Die Korrekturen von Jonathan Franzen, 2002, Rowohlt1.) - 2.)

Die Korrekturen.
Roman von Jonathan Franzen (2002, Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 29.6.2002:

Immer nur dem Rauch ausweichen
Früher, im 20. Jahrhundert: Jonathan Franzens bissig-witziger Familienroman "Die Korrekturen" ist wirklich gut

Früher bestand eine Familie aus fünf Personen. Der Vater, ein Mann von Grundsätzen, rechtschaffen bis auf die Knochen, war zum Beispiel Ingenieur bei der Eisenbahn und auch in seiner Freizeit noch erfinderisch. Die Mutter hielt das Geld zusammen, und diesen Job nahm sie mörderisch ernst. Der älteste Sohn: Banker. Ein Händchen für zukunftsweisende Geldanlagen. Verheiratet, drei Kinder (Söhne), liebevoller Ehemann und Familienvater. Der zweite Sohn: Literaturprofessor, später, nach einem inkorrekten Verhältnis zu einer Studentin, "Exprof". Ledig. Das schwarze Schaf der Familie. Schließlich, als Nachkömmling, eine Tochter. Attraktiv, intelligent, vorläufig schwankend in ihrer sexuellen Orientierung. Später definitiv lesbisch. Bei dem amerikanischen Romancier Jonathan Franzen, in seinem dritten Roman Die Korrekturen, heißen sie Alfred, Enid, Gary, Chipper und Denise Lambert. Eine typische amerikanische Familie des 20. Jahrhunderts.

Ein Roman erschöpft sich allerdings nicht im Typologischen, sondern erprobt seine erfinderische Kraft im Individuellen, und so schwillt diese Fünf-Personen-Geschichte auf ein Volumen von fast 800 Seiten an. Weniges daran ist überflüssig, nichts macht den Leser ungeduldig. Es sind fünf Lebensgeschichten, die nicht beziehungsweise allzu gut zueinander passen; fünf Kapitulationen vor einer üppig instrumentierten Wirklichkeit. Eine Familie? Was für ein wunderbarer Mythos - robuster als jeder Dekonstruktionsversuch. Ist ein Mythos nicht so etwas wie die Geschichte eines Verhängnisses? Genau das gilt auch für Franzens Familienroman mit seinen elegant verknüpften erzählerischen Bögen.

Über die Ehe von Alfred und Enid heißt es auf einer der letzten Seiten: "Sein Körper war es, wonach sie sich immer gesehnt hatte. Das Problem war der Rest von ihm." Dieser treffsichere Doppelsatz beschreibt ein jederzeit gültiges Dilemma. Es gilt auch für die nächste Generation, die ungleich schneller bereit ist, Bindungen zu kappen, das ontologische Problem aber keineswegs aus der Welt schafft: Man begehrt, man "liebt" jemanden, mitunter heftig, aber man ist kaum imstande, ihn so zu nehmen, wie er ist.

Als das Produkt zweier mehr oder weniger schrulliger Einzelwesen, die sich aus Gründen der Lebensbewältigung zusammengetan haben, um weitere Wesen hervorzubringen, die diese Schrulligkeiten in alle Ewigkeit fortsetzen.

Natürlich besteht die Pointe des Romans darin, dass die Dinge sich faktisch nicht korrigieren lassen. Nicht Chips Entwurf eines Drehbuchs, das "etwas Störendes an den Anfang" setzt, weil Chip das für "ein klassisches Verfahren der Moderne" hält (natürlich kann man den Anfang streichen, aber es löst nicht wirklich das Problem, das in Chips Persönlichkeit liegt); und nicht die Kinder selbst, die die Fehler ihrer Eltern in die xte Potenz steigern. Mit ihrem penetranten Geiz rächt Enid sich an Alfred, der für sie ein "Problem" darstellt; auch Gary ist geizig oder eben geschäftstüchtig, was die Grundlage seines Erfolgs ausmacht. Wenn Mutter und Sohn sich einmal um den Betrag von $ 4,96 für ein paar Eisenbolzen streiten, zeigt das in bizarrer Weise, wie die genetischen Prägungen fortwirken, ohne dass das den Beteiligten bewusst sein muss. Es geht nämlich stets "ums Prinzip". Auch das Bedürfnis, Korrekturen anzubringen an sich selbst, vor allem aber an anderen, ist so ein Prinzip, das am Gesetz der Trägheit scheitert.

Geschärft ist der Blick für die Schwächen des anderen. Er ändert nichts an Konstellationen der Abhängigkeit, der Verstrickung. Wenn Alfred seinen Sohn Chip, den alle in der Familie für einen "Versager" halten, offenbar am meisten liebt, ist das von schrecklicher und schöner Inkonsequenz. Als Kind musste Chip einmal allein so lang am Esstisch sitzen bleiben und in Kohlrüben herumstochern, bis er schließlich Stunden später eingeschlafen war: ein schmählich gescheiterter Korrekturversuch. "Ein Teil von ihm", heißt es, sitze lebenslänglich an diesem Tisch.

"Erkennst du das Muster?", fragt der liberale Vater Gary seinen elfjährigen Sohn, der durchaus in der Lage ist, Verhaltensmuster zu erkennen, aber nicht, sie zu ändern. Er will nun einmal das elektronische Spielzeug haben, egal ob sein Vater meint, er begehre es nur so lange, wie er es eben noch nicht besitze. Die Erziehungsmethoden haben sich innerhalb einer Generation verfeinert, sie beruhen nicht mehr auf moralischem Druck und physischer Gewalt, sondern auf Überredungskunst und vermeintlicher Einsicht.

Nicht geändert hat sich die Tatsache, dass Elternteile sich mit einzelnen Kindern gegen den anderen Elternteil verbünden. So partizipieren Kinder unwillentlich an der Dynamik der Macht. Gary und seine Frau Caroline können sich zum Beispiel nicht darüber verständigen, ob man Weihnachten im heimatlichen Philadelphia oder bei Garys Eltern in St. Jude im Mittelwesten verbringt. In diesem schweren ideologischen Konflikt munitioniert Caroline ihre Fraktion (die beiden älteren Jungen), indem sie das Gerücht verbreitet, Gary leide womöglich an einer klinischen Depression. Und in der Tat, fragt der Familienvater sich nun selbst, gibt es überhaupt noch etwas, das ihm wirklich Spaß macht?

"Die Aspekte seines Lebens, die nichts mit Grillen zu tun hatten, erschienen ihm auf einmal wie bloße Echoimpulse einer fremden Existenz zwischen den wuchtig wiederkehrenden Momenten, in denen er Mesquitholz anzündete und auf der Terrasse hin- und herlief, um dem Rauch auszuweichen." Nicht nur in solchen beiläufigen Passagen vereint Franzens Stil Witz und Eleganz, ohne je imponiersüchtig aufzutrumpfen - der schöne Doppelsinn des Begriffs "Grillen" ist allerdings der deutschen Übersetzung vorbehalten.

Caroline weiß, was sie tut, um ein fetthaltiges Weihnachten bei der feindlichen Schwiegermutter zu verhindern. Und doch geht es hier keineswegs um Strindbergsche Geschlechterkonflikte. Im Gegenteil, Carolines und Garys Ehe funktioniert recht gut, vielleicht auch deswegen, weil Gary die "Carolinischen Zehn Gebote" verinnerlicht hat und krampfhaft daran zu glauben versucht: "Du bist kein bisschen wie dein Vater" lautet deren erstes und "Leiden bringt überhaupt nichts" das letzte. Der pure Voluntarismus, mit dem Caroline das Leben entschieden in den Griff nimmt und auch eigenen hysterischen Anwandlungen trotzt, entfaltet seine durchschlagende Kraft.

Auch bei dem aufgeklärten Realisten Jonathan Franzen, geboren 1959, sind es die Männer, die die Bereitschaft zum Leiden mitbringen und die Frauen, die Ausrufezeichen an die Wand malen und an die Lust erinnern und an die Energie, derer es bedarf, sie zu realisieren.

"Arbeitsfront, Sexfront, Freundschaftsfront" - nein, derart prosaisch hätte die Generation Alfred / Enid die Aufgaben, die das Leben stellt, niemals betrachten mögen. Und wenn schon, dann in einem ganz anderen Sinn: Die Sexfront zum Beispiel erlebt Alfred, der Eisenbahningenieur, auf seinen Dienstreisen tatsächlich als eine durch und durch feindliche Macht, als rücksichtsloses Lustgestöhn hinter dünnen Hotelzimmerwänden. Es ist die standhafte Generation, mit ihrem heroischen, durch nichts zu erschütternden Pflicht- und Leistungsethos, ihrer nicht immer freiwilligen Monogamie, ihrer Erziehungstyrannei und ihrem subkutanen Selbsthass - der Geiz! -, der Franzen in diesem Buch ein Denkmal setzt.

Wenn der kranke Alfred auf einer letzten Kreuzfahrt von Bord der "Gunnar Myrdal" ins eiskalte Meer stürzt, lässt sich das auch als ein Zeichen dafür lesen, dass diese eisern-verdienstvolle Generation die Früchte ihrer rastlosen Tätigkeit nicht immer so zu genießen weiß, wie es ihr zweifellos zustände. Doch Alfred bringt zuwege, was der nachfolgenden Generation der Chip und Gary mit Sicherheit versagt wäre: Zäh und abgehärtet wie er ist, überlebt der todkranke Mann selbst den Sturz in den Abgrund.

Vielleicht ist es ja auch die mit zusammengebissenen Zähnen erfochtene Resistenz gegen sexuelle Eskapaden, die der Kriegsgeneration einen gewissen physiologischen Tüchtigkeitsbonus sichert. Enid will und wird nie erfahren, was ihre sonst so clevere Tochter Denise den Traumjob als Küchenchefin eines Spitzenrestaurants (Spezialität: Sauerkraut) gekostet hat: dass sie mit der Frau des Inhabers Sex hatte. Zunächst wollte sie ihren "Ganzkörpernotstand" auf einer gemeinsamen Parisreise von dem brillanten Brian in einem Akt herkömmlichen Ehebruchs kurieren lassen; zumal Robin, die abwesende Ehefrau, einen "Anti-Stil" personifizierte, "der für liberale Frauen eines bestimmten Alters ein Kennzeichen feministischer Identität war". Davon will Denise nichts wissen. Sie flüstert Brian vieldeutig zu: "Ich mag deinen Geschmack", bevor sie in letzter Minute instinktiv von ihm ablässt. Robin hat keinen Geschmack, jedenfalls nicht in dem einen Sinn des Wortes, aber sie ist, wie Denise schlagartig erkennt, "prêt-à-manger": "Hier war der Pfirsich, peng, und schon kam der Genuss." So direkt, so kulinarisch, so bissig formulieren, das kann Jonathan Franzen auch. Glühende Animosität zweier Rivalinnen verwandelt sich in rasende Leidenschaft, und der ahnungslose Brian (oh Mann!) steht daneben, "einen Korb gesprenkelter grüner Erektionen im Arm". Zucchini. Wild wucherndes italienisches Gemüse.

Als Chip noch ein Prof war und an der Theorieresistenz seiner Studenten verzweifelte, machte er eine bemerkenswerte Erfahrung: Melissa, die Studentin, in die er sich tadelnswerterweise ein wenig verguckt hat, vermag seine konsumkritischen Axiome nicht zu akzeptieren, weil sie spürt, dass der große Kapitalismuskritiker von Herzen unglücklich ist. "Alle wissen, dass ‚Kapital' ein schmutziges Wort ist. Und wenn jemand Spaß hat oder reich ist: widerlich!" Und später wirft sie ihrem Lehrer und Lover triumphierend an den Kopf: "Ich liebe mich selbst. Was ist daran auszusetzen?" Vielleicht spricht hier ja die Vertreterin einer enthemmten, postpuritanischen Generation, die nur noch die verbissenen Entwürfe der Älteren zu korrigieren hat, Club-Drogen schluckt und mit sich selbst rundum zufrieden sein kann. Franzens Roman bezweifelt das allerdings vehement. Er zeigt in vielen Facetten, wie unendlich schwer das Erbe der Alten wiegt, und wie relativ wenig unsere wütenden oder vorsichtigen Korrekturen diese Last zu mindern vermögen.

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Die Korrekturen von Jonathan Franzen, 2002, Rowohlt2.)

Die Korrekturen.
Roman von Jonathan Franzen (2002, Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 21.8.2002:

Gemischter Grillteller
"Korrekturen": Jonathan Franzens üppiges Familienporträt

Falsche Entscheidungen, ungute Entwicklungen, unerfüllbare Erwartungen, Fehler mithin, werden korrigiert. Enid korrigiert Alfred, schon seit sie ihn geheiratet hat, was gut 40 Jahre her ist. Der unnahbare, disziplinierte, eigensinnige Alfred - ist er der Fehler im System der Familie Lambert?

Jedenfalls Opferlamm einer perfektionistischen Gattin, der miteinander konkurrierenden Wohlstands-Nachbarn und einer optimierungswütigen Gesellschaft. Was nicht bedeutet, dass Alfred nicht selbst zeitlebens an der Umerziehung seiner Kinder, Mitarbeiter, ja seiner eigenen Person gearbeitet hätte.

"Die Korrekturen" sind das durchgängiges Motiv des gleichnamigen Romans von Jonathan Franzen, der im vergangenen Jahr in den USA literarisch Furore machte. Ein großer, üppiger, porträtierender Familienroman, eine Galerie von Genrebildern: die amerikanische Mittelschicht aus dem Mittelwesten ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart. Heute hat Alfred die Parkinsonsche Krankheit und fällt Enid zur Last.

Und wenn man liest, wie er sich auf der gemeinsamen Kreuzfahrt von den eigenen Exkrementen verfolgt fühlt und versehentlich vom Schiff an seiner verblüfften Frau vorbei ins Meer fällt, dann stellt sich eine bestürzende Tragikomik ein: Einst hat dieser Mann am Abendbrottisch den Sohn vergessen, wo dieser wegen Essensverweigerung zur Strafe schmoren musste, hat seine Frau nur begehrt, wenn sie sich ihm als wehrloses Opfer präsentierte, und ist auch noch an der väterlichen Selbstkorrektur gescheitert: Weil er über die schwangere Enid hergefallen ist, hat er nach seiner Vorstellung die ungeborene Tochter beschmutzt. Von Angst und Mutwille, Repression und Depression, Zwanghaftigkeit und Zugzwang erzählt dieses Buch und von dem Versuch, deren Folgerichtigkeit zu durchbrechen. Doch: "Was Korrekturen möglich machte, vereitelte sie zugleich", lautet die lapidare Erkenntnis nicht nur Alfreds in diesem Buch, sondern auch der trockene Kommentar des personalen Erzählers.

Stürzen lässt er alle seine Figuren, jedoch nicht ganz so bildlich und plötzlich wie den armen Alfred: Gary, der älteste Sohn, fällt wegen klinischer Depression, die seine Frau Caroline mehr herbei reden als beweisen kann, aus dem vorbildlichen Familiengefüge. Chip, der zweitälteste, fliegt von der Universität, weil er sich als Dozent mit einer Studentin eingelassen hat. Als Drehbuchschreiber hat er aber auch keinen Erfolg, weshalb er in Litauen amerikanische Investoren betrügt. Denise schließlich, die kleine Schwester, kocht sich in den Gourmethimmel hinauf, um sich nach der Affäre mit ihrem Chef respektive mit dessen Frau auf der Straße wieder zu finden.

Enid aber gleitet am zwingendsten und unschuldigsten ab, desillusioniert von der mangelhaften Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche - die Kreuzfahrt mit Alfred, ein letztes Weihnachten mit ihren Kindern im maroden Einfamilienhaus und die angemessene Bezahlung eines Patents, das Alfred gehört und zum Zentrum eines biotechnologischen Wundermittels geworden ist.

Eng und nie erzwungen korrespondieren die zahlreichen Motive miteinander, erhellen und ironisieren sich gegenseitig. Und bei aller Bitternis, die den Figuren, dem Leser, dem Autor widerfährt und trotz der Konfrontation mit dem verzweifelt optimistischen Perfektionswahn einer zu Selbsterkenntnis und Verbesserung verdammten Nachkriegsgeneration, kommen hier Witz und Satire nicht zu kurz.

Wenn Enid ihrer Tochter Denise die Affären ihrer Freundin erzählt, weil sie eigentlich etwas über Denises Liebesleben erfahren will, oder wenn Gary die gemischten Grillteller, die er längst nicht mehr ausstehen kann, nur kreiert, damit er nicht den Verdacht seiner Frau schürt, dass er depressiv sei, dann ist das vom schaurig-schönen Humor eines Woody Allen: traurige, hilflose Individuen. Figuren, deren Charakter im Roman durch andere Personen und äußere Umstände definiert ist, die deshalb die eigene Identität unaufhörlich suchen.

Der 43-jährige Jonathan Franzen hat mit seinem dritten Roman Mut auch zu Ungereimtheiten bewiesen: Sein gewaltiges Opus wirkt manchmal uferlos, und fast scheint sich der Erzähler darin zu verlaufen. Bis man den Umweg zu schätzen lernt, weil er wieder eine wahre Geschichte mehr erschlossen hat, die die Figuren und ihr mangelhaftes Selbst bestimmt. Nicht von ungefähr gewinnt gerade das Unkorrigierte in deren Leben, das Rohe, Unbegradigte, das, was beschämt und verdrängt wird, mit der Zeit an Wert.

Dabei ist die Beziehung zwischen Denise und ihrem Vater Alfred die reifste und menschlichste, weil am meisten von Respekt und gegenseitiger Akzeptanz geprägt. Aber auch Enid erkennt, wenn auch spät, die notwendigste Korrektur: nicht mehr korrigieren zu wollen. Eigentlich ein gutes Ende, aber nur weil es offen ist.

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