wenigstens im Leid, im Mitleiden, im „Zwiegespräch“ mit den Leidenden sollten alle Menschen gleich sein. Auch das will Peter Handke mit seiner „Nachschrift“ sagen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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